Mein Klassik-Repertoire und ich

Am Samstag ist es soweit: Ich habe meine erste Gesangsstunde nach Ewigkeiten ohne Solounterricht! Jetzt überlege ich, welches Repertoire ich meiner künftigen Gesangslehrerin (ich hoffe ja sehr, daß die Chemie stimmt) mitbringe, um ihr meine Stimme vorzustellen. Ein spätes Brahms-Lied in für mich relativ tiefer Lage wird auf jeden Fall dabei sein. Aber ich möchte auch noch ein zweites Stück mitbringen. Es sollte von der Lage her höher sein und auch stilistisch eine ganz andere Epoche. Da habe ich Mozarts „Rosenarie“ (aus „Le Nozze di Figaro“), die mich schon mein ganzes Solo-Sängerinnen-Leben begleitet. Dann habe ich eine koloraturgesättigte Händel-Arie, die aber nicht so richtig sitzt. Die Dowland-Lieder, die ich im letzten Jahr immer mal wieder geübt habe (namentlich „In Darkness let me dwell“ und „Go Nightly Cares“ … hach, seufz) gehen von ihrer Lage eher Richtung Alt. Nun, ich könnte noch in die Bibliothek gehen und schauen, ob ich ein, zwei Dowlands, die etwas höher liegen und die ich kann, noch auf die Schnelle kriege… Und dann habe ich da noch Chorrepertoire, wo ich aber auch erst einmal wühlen müßte nach etwas, das ich gut kann und das zu meiner Stimme nicht so ungnädig ist wie der Bach, den wir da im Moment singen.

Da fällt mir mal wieder auf, welche Probleme ich immer wieder habe, geeignetes Repertoire zu finden. Mit dem, was ich in „Das Lied im Unterricht“ (Amazon-Partnerlink) finde, kann man mich jedenfalls meistens jagen. Schumann und Schubert: nee, geht auch nicht – vor allem bei dem Klangideal, das damit meistens gefordert wird, kriege ich einen Knoten im Hals. Brahms dagegen geht (auch, weil ich bei ihm in der Höhe mal „die Stimme loslassen“ und ein entspanntes forte singen kann), und auf Grieg, Sibelius und Tschaikovski ware ich zur Abwechslung auch mal neugierig. Geistliche Musik mag ich nur sehr, sehr eingeschränkt singen, obwohl ich sie teilweise wunderschön finde: das liegt an den Inhalten. (Denen ich mich auch bei lateinischen Stücken nicht entziehen kann, weil mein Latein zwar etwas eingerostet, aber immer noch gut ist. Es liegt auch nicht dran, daß ich das Christentum so bäh finde, sondern daß ich als praktizierende Polytheistin keine Gebete einer monotheistischen Religion mit Alleinvertretungsanspruch singen mag.) Bleibt der weite Bereich der Oper. Hier gibt es schon mal einen Showstopper: Ich mag keine Arien aus Mozartopern mehr singen! Mit denen hat mich nämlich jede_r Gesangslehrer_in, die/den ich je hatte, geplagt bis zum Erbrechen. Was nicht sagt, daß ich an einer schönen Inszenierung einer Mozartoper nicht meinen Spaß haben kann und daß ich nicht auch Mozarts Instrumentalwerke genial finde. Aber was das Selbersingen angeht, da hatte ich zuviel.

Und dann: zumindest, wenn man im Radius der „üblichen Verdächtigen“ im Opernrepertoire bleibt, sind die einzigen Frauenrollen, die ich anziehend finde, oft die bösen Frauen. Denn die dürfen auch mal aggressiv sein, und sie haben eine gewisse Handlungsfähigkeit – auch wenn die Macht der bösen Hexe in der Oper am Ende ja immer gebrochen werden muß. Ansonsten ist das, was mir an Weiblichkeiten im gängigen Opernrepertoire angeboten wird, eher zum Kotzen. Und natürlich heteronormativ bis zum getno. OK, Hosenrollen wären vielleicht noch was. Die gehen dann allerdings, genau wie das barocke Kastratenrepertoire, das ich ja klasse finde, meistens eher Richtung Mezzo, während ich mich bisher eher als hoher Sopran eingeordnet habe. Da muß ich mich wohl in Zukunft ein wenig außerhalb der ausgetretenen Pfade umtun. Und ich bin auch gerade gar nicht mehr so sicher, ob ich wirklich so ein hoher Sopran bin – meine letzte Lehrerin hat mich ja bewußt auf schlank und hell getrimmt, irgendwie wurden aber viele von ihren Schüler_innen irgendwann „klein“ und übervorsichtig mit ihren Stimmen. Mit ein Grund, warum ich mich so auf den Unterricht freue: ich will entdecken, was da noch in meinem Hals steckt.

