Lesbische Blogs? Queere Blogs? Eine Replik auf Nele Tabler

Da mich die karnele letztens erwähnte, genauer gesagt: meine Suche nach lesbischen und queeren Blogs, habe ich das Bedürfnis, etwas zu dem Thema zu schreiben. Zuerst einmal habe ich festgestellt, daß ich differenzieren muß: queer umfaßt für mich mehr als nur ein Synonym für LGBTQ. LGBTQ wiederum ist ein weiteres Spektrum als „homosexuell“, das in einer Denkungsart, die für mich das Wort „gay“ zusammenfaßt, wiederum gedeutet wird als „schwul, und Lesben haben strukturell analoge Baustellen“. queer bedeutet für mich ein Bewußtsein, das die heterosexuelle Matrix in Frage stellt, das strebt, sie zu subvertieren, unterminieren und zu sprengen. Das muß nicht immer dadurch sein, daß $mensch sich die Rolle des anderen Geschlechts aneignet, aber dazu ein andermal. queer ist für mich auch ein Bewußtsein, daß Geschlechts- und sexuelle Identität nicht isoliert von anderen Faktoren – soziale Schicht, ethnische Aspekte, ‚race‘, Religion usw. – gedacht werden können. Intellektuell ziemlich anstrengend, aber für mich eine Chance, überkommene Denkmuster zu sprengen und freier zu werden.

Dann: ich habe einiges gefunden – es fing eigentlich an mit meinem BH-Rant, auf den die maedchenmannschaft aufmerksam wurde, und darüber auf etlich andere Blogger_innen. Ich bin bloß zu sehr mit anderen Dingen beschäftigt, um hier eine ausführliche Linkliste anzulegen. Und was soll ich sagen, es sind mehr Blogs, die ich einem queer-feministischen Spektrum zuordnen würde als daß sie sich mit lesbischen Inhalten beschäftigen. Auf dieser queer-feministischen Ebene kam da eine interessante Vernetzung zustande, über die maedchenmannschaft, über twitter, den Termin für das nächste gendercamp habe ich schon vorgemerkt und mit der berlin femme mafia habe ich auch Kontakt aufgenommen – und mit den Mädels mal einen sehr lustigen Abend verbracht. (Von denen habe ich übrigens gelernt, was ‚oppression olympics‘ ist.)

Drittens: Vernetzung. Von Konny hat ryuu.de keinen Link bekommen, ich glaube, mit riesenheim.net habe ich es dann gar nicht erst probiert. Die Pflege eines manuell geführten Verzeichnisses ist aufwendig, und ich beobachte, daß die Männer, die dann was auf die Beine stellen, eher eine technische Plattform bieten, die dann auch flugs monetarisiert wird. Ich habe keinen Account bei Lesarion mehr, auch der bei Lesopia liegt brach, und queerlee fand ich vom Ansatz her nett, leider war es eine Totgeburt. Zum Teil liegt das sicher an dem Ansatz, den Nele in ihrem Artikel beschreibt:

Als ich ihr erzähle, wo ich mit meiner Suche nach den lesbischen Bloggerinnen begonnen habe, bekommt sie einen Lachkrampf, da sowohl bei Lesarion als auch bei Lesopia im Vordergrund steht: »Ich will bespaßt werden. Ich suche eine Frau fürs Leben oder wenigstens für die nächsten zwei Jahre. Ich will Sex!«

Bespaßung funktionierte auf Lesarion für mich nicht (nicht mein Niveau und nicht meine Themen), die wenigen Frauen, die mich dort interessierten, kannte ich meistens schon und jahrelang war auch Partnerschaft kein Thema für mich.

Viertens: Das explosive Gemisch Lesbe+x. Genau wie „Türke+x“ oder „schwarz+x“ ist „homosexuell plus irgendeine andere marginalisierte Identität“ ein Premium-Los für Ausgrenzungserfahrungen der Spitzenklasse, ein wirklich explosives Gemisch, da stimme ich Neles Freundin zu. Meine Antwort darauf ist Pseudonymie (zumindest oberflächliche), da es mir zu wichtig ist, mit einigen dieser Dinge im Netz unterwegs zu sein. Ich veröffentliche auch unter meinem bürgerlichen Namen, aber zu anderen Themen, und da kehre ich eine ganz andere Seite meiner selbst nach außen – die ist nicht unauthentischer, es ist nur einfach ein anderer Aspekt als die, die ich hier zeige. Daß ich mit einer Trennung dieser Identitäten gut beraten bin, wurde mir erst vor kurzem wieder vor Augen geführt.

Fünftens: Sind Lesben Frauen? Ich kann das nicht generell beantworten, es mag welche geben, die sich vom Begriff „Frau“ distanzieren. Ich persönlich fühle mich als Frau und fühle mich mit dieser Identität auch wohl, allerdings möchte ich immer wieder fragen: Wer definiert, womit dieser Begriff gefüllt werden kann und soll? Und soll das überhaupt irgendwie definiert werden? Für mich impliziert Frau-Sein nicht, daß mich dasselbe interessiert wie andere Frauen. Ich bin zum Beispiel, um ein Klischee zu bemühen, relativ desinteressiert an Mode. Und an Schuhen erst!

