Gitarre stimmen ohne Stimmgerät – ein Tutorial

Da sich mein Artikel über gtkguitune großer Beliebtheit erfreut, dachte ich: Ich erkläre mal aus meiner langjährigen, wenn auch sehr eingerosteten Erfahrung als klassische Gitarristin, wie ich meine Gitarre ohne Stimmgerät stimme, mit keinem anderen Hilfsmittel als einer Stimmgabel. Tools of the Art: Stimmgabel Stimmen mit der Stimmgabel hat diverse Nachteile: es geht schlecht, wenn ringsrum Krach ist, zum Beispiel schnell vor dem Auftritt hinter der Bühne. Es erfordert Übung und Geduld und wenigstens ansatzweise schon ein trainiertes Gehör. Die Vorteile sind allerdings auch nicht von der Hand zu weisen: es trainiert eben das Gehör, und man ist nicht auf technische Hilfsmittel angewiesen.

Methode I: Fünfte Bünde

Die Saiten einer Gitarre sind im Regelfall – also in der Stimmung E A D g h e‘ – im Quartabstand gestimmt, mit Ausnahme der großen Terz zwischen g und h. Das bedeutet: wenn ich den 5. Bund einer Saite greife, komme ich beim Ton der nächsthöheren Saite heraus – wenn die Gitarre korrekt gestimmt ist. Bei der g-Saite greife ich den 4. Bund, um ein h zu erhalten. D.h. ich kann nach diesem Ton jeweils die nächsthöhere Saite stimmen. Angefangen wird aber mit der A-Saite, da deren A nach dem der Stimmgabel gestimmt werden kann. Dann arbeite ich mich in die Höhe, stimme also die d-Saite nach der am 5. Bund gegriffenen A-Saite, die g-Saite nach dem g, das ich am 5. Bund der d-Saite greife, das h nach dem h, das ich auf dem 4. Bund der g-Saite greife usw. und ganz am Schluß die E-Saite, die ich am 5. Bund greife, nach der A-Saite.

Methode II: Flageoletts

Diese Methode ist ein wenig „für Fortgeschrittene“, die Gitarre muß dafür absolut bundrein sein. Ein Flageolett erhält man, indem man an bestimmten Punkten, etwa dem 12. oder 7. Bund, nicht greift, sondern die Saite nur ganz leicht mit der Fingerkuppe berührt und dann anschlägt. Am besten hebt man den Finger der linken Hand, mit dem man die Saite berührt hat, sofort ab, damit er die Saite nicht dämpft.

Auch hierbei fange ich mit der A-Saite an und stimme diese nach der Stimmgabel. Praktischerweise verwende ich dafür schon das Flageolett am 12. Bund, da der Ton so näher an dem der Stimmgabel ist. Nach demselben Ton stimme ich die g-Saite, die ich am 2. Bund greife (a). Dann die d-Saite, deren Flageolett am 7. Bund ein a ergibt wie das am 12. Bund der A-Saite. h-Saite (am 5. Bund gegriffen) und e‘-Saite werden nach dem Flageolett am 7. Bund der A-Saite gestimmt. Die E-Saite stimme ich meistens zuletzt, indem ich das Flageolett am 12. Bund der E-Saite mit dem am 7. Bund der A-Saite vergleiche. Außerdem gleiche ich sie mit der hohen e-Saite ab.

Warum nicht einfach greifen? Das scheitert schlicht und einfach daran, daß man schlecht z.B. den 12. und den 2. Bund gleichzeitig greifen kann. Beim 7. und 5. Bund mag das ja noch gehen 🙂 Das Flageolett dagegen kann ich anschlagen und klingen lassen.

Feintuning 🙂

Zum Prüfen der Stimmung spiele ich bei beiden Methoden einfach einen E-Dur-Akkord und – erweitert – eine kleine Kadenz. In diesem Zusammenklang stechen Saiten, die noch nicht hundertprozentig genau stimmen, u.U. deutlicher hervor als beim Stimmen, und ich kann entsprechend nachjustieren. Außerdem benutze ich beide Methoden parallel, ich gleiche etwa die Ergebnisse des Stimmens mit Flageoletts mit den Unterschieden, die ich mit der Kombi 5. Bund und leere Saite höre, ab.

So – jetzt spiele ich aber selbst mal, statt nur darüber zu schreiben 🙂

2 Kommentare

  1. Antalis
    Geschrieben am 15. August 2010 um 21:32 | Permalink

    Mich würde mal interessieren, ob es beim reinen Stimmen nach Gehör, d. h. also ohne 5. Bünde oder Flageolett, besondere Tricks gibt. Danke für Antwort.

  2. ryuu
    Geschrieben am 17. August 2010 um 11:09 | Permalink

    Gegenfrage: Wieso willst Du Dir das Leben so schwer machen? Rein nach Gehör zu bestimmen, ob eine Quarte ganz rein ist, halte ich für sehr schwierig. Ansonsten gilt, was ich auch für 5. Bünde und Flageolette empfehle: Immer mal wieder am „lebenden Objekt“, sprich einige Akkorde (nicht nur E-Dur) testen, ob es schon „stimmt“, und am besten mehrere Methoden kombinieren.