Goth/Lesbe I: Über Selbstbezeichnungen, Zerrissenheit und Normen.

tl;dr: „Labeling is disabling“ stimmt für mich nur dann, wenn es sich um Fremdzuschreibungen handelt; Selbstbezeichnungen und Positionierungen können ermächtigend sein.

Eine Frage, die immer wieder an mich herangetragen wurde, war, warum ich mich denn so kategorisieren müsse. Die kam vor allem, wenn ich mich abgrenzte, oder wenn ich eine von irgendeiner Norm abweichende Identität beschrieb. Oft genug wurden mir dann Ratschläge gegeben wie „aber jede_r ist doch einzigartig“ oder „also, ich bin einfach ich und wem das nicht paßt, der kann mich mal“.1

Für mich ging diese Strategie nicht auf. Immer da, wo ich mit Normen kollidierte, mich einfach auf ein „ich bin halt ich und Normen interessieren mich nicht“ zurückzuziehen, fühlte sich für mich eben wie ein Rückzug an; jegliche Kategorisierung, jeden Begriff für mich selbst zu vermeiden hieß, irgendwann überhaupt nicht mehr in verständlichen Begriffen über mich, mein Sein, das, was mich ausmachte, sprechen zu können; ein Gefühl, als würde der Raum, in dem ich mich bewegen konnte, immer kleiner und kleiner. In letzter Konsequenz wäre das eine kulturelle und soziale Auslöschung gewesen.

Wovon rede ich konkret? Vielerlei Erfahrungen. Namentlich die, Minderheit in der Minderheit zu sein in den Jahren, als ich mich als gothic und lesbisch identifizierte2 und in jeder der beiden Subkulturen fremd blieb: in der Gothicszene als Lesbe, in der Lesbenszene als feminine Grufte (und ich konnte Dreadlocks und Stahlkappenstiefel tragen, soviel ich wollte: ich wurde feminin gelesen). Irgendwie ist diese Erfahrung mein Prototyp für viele andere Erfahrungen von widerstreitenden Identitäten geworden.Mehrere Jahre lang fühlte ich mich mit dieser Zerrissenheit allein. Es waren ja nicht nur (scheinbare) Äußerlichkeiten (dazu ein andermal mehr). Ich zweifelte an mir, stellte meine Wahrnehmung in Frage; die Normen wurden ja auch nie explizit gemacht: ich sah halt in lesbischen Kreisen nur einfach keine, bei der ich auch nur näherungsweise Ähnlichkeiten empfand; es war nie jemand offen feindselig zu mir, ich wurde nur ignoriert. In der Gothicszene war ich allein unter Heten, was manchmal nicht schlimm war, manchmal mir jedoch auch ein Alien-Gefühl bescherte, wenn mich etwa das Gefühl beschlich, daß ich in dem unterschwellig allgegenwärtigen Spiel namens Hetero-Flirts einfach nicht mitspielte, wenn das einfach an mir abperlte.

In dem Moment, wo ich andere fand, die ähnliche Erfahrungen machten, fiel eine Last von mir ab. Dieses Wiedererkennen, das „ach, dir geht das auch so?“, machte mir auf einmal möglich, Strukturen zu erkennen, unausgesprochene Normen, Mechanismen, die Ausschlußgefühle bewirkten. Es tat gut, auf einmal nicht nur eine Person zu haben, mit der ich über doofen Heterosexismus in unseren geliebten Clubs reden und über halbgare Lesbenpornoästhetik in Gothic-Kalendern streiten (oder wie ein Herz und eine Seele lästern) konnte, andererseits mich auch darüber austauschen konnte, auf welchen Homoparties denn halbwegs erträgliche Musik lief oder einhellig darüber jammern konnten, daß lesbische Parties für feminin aussehende Frauen ein feindseliger Ort waren, während wir zwischendrin Musikempfehlungen von Tiamat bis 4AD-Produktionen austauschten oder uns für Mittelaltermärkte verabredeten.
Es war auch in diesen kleinen Zirkeln nicht alles gut und nicht alles eitel Harmonie, aber die ständige Frage: „Bin ich verrückt?“, das ständige Infragestellen meiner eigenen Wahrnehmung verschwand.

Selbstbezeichnungen wurden ziemlich wichtig für mich: zum einen als „gegen“, nämlich als Anderes einer Norm, die mich ausgrenzte, zum anderen aber auch als positive Bezeichnung dessen, als was ich mich empfand. „Labeling is disabling“ kann ich deshalb anerkennen, wenn es um Fremdzuschreibungen geht; für Selbstbezeichnungen gilt das jedoch eher nicht. Zu wissen: Das, als was ich mich da empfinde, ist ’normal‘ im Sinne von ’natürlich‘ und ‚gesund‘ (alles Worte, gegen die $mensch als Dekonstruktivist_in sehr viel haben kann), jedenfalls nicht monströs und ‚krankhaft‘, ‚abartig‘ und vollkommen unverständlich, und es gibt einen Begriff dafür – das war schon das eine oder andere Mal befreiend und eine Riesenerleichterung für mich.