Nun, ich werde wohl nochmal checken, wie gnadenlos unsicher der Händel ist und ob das für ein Stimme-Präsentieren nicht doch geht. Muß ja nicht konzertreif sein.

3 Kommentare

  1. Geschrieben am 5. Januar 2011 um 18:40 | Permalink

    Finde ich total klasse, daß Du wieder Unterricht nimmst! Viel Spaß!

  2. Geschrieben am 6. Januar 2011 um 11:03 | Permalink

    Auch ich finde es klasse, dass du wieder Unterricht nimmst.

    Unabhängig davon habe ich noch eine Frage: du schreibst, manche Opern seien „heteronormativ“. Was genau macht eine Oper heteronormativ? Woran machst du das fest?

  3. ryuu
    Geschrieben am 6. Januar 2011 um 12:36 | Permalink

    Naja, eigentlich ist nicht eine Oper heteronormativ, sondern das gesamte Opernrepertoire. Zum Begriff der Heteronormativität verweise ich einfach mal auf Wikipedia, der Artikel ist da so gut, daß ich mir jetzt im Augenblick spare, selbst eine knackige Zusammenfassung zu machen. Es ist unter Opernfreunden ein alter Witz, daß man die Handlung der meisten Opern wie folgt zusammenfassen kann: „Tenor liebt Sopran, Bariton spuckt in die Suppe, Baß segnet die Leichen“. Es gibt nahezu keine Abweichungen, was Geschlechtsidentität und -inszenierung, Sexualität und Liebesbeziehungen angeht. Vor allem nicht bei Männerrollen. (Eine einzige Lesbe in der Opernliteratur fällt mir ein: die Gräfin Geschwitz aus Alban Bergs „Lulu“, aber die ist so sehr Teil eines abgefahrenen Kuriositätenkabinetts, und die Textgrundlage davon – Frank Wedekinds Dramen „Erdgeist“ und „Die Büchse der Pandora“ – ist ohnehin ein einmalig abgefahrener Text, daß das den transgressiven Charakter der Figur so gut wie aufhebt.) Jetzt sind Opern zwar Zeugnisse der Zeit, in der sie entstanden, doch soweit ich das mitbekommen habe, gibt es kaum feministisch-kritische Ansätze, die die Oper betreffen, erst recht nicht in der Inszenierungspraxis. Die Musikwissenschaft, sagt die Wissenschaftlerin Susan McClary in ihrem Buch Feminine Endings sinngemäß, sei eine Disziplin, die die seltene Leistung vollbracht hat, bruchlos von Prä- zu Postfeminismus überzugehen. Ich muß ihr da leider zustimmen.

    Speziell zum Aspekt Frauenrollen gibt es ein Buch von Catherine Clément, das ich zwar nicht gelesen habe, dessen Titel aber viel sagt: Die Frau in der Oper. Besiegt, verraten und verkauft. Nun leiden in der Oper immer auch Männer, aber die haben meistens eine andere Handlungsfähigkeit. In einigen komischen Opern können vielleicht auch mal Frauen echte Handlungs-Triebfedern werden. Aber sonst? Und: Mir fällt echt keine Oper ein, die den Bechdel-Test bestehen würde.

    Das alles heißt nicht, daß ich nicht dahinschmelze, wenn ich mir Maria Callas als La Traviata anhöre, und es heißt nicht, daß ich Brünhildes Weltbegrüßung aus „Siegfried“ nicht mal lernen möchte, allein um der schönen Musik willen, aber es läßt mich doch kritisch auf das schauen, was ich da eigentlich singe.

    Das heißt ebenfalls nicht, daß alle klassische Musik, wenn sie nicht geistliche Musik ist, für mich unter dem gender/Sexualitätsaspekt leidig ist; in der elisabethanischen Musik z.B. habe ich etliche Vertonungen von Texten gefunden, die absolut gendernerdkompatibel sind. Im romantischen Lied gibt es auch noch Sachen, die nicht so fixiert sind. Zwischen Lied, Oper und Oratorium gibt es auch sicher noch so einiges zu entdecken, wo es nicht entweder um die Liehiiiiehiiiieeebaäää oder um Glauben geht. Nur – die Oper: da müßte $mensch echt mal mit dem Gender Studies-Sezierbesteck ran.

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