Was singe ich da eigentlich? – Teil I

Wenn ich in den letzten zwei Wochen wenig gebloggt habe, dann liegt das vor allem an einem: Ich war mit Chorsingen beschäftigt. Wir waren vorletztes Wochenende auf Probenfreizeit – „Freizeit“ ist übrigens irreführend, es heißt nur, daß wir alle zusammen in die brandenburgische Pampa fahren und dort von Freitag abend bis Sonntag mittag proben, bis die Schwarte kracht. Natürlich gibt’s abends noch ein wenig geselliges Beisammensein und am Samstagmittag die Gelegenheit, mal ein Stündchen spazieren zu gehen, doch der Probenplan ist schon ziemlich knackig. Das hieß auch, daß das Wochenende, das ich sonst brauche, um Kraft zu tanken, als solches ausfiel; und da das Probenwochenende auch heißt, nicht besonders früh ins Bett zu komme und um kurz vor acht aufzustehen, habe ich eigentlich noch mehr Schlafdefizit aufgebaut. Den Sonntag habe ich auftrittshalber Friedrichshagen verbracht – morgens 2 1/2 Stunden Stellproben im Union-Kino und abends nochmal 1 1/2 h Probe und gut genauso lange Auftritt. Ich war vollkommen k.o. hinterher.

Bei der Gelegenheit bin ich auf was gekommen, worüber ich schon länger einmal schreiben wollte. Ich habe nämlich mit dem klassischen Gesangsrepertoire ein Problem. Und das ist ein spezifisches Sänger_innen-Problem.

Die Texte.

Wie das mit dem Solo-Repertoire ist, habe ich ja schon mal angerissen, im Chorrepertoire gibt’s aber auch Klopper.

Etwa in einem Brahms-Lied, das ich musikalisch wunderschön finde:

Die Geschichte, die da erzählt wird: Ein Falke beobachtet ein Mädchen, das sich das Gesicht wäscht, und fordert das Mädchen auf, sich zu bedecken,

„daß mir nicht das Herze bricht.“

Drastisch gesprochen: Das ist patriarchal-sexistischer Mist. Die Frau wird durch ihr bloßes Sein verantwortlich gemacht für die Gefühle des (männlichen) Beobachters. Etwas, das weitergedacht zum victim blaming wird und Bestandteil der rape culture ist. Sowas zu singen, ohne wenigstens die Problematik zu erwähnen – das fühlt sich mißlich an. Und dieses Brahms-Lied ist nicht das einzige. In so vielem, was man eben so singt, stecken eigentlich Geschlechterbilder, wo $mensch sich heute nicht mehr streiten kann: das ist ur-reaktionär und gehört den vergangenen Jahrhunderten an, aus denen diese Musik stammt.

Ja, nun kann man sagen: die Texte sind ein Spiegel der Zeit, in dem das meiste entstanden ist. „Spiegel der Zeit“ mag sein. Nur: in dem, was ich vom gängigen Kulturbetrieb mitbekomme, erlebe ich nicht, daß der Kontext solcher Texte mal erwähnt und problematisiert wird, daß die Texte in exakt diesen historischen Kontext gesetzt werden. Unter Sänger_innen scheint mir oft, daß $mensch da lieber nicht zu genau hinguckt, ist ja nur Text, muß $mensch ja nicht so eng sehen…

Nun ist gar keine Klassik singen für mich auch keine akzeptable Lösung, ich frage mich nur: Bin ich die einzige, die da die Neigung hat, pingelig zu sein? Es kommt noch mehr, ich habe auch über die Selbstverständlichkeit, mit der geistliche Werke gesungen werden, was zu sagen… aber das in Teil II.

2 Kommentare

  1. Geschrieben am 18. Oktober 2011 um 22:26 | Permalink

    Wird Dich wohl nicht wundern, aber ich finde das nicht pingelig, sondern im Prinzip sollte es selbstverständlich sein. Zumindest ist es notwendig, dass das mal deutlich unter die Lupe kommt und an dieser Stelle: Danke für den Beitrag, ich bin gespannt auf weitere Folgen.

  2. Geschrieben am 20. Oktober 2011 um 05:00 | Permalink

    Als ich noch im Chor Vocalis in Bietigheim-Bissingen Mitglied war, kamen mir einige der Text auch merk- bis fragwürdig vor.

    Was das Solorepertoire betrifft, so würde ich an deiner Stelle die Texte ändern.

    Auf die weiteren Folgen bin ich genauso gespannt wie Caroona.