Respekt für Weiblichkeiten III: Haarlängen.

Oder: Ein eher anekdotischer Teil der Feminitäts-Geschichte. Um Haarlängen wird ja unter Lesben gerne ein ziemlicher Aufriß veranstaltet. Ja, ich teile den insofern, als ich eine überzeugte Extremlanghaarträgerin bin, andererseits beobachte ich nirgends außer bei Lesbens, daß lange Haare so hartnäckig mit Feminität und kurze Haare mit Maskulinität in Verbindung gebracht werden.

Kordelzopf

Meine persönliche Haargeschichte ist wechselvoll. Die meiste Zeit meines Lebens habe ich meine Haare lang getragen, will sagen, deutlich über Schulterlänge. Einige Male waren sie aus verschiedenen Gründen kürzer: etwa mit 22, als ich sie in einer Phase der wüsten Rebellion nicht nur zu einem Bob schneiden ließ, sondern auch anfing, sie zu färben, bis meine Freunde Wetten abschlossen, mit welcher Haarfarbe ich nächste Woche zur Rollenspielrunde erscheine. Mit 23, als der Versuch, sie selbst zu schneiden, gründlich in die Hose gegangen war, hatte ich zwar einen Haarschnitt, mit dem ich mich beim ersten Hinsehen fast mit einer kürzer geratenen Ausgabe meines Bruders verwechselt hätte, aber ich trug danach noch einen Tick mehr Make Up als vorher. (Das war eine Zeit, wo ich nicht wegen der Haare das Haus ungeschminkt nicht verlassen hätte.) 2000 ließ ich mir Dreads machen und 2004 entschied ich mich, mich von ihnen zu trennen. Diese Konsequenz hatte ich von Anfang an in Kauf genommen. Ich lief also im Sommer 2004 mit einen Zentimeter kurzen Haaren herum und sah aus wie eine 16jährige Autonome. In den Monaten danach wurde, obwohl ich zum Weggehen immer Rock und Make Up trug (Jeans und T-Shirt wären damals für mich noch nicht mal für in die Metalkneipe gegangen), mein Aussehen durchgehend als maskuliner bewertet als mit der wilden Dreadmähne vorher. Als ich im Friseursalon saß und die schwarzen Dreads abschneiden ließ, war das für mich ein haartechnischer Neustart, und es stand für mich fest: Von jetzt an werden sie in Ruhe gelassen mit Farbe und ähnlichen Strapazen. Ich wollte sie lang wachsen lassen, und das mache ich seitdem konsequent. Etwa alle halbe Jahre kommen die kaputtesten unteren Zentimeter von den Spitzen ab, der Rest ist Flechten, Hochstecken, ab und zu eine Kur und schonende Behandlung. Sie haben mittlerweile fast Taillenlänge erreicht. Wann werden sie lang genug sein? Ich denke, unter Hüftlänge mach‘ ich es nicht, aber wer weiß, was die genetisch implementierte maximale Haarlänge hergibt und wie lang mir irgendwann zu lang wird.

Lange Haare an Männern können ausgesprochen maskulin wirken – $mensch denke an all die langmähnigen männlichen Metalheads -, und ich kenne zwei langhaarige Männer, die ich darum beneide, daß ihr Pferdeschwanz trotz Undercut viel dicker ist als meiner. (Vielleicht hat feines Haar auch seine Vorzüge, aber Ihr wißt ja: das Gras, der Zaun, grün und so.) Ich kenne umgekehrt Frauen, die mit rappelkurzen Haaren unglaublich feminin aussehen. Ich hatte eine Affäre mit einer Frau, die trotz langer Haare eine ausgesprochen maskuline Ausstrahlung hatte; ich bin sicher, das lag an ihren breiten Schultern und ihrem Gang. Woher kommt diese Zuordnung langhaarig = feminin und kurzhaarig = maskulin? Klärt mich auf, liebe Leser_innen.

4 Kommentare

  1. Geschrieben am 25. August 2010 um 18:45 | Permalink

    Die Zuordnung langhaarig = feminin und kurzhaarig = maskulin ist rein kulturell bedingt. Allerdings kann ich auch nicht sagen, wer genau damit angefangen hat. Einen kleinen (wenn auch recht groben) Überblick, wie Männer- und Frauen-Frisuren sich im Laufe der Geschichte gewandelt haben, gibt dieser Artikel: http://bellemania.de/meldungen/1/1129/geschichte-der-koerperpflege-von-der-antike-bis-zum-mittelalter/&print=1 Aber die Frage, woher die Zweiteilung kommt, kann der Artikel auch nicht beantworten. Interessant ist jedoch, dass in manchen Kulturen die Frisur auch eine Frage des Standes/Berufes war. Beispiel antikes Griechenland: Soldaten (Männer) kurze Haare, Dichter und Gelehrte (Männer) dagegen lange Haare (Kopf und Bart).

  2. ryuu
    Geschrieben am 25. August 2010 um 21:21 | Permalink

    Ja, daß sie rein kulturell bedingt ist, war mir schon klar… Mich frappiert nur, daß diese Zuordnung in der dominanten Hetero-Kultur längst nicht mehr ganz so festgefügt zu sein scheint, aber dafür in der lesbischen Nische um so starrer… Was ich berichtet habe über die maskuline Bewertung meines Aussehens mit ganz kurzen Haaren, das muß ich präzisieren: ich habe diese Bewertung nur in LGBTQ-Zusammenhängen (ok, meistens auch noch mit gothic dazu, wo dann sowieso maskuline Frauen eher negativ bewertet wurden) zu hören bekommen. Hat mich schon etwas irritiert, so im Rückblick – da hing wohl auch sehr viel Ideologie an der Haarlänge.

  3. Geschrieben am 26. August 2010 um 21:40 | Permalink

    Es begann, als die „alten Zöpfe“abgeschnitten wurden: in der Zeit der Französischen Revolution. Langhaarige Männer, die Kniehosen trugen, waren nicht nur „von gestern“, sondern womögliche Reaktionäre. In der Zeit der Koalitionskriege, Napelonischen Kriege, Befreiungskriege wendete sich das Ideal des „Männlichen“ ganz klar ins Soldatische: nicht mehr Eleganz und Charme, sondern Härte und Disziplin zeichnete den „Mann von Welt“ aus. Aber üppige Bärte und halblange Haare waren im 19. Jahrhundert mehrmals Mode. Interessant ist allerdings, dass der Durchbruch des „männlichen Ideals“ glattrasiert und kurze Haare erst im 1. Weltkrieg erfolgte. Vollbart war wegen der Gasmasken im Grabenkrieg verboten („Rotzbremse“ a la Adolf ging), raspelkurze Haare erleichterten nicht nur das Tragen des Stahlhelmes, sondern auch die Läusebekämpfung. Wer als Mann in den kriegführenden Nationen anders als ein Frontsoldat herumlief, gab sich als „Drückeberger“ oder „elender Pazifist“ zu erkennen.

  4. ryuu
    Geschrieben am 27. August 2010 um 22:15 | Permalink

    Danke für diesen interessanten historischen Einblick!