Welche Differenzen es mit Heteras gibt, das wurde mir im Zuge der Diskussion klar, die mich auf meine queerness stieß: als ich „aus dem Besenschrank“ kam, wie man unter Hexen sagt und wagte, mich zu vernetzen, als ich in der wicca-inspirierten Praxis auf einmal merkte, wie unpassend die da meist verwendeten Göttinnen-Entwürfe für mich waren, wie wenig Raum die heterosexuell-komplementäre Konzeption vom Göttlichen für nicht-heterosexuelle Weiblichkeiten (und Männlichkeiten) zu lassen schienen, als ich mich total un-pc damit fühlte, daß ich mich angesichts dieses Gefühls von Unpassend-Sein des mir angetragenen Weiblichen mit dem Männlichen identifizierte, nur um wenig später auf schamanischen Wegen damit konfrontiert zu werden, daß „das Männliche“ in dieser Einheitlichkeit nicht existierte. (Meine persönliche Theologie hat sich seitdem ausgesprochen verändert.) Als ich diesen Komplexen, wie sie sich vor mir nicht ohne Konflikte für mich entfalteten, auf einer spirituellen Frauenmailingliste nachging, stach ich in ein richtiges Wespennest und erntete teilweise Kommentare, deren Heteronormativität mich sprachlos machte, nebst einer Diskussion, von der ich mich nach zwei Wochen entnervt zurückzog. Ich schätze den Austausch auf dieser Liste immer noch, doch mein spirituelles Zuhause liegt inzwischen ganz klar in einer auch geschlechtstechnisch bunt gemischten Truppe. Und diese Diskussion war der zündende Funke, aus dem dann später riesenheim.net wurde. Last not least: Ähnlich wie ich nicht automatisch gleiche Interessen mit einer anderen Frau haben muß, garantiert Lesbischsein für mich auch noch nicht ähnliche Interessen. „Lesbenrelevante News“ lassen mich oft kalt, weil sie dann irgendwie doch wenig mit meiner Lebenswirklichkeit zu tun haben. Dafür finde ich bei einer Antje Schrupp immer wieder interessante, bedenkens- und lesenswerte Thesen, auch wenn ich mit ihr nicht immer konform gehe. Wenn wir uns träfen, dann hätte die evangelische, ausdrücklich nicht queere Hetera Schrupp und ich, lesbisch-queere Heidin, sicher einige Differenzen. Doch Differenz muß eben nicht bedeuten, daß man nichts miteinander anfangen kann; möglicherweise macht sie das Leben erst richtig interessant.

3 Kommentare

  1. Geschrieben am 30. August 2010 um 11:07 | Permalink

    Wann hast du denn Konny von lesben.org angeschrieben? Die Webseite ist übrigens ein Einfrauenprojekt, mit sehr viel Arbeit, resp. Handarbeit die darin steckt. Meine Blogs (nur-ein.blog.de und graphische-novellen.blog.de), die ich ihr meldete, brauchten auch etwas bis sie in der Liste auftauchten – und das obwohl ich Konny auch persönlich kenne. 😉

    Ansonsten kann ich nur sagen, da wächst ja gerade was sehr Interessantes im Web heran. Werde deinen Blog in meinem Feedreader abonnieren, um schneller an die Themen zu gelangen.

  2. ryuu
    Geschrieben am 30. August 2010 um 12:21 | Permalink

    Ich habe Konny irgendwann letztes Jahr angeschrieben. Und zwischendrin einfach vermutet, daß ryuu.de mit den ganzen Tech- und Handarbeitsthemen einfach zu „unlesbisch“ ist. Ich vermute auch, daß der Unterschied zwischen den Linklisten einfach darin liegt, daß lesben.org ein Eine-Frau-Projekt ist. Hinter queer.de steht wahrscheinlich eine (bezahlte) Redaktion aus mehreren Personen. Womit wir wieder beim Infrastruktur-Unterschied wären, den ich generell zwischen Lesben und Schwulen wahrnehme: bei Schwulen ist einfach mehr Geld drin, wohl auch, weil sie Werbe-Zielgruppe sind. Aber wohl auch, weil Männer immer noch die sind, die (statistisch gesehen) mehr in der Tasche haben.

    Darüber will ich nicht jammern und ich will auch nicht sagen: Ich geh jetzt hin und zeige Euch, wie das geht. Wäre hochnäsig und paternalistisch. Und ich hätte auch nicht die Zeit dafür. Und keine Zielgruppe zu sein, hat auch seine guten Seiten. Zum Beispiel, daß die Versuchung, die Seite mit Werbung zuzupflastern, im Rahmen bleibt.

  3. Geschrieben am 4. September 2010 um 22:04 | Permalink

    hallo! da waren wir doch alle zu inaktiv und außenweltgedöhns zu busy um a. deinen und karneles blog zu finden und b. uns an der diskussion zu beteiligen. wer, wir? wir sind ein konglomerat aus momentan lesbisch definierten frauen, z.t. feministisch, z.t. queer, z.t. medienaffin, z.T. musikophil die ihren blog leider nicht so intensiv pflegen, wie wir uns das wünschen würden. aber es gibt uns JUHU! schau doch mal vorbei. wenn ich aus dem urlaub zurück bin, verlink ich dich, das ist klar! und: wird konny so viel gelesen? bin ein bisschen komisch, mich schreckt das layout der seite so ab. und: wie findet frau einen blog der sie interessiert, sei es wegen lesbischer oder queerer themen, feministischer themen, dem sprachduktus, musik, diy projekte oder technnixs? grüße, schön sie kennenzulernen pet