Identity clothing? Ein paar Gedanken über Njulezz.

Da bekam ich vor ein, zwei Wochen eine Mail von einem neuen Mode-Unternehmen. Nun ja, ich und Mode: ich schwanke in meinem Stil ja wüst zwischen Jeans-und-T-Shirt-Nerd, Birkenstock-Ökotante, Metaltante und zaghaften Versuchen von businesstauglichem Smart Casual. Garderobe kann man die wahllose Ansammlung schlecht zusammenpassender Klamotten, die in meinem Kleiderschrank hängt, nicht wirklich nennen. Über ein Jahrzehnt mit einer mehr als knappen Kasse haben mich da mit etwas hinterlassen, worüber ich mir eigentlich nur den Kopf kratze, und eigentlich ist mir Mode mittlerweile schnurz. Ich will mich nur wohl fühlen in dem, was ich da trage.
Ich will Schuhe, in denen ich auch mal, weil mir gerade danach ist, zwei Kilometer gehen kann, ohne daß mir hinterher die Füße weh tun. Absätze gehen gar nicht, bzw. nur zu ganz wenigen Anlässen (Klassik-Auftritte – da aber bitte auch nur minimal, zu hohe Absätze wirken sich negativ auf die Sängeratmung aus -, Opernbesuch, wichtige Businessanlässe, aufgerüscht weggehen). Ich will Hosen, in denen mein Hintern nicht total unförmig aussieht (nur in Armeehosen darf er das, aber Armeehosen sind für Situationen, wo mir Aussehen schnuppe ist: rumhängen im Wald, dreck- oder farbklecksgefährliche Arbeit, Putzen, Renovieren, Möbelrücken). Ich will Klamotten, in denen ich mich bewegen kann. Ich will für den Alltag am liebsten schlichte, klassische, gut kombinierbare Basics: aufhübschen mit Accessoires und Schmuck geht dann immer noch. Und trotz dieser Modemuffeligkeit fühle ich mich als femme, fühle mich in Röcken wohl, schminke mich ab und zu mal gerne, mag sowohl meinen Bizeps als auch meine Rundungen.

Aber gut, gucken wir uns das mal an. „Wir kümmern uns um die schönen Dinge: Frauen“, steht auf der Startseite, und „identity clothing“ soll die Mode von Njulezz sein. Identity clothing. Schon das erste, wo ich schlucken mußte. Allein dieser Ansatz: Klamottur soll also was darüber aussagen, was ich bin. Nun ja. Ist mir i-wo nicht unvertraut, so aus den Zeiten, als ich mich noch als goth identifizierte. Das war aber auch eine Ästhetik, in der ich aufging. Mittlerweile ist mein Bedürfnis, Identität über meine Kleidung kundzutun, nicht mehr so groß; auch, weil meine Identitäten mit den Jahren immer vielschichtiger werden. Es wäre halt auch immer nur ein Teil, den ich damit kundtun kann, und bei manchen Teilen meiner Identität bin ich wohl beraten, sie nicht an die große Glocke zu hängen, will ich mich nicht ständig mit ärgerlichen Projektionen, Mißverständnissen, Anfeindungen auseinandersetzen. (Ja, und manchmal gibt es schlicht keine Gelegenheit, den ersten Eindruck, den z.B. ein Shirt mit Runen hinterließe, durch eine Erklärung zu korrigieren.) Bei anderen wiederum geht das gar nicht: Welche Art von Kleidung sollte mich als Songwriter oder Sopranistin ausweisen? Oder als „Wikinger 2.0“, wie ich mal in einem FollowFriday bezeichnet wurde?

Die zweite Sache: Ehrlich gesagt, sind die Shirt-Artworks auch nichts, was ich tragen würde. Und die Shirts ohne auffällige Drucke sind extra lang geschnitten, etwas, das meinem Körperbau nicht entgegenkommt. Nicht, daß ich nicht dann und wann für Shirts mit Aussage zu haben wäre, nur die, die ich gern tragen würde, muß ich offensichtlich noch selbst entwerfen. Und nicht immer kann oder will ich mir vordergründige Aussagen erlauben. Wenn ja, dann überlege ich mir sehr genau, was auf meinem Shirt steht und welchen Teil meiner Identität ich damit in den Vordergrund rücke.

Die dritte Sache ist, daß ich ja immer tapfer gegen die Annahme kämpfe, lesbisch zu sein, bedinge eine bestimmte Ästhetik. Nee, Leute, von dem, was mich ausmacht, ist das eins der Dinge, die meine rudimentäre visuelle Ästhetik am wenigsten beeinflussen. Wenn, dann stellt mir mein Feministin-Sein ästhetische Fragen und bringt mich dazu, gängige Schönheitsnormen und ihre Auswirkungen zu hinterfragen. Was aber nicht dazu führt, daß ich genau das Gegenteil der althergebrachten Geschlechternormen hochhalten muß.
Und wie wäre es, wenn wir statt dem Anspruch, das das visuell erkennbare gender irgendwas darüber aussagt, wen wir begehren, dazu übergingen, einfach mal miteinander zu reden und aufeinander zu hören?

Ach ja, und liebe NULEZZ-Verantwortlichen: Ich konnte sehen, an wen Ihr diese Mail alles geschickt habt. BCC benutzen wäre wohl das Mindeste, besser wäre, gleich einen Serienbrief daraus zu machen. Wirkt ein wenig unprofessionell. Aber ich wünsche Euch viel Erfolg.

4 Kommentare

  1. elmarie
    Geschrieben am 14. Juli 2011 um 08:23 | Permalink

    bin ganz deiner meinung! punkt für punkt!

  2. sabs
    Geschrieben am 20. Juli 2011 um 10:47 | Permalink

    auch schlechte PR ist PR 🙂 danke für deinen beitrag. ich lese gerne verschiedene meinungen zu unserem projekt. und das ist deine. war interessant. und die sache mit den adressen – da ist eine entschuldigung fällig! soll nicht wieder vorkommen. grüße, sabs von NJULEZZ

  3. ryuu
    Geschrieben am 20. Juli 2011 um 12:19 | Permalink

    Mal ehrlich: wenn ich Euch diese Publicity nicht gönnen würde, hätte ich den Artikel nicht geschrieben. Und es gibt ja die alte Weisheit:

    Allen recht getan ist eine Kunst, die niemand kann.

    In diesem Sinne bin ich vielleicht einfach nicht die Zielgruppe.

  4. sabs
    Geschrieben am 20. Juli 2011 um 14:17 | Permalink

    eine treffende weisheit.

    weiterhin viel spaß und erfolg mit deinem blog. ich schaue immer mal wieder rein.