Lookism und Feminitätsfeindlichkeit: mein Senf

Dies ist ein ziemlich hektisch hingeworfener Post. Ich habe in den letzten Tagen eine Diskussion um Fem(me)initätsfeindlichkeit in queeren Szenezusammenhängen wahrgenommen, über die ich mich einerseits freue, bei der ich andererseits einen kleinen Groll habe, daß das erst jetzt stattfindet.
Gestern nacht stieß ich auf einen guten Post: Das Problem mit den Äußerlichkeiten – Vom Mobbing in der Schule zu Femininitäts”feindlichkeit” in linken/queeren/feministischen Zusammenhängen und Nadine Lantzsch hat dazu eine Replik geschrieben: Lookism in herrschaftskritischen Szenekontexten, und ich dachte mir: Mensch, ich habe schon so viel zu verwandten Themen geschrieben! Da schreibe ich nicht nochmal dasselbe in Grün, aber es paßt in die Debatte wie die Faust aufs Auge.

Auch ich habe z.T. massive Ausschlußerfahrungen (unter anderem) wegen meiner Kleidung und meiner dadurch nicht signalisierten Zugehörigkeit in der Schule gemacht. Ich habe auch meine Portion body-shaming und fat-shaming abbekommen (unabhängig von meinem objektiven Gewicht – verzerrte Körperwahrnehmung ist fies). Kleidung ist ein (oder fungiert als) Zeichensystem, und ich habe in vielen Kontexten nicht gelernt, es angemessen zu gebrauchen – Ausnahmen mögen spezifische Subkulturen wie gothic und Metal sein.

Die Sache ist: Wenn ich merke, daß ich mich für irgendwas irgendwie anders kleiden sollte (um mich ohne schräge Blicke da zu bewegen), als ich gerade Lust habe, dann ist mein erster Impuls Trotz. Mich für irgendeinen Kontext passend kleiden zu wollen und nicht dem entsprechend, wonach mir gerade ist, fällt mir nur selten ein. Das mache ich z.B., wenn ich einen Auftritt habe, wo ich Klassik singe; da gibt es ohnehin verbindliche Dresscode-Absprachen der Art „schwarze Abendgarderobe, rote Accessoires“. (Das Thema Bühne/Performanz/“eine Rolle spielen“, das in diesem Kontext eigentlich wichtig ist, lasse ich jetzt mal außen vor.)
Was dazu kommt, ist ein Element von Intersektionalität. Ich habe das bei Leah wie folgt kommentiert:

Ich habe mich nie visuell „angepaßt“: vermutlich, weil meine Ästhetik immer von anderen Zusammenhängen geprägt war und ist, die mir auch wichtig sind, temporär sogar immer mal wieder wichtiger als queere (Heidentum, Metal, Gothic,…). Vielleicht auch, weil ich mich mit kurzen Haaren, beim Ausgehen in „nicht-femininer“ Kleidung in meiner Haut derart unwohl, ja „unstimmig“ gefühlt hätte, daß die soziale Unstimmigkeit leichter zu ertragen war. Es war und ist ein ständiger Spagat, zu bestimmen: womit kann ich wo präsent sein, was kann ich zeigen und was nicht? Welchen Verstoß gegen die Normen wage ich?

Mich feminin zu kleiden, war für mich sehr oft verbunden mit dem Gefühl von Ermächtigung, Schönheit und Authentizität. Ich fühlte mich darin stark und sicher. Etwas, das ich nicht hergeben wollte. Nicht mal, wenn ich mich anderenfalls irgendwo leichter hätte bewegen können: ich kannte das Gefühl von Zugehörigkeit und Akzeptanz sehr lange überhaupt nicht und was ich nicht kannte, konnte ich auch nicht vermissen.

Und jetzt krame ich mal in meinen Archiven zum Theme „Fem(me)initätsfeindlichkeit“: Das maskulin-feminin-Schema und ich revisited (ich bezeichne mich mittlerweile durchaus als femme, und ich lehne den Begriff „feminin“ für mich nicht mehr so eindeutig ab, aber ich habe auch den Eindruck, daß das nicht mehr so weitgehend mit hegemonialer Weiblichkeit verwechselt wird.)

Meine Serie „Respekt für Weiblichkeiten“:
Respekt für Weiblichkeiten I
Die Generation L-Word und ich
Haarlängen
Androzentrische Bretter vor den Köpfen
Vom Verlangen des Weibes nach dem Weibe

Meine Leseeindrücke zu „femme! radikal – queer – feminin“

Eine Komplikation, die das Ganze zusätzlich schwer für mich macht, ist das Begehren: mein Begehren, das auf eher feminine, aber nicht hegemoniale und auch nicht definierbare und eingrenzbare Weiblichkeiten anspringt (und daß das strukturell ist und ich mich da in einer marginalen Position erlebe, ist mir auf dem femme-Workshop im Herbst 2010 richtig bewußt geworden). Abgesehen von dem, was ich in meiner „Respekt für Weiblichkeiten“-Serie schrieb, ist Begehren für mich immer noch ein Politikum und eigentlich nochmal einen Artikel wert. Aber dazu ein andermal.

Ich könnte da in der Tat noch tiefer einsteigen. Mir wird jedoch dieser Tage bewußt, wie sehr es Ressourcen voraussetzt, mich intellektuell mit Sachen auseinandersetzen und an Debatten teilzunehmen. Ich brauche emotionale Energie dafür, weil es an oft verletzende Erlebnisse rührt. Ich muß intellektuell dazu in der Lage sein (nach einem normalen Arbeitstag habe ich die geistige Spannkraft dafür in aller Regel nicht mehr). Und schließlich und endlich braucht es Zeit, einen Text zu schreiben und mich zu positionieren.

4 Kommentare

  1. Geschrieben am 14. Dezember 2011 um 10:45 | Permalink

    Vielen Dank für diesen Eintrag und die spannenden Links dazu! Du sprichst da ganz viel an, das mir in Bezug auf Feminität auch aufgefallen ist und das auch einer von zwei Gründen war, die Berliner Szene eher zu meiden.

    Zum Femme-Buch, lohnt es sich denn trotzdem, das mal zu lesen? Unsere Bibliotheken haben das offenbar alle nicht, daher war ich noch nicht sicher, ob ich es mir kaufen soll.

  2. Geschrieben am 14. Dezember 2011 um 11:13 | Permalink

    Nachtrag: Also das mit dem Meiden der queeren Szene war vor allem vor einigen Jahren. Jetzt bin ich ab und zu wieder in der queeren (eher linken) Szene dabei, wenn auch eher selten, aber das, weil ich momentan nicht so viel Wert auf neue Kontakte lege. Aber das Erschreckende ist, dass ich dies genau dadurch erreichen kann, dass ich dort in sehr femininer kleidung auftauche. :/

  3. ryuu
    Geschrieben am 14. Dezember 2011 um 12:03 | Permalink

    Zum Femmebuch: Ja, es lohnt sich auf alle Fälle. Sind einige sehr gute Ansätze dabei! Und mein Angebot steht, daß ich Dir das mal leihe.

  4. Geschrieben am 14. Dezember 2011 um 13:51 | Permalink

    Stimmt, das hattest du ja mal angeboten. 🙂 Ja, das wäre cool – aber am besten NACH meinem Umzug. g