Wie kam ich also raus aus diesen Zwickmühlen?

  1. Andere zu treffen, die ähnliche Erfahrungen machten: siehe oben.
  2. Mit den Jahren kamen noch ein paar Identitäten dazu. Wären Identitäten Tags, ich würde mit einer reichhaltigen und sich ständig verschiebenden Tagcloud durch die Gegend laufen. Interessanterweise entlastete mich das Dazukommen von noch mehr Identitäten, als würde sich das Zerrissensein zwischen zwei Subkulturen durch noch ein paar (mehr oder weniger marginale) Identitäten in einen ausgeglicheneren Zustand verwandeln – vielleicht lag es auch an Begegnungen mit heterosexuellen geekigen Menschen, die eben dieses Alien-Gefühl nicht zu kennen schienen.
  3. Analyse dessen, was ich beobachtete, besonders die geschriebene und veröffentlichte, wurde für mich ein Werkzeug, mir Macht und Handlungsfähigkeit zurückzuholen. Sie macht es mir möglich, den Vorwurf, das sei alles nur mein Privatpech, oder ich mache nur aus einer Mücke einen Elefanten etc., zurückzuweisen und Ausschlußmechanismen, Machtverhältnisse, Praktiken und Normen zu konfrontieren, die mir das Leben schwer machen.
  4. Institutionen zu schaffen, an denen die „Minderheit in der Minderheit“ Platz haben konnte: in meinem Fall einen Stammtisch und zeitweise auch eine Party. Einen Raum für uns. Mir war es wichtig, das nicht nur als privaten Freundeskreis zu kultivieren, sondern einen festen Ort zu schaffen, an dem sich Leute treffen konnten: das hatte für mich ein anderes kulturelles Gewicht. Die Parties prägten zudem die Szene(n) mit und hatten eine andere Sichtbarkeit, einen mehr öffentlichen Charakter als ein bloß privates, informelles Netzwerk. Daß die Parties und der Stammtisch private Netzwerke förderten und umgekehrt auch davon profitierten, ist gar keine Frage.
  5. Die Erfahrung, eine Gemeinschaft zu haben, in der ich mich als ganzer Mensch gesehen fühle und nicht das Gefühl habe, mit Dingen, die mir wichtig sind, auf Desinteresse oder Unverständnis zu stoßen.
  1. Siehe auch diesen Kommentar zu einem etwas älteren Artikel.
  2. das war, grob gesagt, so zwischen 1998 und 2006; das ‚lesbisch‘ ist geblieben, gothic ist für mich in den Hintergrund getreten

2 Kommentare

  1. Geschrieben am 23. April 2012 um 00:46 | Permalink

    Das Bild mit der Tagcloud finde ich großartig. Die hätte ich auch gern um mich rumschweben.

    Und sonst: kenn ich.

    Momentan befinde ich mich mal wieder in einer Phase, in der ich vieles identitätsformendes nicht gut (und schon gar nicht einfach!) benennen kann, weil es kaum Begriffe dafür gibt (und schon gar nicht in allgemeinverständlichem Deutsch). Das macht mich oft einsam, weil es eben kein Identitätsbonding über solche Begriffe mit anderen gibt. Und es macht mich oft wütend, weil ich mangels brauchbarer Verortungsbegriffe und daher mangelnder Anderswo-Verortung plötzlich von mainstreamigen Menschengruppen als „eine der Ihren“ vereinnahmt werde, zu denen ich nicht gehöre und auch nicht gehören will.

    Andererseits eröffnet das Mich-erklären unter Verzicht auf solche Schlagwort-Labels manchmal auch ganz neue Möglichkeiten, mit anderen Menschen in Verbindung zu treten. Manchmal. Aber ein Ersatz ist das trotzdem nicht.

  2. ryuu
    Geschrieben am 23. April 2012 um 14:16 | Permalink

    Ja, das mit dem gar nicht gewollten Fremd-Verortung im Mainstream, die ja sozusagen als „Default“-Modus stattfindet, das ist mir auch schon aufgefallen. Also, daß ich dieses unfreiwillige „passing“ oft als unangenehm erlebe. Und das mit dem „Sich-Erklären unter Verzicht auf Labels“ funktioniert IMHO nur, wenn das Gegenüber bereit ist, zuzuhören.

Ein Trackback

  1. […] ob sie passt oder nicht. Dabei ist es für diskriminierte Grup­pen und Per­so­nen die Grund­lage ihrer Emanzipation, mit Selbst­be­schreibungen statt Fremd­zu­wei­sungen zu […]