Gentrifizierung. Auch in Neukölln?

Als ich vor 12 Jahren nach Neukölln zog, geschah das aus einer gewissen Not heraus. Ich wohnte damals in einer Zweier-WG in Kreuzberg, hatte mit meiner Hauptmieterin ernsthaften Krach bekommen und brauchte schnell eine Bude. Und preiswert mußte die sein. Das war meine Wohnung damals: Sie kostete mich ungefähr die Summe, die ich heute in Euro bezahle (und die immer noch preiswert ist), in DM. Und ich habe Platz. OK, damals hatte sie noch Ofenheizung, Außenklo und die Dusche mit Elektroboiler in der Küche. Und die Waschmaschine kam sowieso erst sehr viel später. Ein rotes Haus mit grünem Graffiti in Neukölln

Auf der Fassade dieses Hauses in Nord-Neukölln steht: „Die Fassade macht bling und die Kasse macht ching“

Und trotzdem – ich habe meine Bude ziemlich bald lieben gelernt. Das Haus ist an sich schwer in Ordnung, die Nachbarn sind OK, ich habe einen wunderbaren Ausblick und einen Balkon (auch wenn der nach Norden geht), alles Wesentliche in walking distance (hey, mittlerweile sogar eine Packstation!) und die Nahverkehrsanbindung ist traumhaft. Bis 2007, als ich noch studierte, war auch noch von Bedeutung, daß ich noch in zumutbarere Zeit raus an die FU kam. Alle anderen Stadtteile, in denen ich hätte wohnen wollen, wären entweder unbezahlbar gewesen oder hätten mich über eine Stunde Fahrzeit zur Uni gekostet. Eine Richtung, versteht sich.

Nun ist ein Teil von Neukölln in meiner direkten Nachbarschaft Sanierungsgebiet geworden: das Gebiet zwischen Karl-Marx-Straße und Sonnenallee.
Ich sehe das mit gemischten Gefühlen. Noch sind die Mieten für Immobilien in Berlin vergleichsweise günstig, und überhaupt ist das Leben hier vergleichsweise preiswert. Dafür fallen auch die Gehälter eher mager aus. Ein Nullsummenspiel und doch ist die Jagd nach menschenwürdigem Wohnraum hier noch nicht so gnadenlos wie z.B. in München – doch angesichts der Gehälter wirken steigende Mieten genauso als Verdrängungsfaktor wie in Städten, wo alles teurer ist. Und ich würde so gerne sehen, daß alteingesessene Läden wie der Kräuter-Kühne, an dem ich jeden Morgen vorbeigehe, der Schuh-Reparatur-Dienst, der Blumenladen oder die „Reisschale“, wo ich meinen Bedarf an asiatischen Lebensmitteln decke, bestehen bleiben. Läden, wo $mensch Sachen und Dienstleistungen kaufen kann, die dem alltäglichen Leben dienen, Sachen, die sich Leute auch tatsächlich leisten können. Ob die sich halten können, wenn das Gebiet „aufgewertet“ wird und am Ende noch schick wird?

An einer Ecke merke ich die Veränderung der Stadt – der ganzen Wirtschaft? – jetzt schon: Lebensmittel-Discounter gehen mehr und mehr von kleinen Filialen ab. Zum Einkaufen muß ich jedenfalls inzwischen weiter laufen als früher, ich vergeude mehr Zeit in den größeren Filialen, die jetzt in möchtegern-schnieken Malls stecken, finde auch nicht schneller und besser das, was ich brauche und stehe gefühlt genauso lange an der Kasse; Ordnung in den Märkten, Service und Angebot haben sich dagegen nicht verbessert. Komfortablerweise haben die jetzt länger auf. Doch das ist ein Nullsummenspiel. Es ging doch auch mit einem vergleichbaren Streßfaktor, als die Läden noch alle um acht zumachten?

Ein Kommentar

  1. Geschrieben am 6. Juli 2011 um 11:53 | Permalink

    Ueberall wird veraendert und ‚verbessert‘ ohne Sinn und Verstand. Deutschland und Europa versuche ich nicht mehr zu verstehen und die Welt im ganzen auch nicht. Schade, dass ueberall alles nur noch zum 01815 Gedoens umgewandelt wird 🙁 Alles Gute & auf dass zumindest die Mieten in Deiner Ecke noch eine Weile bezahlbar bleiben!