Über Begehren.

Das tl;dr steht diesmal am Ende, um Euch zu animieren, mein Zeug doch zu lesen.

Nach längerer Pause fühle ich mich mal wieder gedrängt, was über das ein queeres Thema zu schreiben. Nämlich über eine Variable, die in den Gleichungen, die ich so in der queeren/feministischen Blogosphäre in letzter Zeit gefunden habe, nicht zu meiner Zufriedenheit vorkommt und auch in meinen Augen in LGBT-Kontexten oft nicht ausreichend von gender getrennt wird.

Warum schreibe ich überhaupt über solche Dinge, die von vielen als privat und intim eingestuft werden? Weil sie Gegenstand gesellschaftlicher Machtverhältnisse und Denkstrukturen sind. Weil auch das Privateste und Intimste politisch sein kann.Weil ich erlebt habe, wie meine schmerzhaften amourösen Komplikationen mit Sätzen wie „Du legst dich zu sehr fest“, „Du suchst am falschen Ort“ (ohne mir einen richtigeren zu nennen) etc. abgetan wurden. Weil ich (auf der Grundlage dessen, was ich an mir wahrnahm) beschrieb, was mich erotisch anspricht, und das als Bedingung an eine potentielle Partner_in verstanden wurde, auf die ich „mich kapriziere“, und mir deswegen unterstellt wurde, ich stellte zu hohe Ansprüche an eine potentielle Partnerin. Weil es mich frustrierte, daß ich, wenn ich denn einmal als Lesbe gelesen wurde, notorisch von maskulinen Leuten begehrt wurde und mich schämte, deren Begehren einfach nicht erwidern zu können. (Ich spare hier bewußt meine Komplikation in Sachen „Flirten mit Frauen in nicht-LGBTQ Kontexten“ aus, weil mir das einen eigenen Artikel wert ist.) Weil ich mich zugleich aber einfach nicht maskuliner inszenieren konnte und wollte. Weil ich auch mein Begehren einfach nicht ändern konnte, kann und will.

Ich möchte es nicht „sexuelle Orientierung“ nennen. Könnte ich, aber für mich ist es treffender, das, was ich meine, als Begehren zu bezeichnen. Auch aus dem Grund, daß es spezifischer sein kann. Genauso wenig, wie heterasexuelle Freund_innen von mir alle Männer gleichermaßen interessant finden, springe ich nämlich auf alle Frauen an.
„Begehren“ bezeichnet für mich ein erotisches Interesse an einer Person, mit einem Spektrum, das von „jemanden süß/sexy finden“ über „rawr!!!“ bis „ich bin unsterblich verliebt“ reichen kann.

Als ich in der lesbischen Szene unterwegs war, hatte ich öfter das Gefühl, daß die angebliche gemeinsame sexuelle Orientierung, die mich mit den Frauen dort verbinden sollten, ein Phantom war. Mein Coming Out begann damit, daß ich mir bewußt wurde, daß das, was ich da für Mitschülerinnen empfand, ja erotisch war – und das waren junge Frauen „von nebenan“, eher auf der femininen Seite, genau wie ich selbst.
Das sehe ich erst einmal unabhängig von meiner femmeininen gender expression und zugleich ist eben dieses Begehren nach Weiblichkeit(en), nicht meine gender identity, das, was mich queer macht. Die hat damit zu tun, wer ich bin/sein will. Begehren befaßt sich damit, mit wem ich erotisch zusammen sein will. Und da fängt es für mich an, kompliziert zu werden, den da gehören zwei dazu.

In meinem Fall heißt das: Mein Begehren verhält sich nicht komplementär dazu, daß meine gender identity eine weibliche ist und meine Inszenierung meistens als feminin gelesen wird. Ich springe auf Weiblichkeit an. Nicht notwendigerweise hyperfeminine (im Gegenteil, bis zur Sterilität zivilisierte Hyperfeminität spricht mich eher nicht an), und die Art von Weiblichkeit, die mich anspricht, ist für mich auch nicht zu definieren. Vielleicht ist sie am ehesten zu beschreiben als „feminine Ausstrahlung“, so schwammig und vollkommen subjektiv diese (Nicht)Definition sein mag. Die kann eine Frau in vollem Diva-Staat haben, aber genauso in Ausgehuniform (auch wenn in diesem Fall die Pazifistin in mir gequält zusammenzuckt). Die kann eine Frau mit kurzen Haaren haben, genau wie eine auch mit taillenlangen Locken maskulin wirken kann (unabhängig davon, daß ich lange Haare an Menschen aller Geschlechter mag). Es gibt keine objektiven Kriterien, und daß ich auf eben jene feminine/weibliche Ausstrahlung mit Ecken, Kanten und Lebendigkeit anspringe, kann ich nur aus langjähriger Selbstbeobachtung extrapolieren.
Wenn ich gelegentlich sage, ich sei eine Femmes begehrende femme, dann ist das eine grobe Vereinfachung. Mein Begehren schert sich nämlich einen Scheißdreck darum, wie sich eine Frau selbst bezeichnet; vielen der Frauen, bei denen ich „rawrrrr!“ sage, würde es nie im Traum einfallen, sich als femme zu bezeichnen.

Was ist das Problem dabei? In vorgefertigte Schablonen der queeren Szene paßt das nicht rein. Nun sagen Leute, die mit dem Strukturellen daran wenig anfangen können: „Wieso, wir sind doch alle verschieden, dann paßt du halt in kein Schema, was ist das Problem, ist doch gut, sich nicht an Schemata zu halten.“ Das leugnet aber die Machtstrukturen und das Denken in heterosexistischen Schemata, die auch in der queeren Szene noch virulent sind. Ohne jede böse Absicht, sondern einfach, weil wir alle in einer Kultur leben, von deren Denkmustern wir uns nicht unbegrenzt frei machen können – was nicht heißt, daß der Versuch nicht unendlich lohnenswert ist. Ich meine nur, daß es ehrlich und förderlich ist, die vorhandenen Denkmuster erst einmal zu benennen und nicht so zu tun, als hätten wir sie schon überwunden – das gäbe ihnen erst recht die Macht, weiter unausgesprochen und nun umso schwerer diskutierbar Einfluß auszuüben.

Es wäre hier noch eine Menge mehr zu sagen: Zum Beispiel darüber, daß ich in puncto Erotik/Begehren/Sexualität durch meine Erfahrungen ganz woanders stehe als andere Queers und warum ich darin nicht (nur) mein persönliches Pech sehe; über Isolation; darüber, wie „Single sein“ als defizitärer Zustand gesehen wird; warum es mich frei macht, nicht auf meine Aussichten auf dem „Beziehungsmarkt“ zu schielen; was das mit Gothic, Hyperfeminität und der „Generation L-Word“ zu tun hat. Und es ist mir ausgesprochen wichtig zu betonen, daß es meiner Solidarität mit butch-begehrenden Frauen und butches keinen Abbruch tut, daß mein Begehren anders gelagert ist.
All das ist Stoff für noch ein paar Artikel. Für dieses Mal noch eines:

Was ist meine Utopie? Vielleicht: Zusammenhänge, in denen dieses unkategorisierbare Begehren kommuniziert und erkennbar werden kann; in denen ein Flirt zwischen zwei femininen Personen genauso als Flirt gelesen würde wie einer zwischen einer, die als butch und einer, die als femme gelesen wird.
Oder, wenn ich den Bogen größer spanne: Eine Welt, in der ich mit der niedlichen Cosplayerin auf einer Geek-Veranstaltung mit genau derselben Ernsthaftigkeit flirten kann wie sie mit dem männlichen Geek nebendran und hinterher niemand das eine als nette Unterhaltung, das andere als Flirt wahrnimmt; eine Welt, in der queere Communities nicht mehr notwendig sind, weil das, was wir heute noch mit LGBTQ und anderen Buchstabenkombinationen bezeichnen, vollkommen alltäglich ist und überall (in Blockbuster-Filmen, in Fitnesszeitschriften, in der Politik, im Theater, in der Literatur, im Schulunterricht, in der Wissenschaft) mit derselben Natürlichkeit und Selbstverständlichkeit gedacht wird und vorkommt, wie sie heute heterosexuellen Beziehungen vorbehalten ist.

Ist das unrealistisch? Ich halte es in dieser Frage mit den Singvøgeln:

Du Wirklichkeit – ja, da schau her:
Ich bin gekommen, dich zu ändern
– Singvøgel, „Schwanenritter“

tl;dr: Ich mache mir Gedanken um Begehren und seine (Un)Abhängigkeit von gender identity. Für mich sind das zwei Paar Schuhe. Ich springe vielleicht gar nicht auf femmeness an, sondern auf feminine Ausstrahlung. Und ich habe ein Problem mit der Unsichtbarkeit und Undenkbarkeit von femme-femme-Begehren in queeren Zusammenhängen.

3 Kommentare

  1. G.
    Geschrieben am 24. März 2012 um 00:57 | Permalink

    Ey, das Schamgefühl kenne ich auch. Bei mir ist es so: Ich werde glaube ich als butch bis transmaskulin gelesen, springe aber tendenziell auf butchige Frauen und verschiedene Männlichkeiten an. Ich würde sagen, bei mir ist es eher die gender identity, die mich queer macht und ich befürchte, dass mein (neues) FrauenLesben-Umfeld das nicht in Betracht zieht sondern mich ohne zu fragen in eine Begehrensschublade kategorisiert hat, die nicht auf mich passt… auflösen mag ich es aber auch nicht.

    Ich finde es übrigens sehr interessant deine Posts über deine gender/Begehrens-Konstellation zu lesen. Mach ruhig weiter so 🙂

  2. tigr~
    Geschrieben am 27. März 2012 um 00:53 | Permalink

    Kann mich G. nur anschliessen, ich find’s auch voll interessant und freu mich, dass Du darueber oeffentlich schreibst 🙂

  3. Geschrieben am 2. April 2012 um 11:58 | Permalink

    Auch ich freue mich immer wieder über deine Stimme im queeren Raum. Bitte nicht entschuldigen, dass du über solche Themen im Allgemeinen und entlang deiner eigenen Erfahrung im Besonderen schreibst!

    Mein eigenes Hauptbegehren ist zwar nicht femme-femme, aber ich kenne einiges dieses ganz speziellen Nichtvorkommens in queeren und sonstigen Welten trotzdem aus eigener Erfahrung. Fühlte sich jedes Mal ganz schön scheiße an. Und was die Utopie angeht, bin ich voll bei dir, bezogen auf eigentlich alle Gender-/Begehrenskonstellationen, nicht nur femme-femme, aber explizit auch femme-femme.

Ein Trackback

  1. […] Eine schöne Geschichte übers Begehren hat auch Wir lieben Konsens diese Woche. Und auch ryuus Hort setzt sich damit auseinander. […]