Warum ich gerne eine femme bin

tl;dr: Bei allem K(r)ampf mit femme-Feindlichkeit in der queeren Szene, stereotypen Zuschreibungen und dem ewigen Vorwurf, femmes verhielten sich konform mit gesellschaftlichen Erwartungen an Frauen etc. ist Feminität etwas Schönes.

Mir fällt gerade, angeregt durch eine Diskussion anderswo, auf, daß ich hier lang und breit über Feminität geschrieben habe und was mir das alles beschert, aber noch nie mal explizit gemacht habe, warum ich auf meine Feminität nicht verzichten mag und warum sie für mich etwas Schönes ist.

Der ewige Vorwurf lautet ja: Frauen, die sich feminin inszenieren, fügen sich dem gesellschaftlichen Druck auf Frauen, gefälligst feminin zu sein, machen sich damit zu Kollaborateurinnen eines frauenfeindlichen Systems, das Frauen zwingt, bestimmten Verhaltens- und Aussehensnormen zu genügen.

Nun ist gesellschaftlicher Zwang zu (einer bestimmten) Feminität natürlich kacke, aber das Gegenteil ist, wie so oft, genauso falsch. Auch ich entspreche in vieler Hinsicht verbreiteten weiblichen Schönheits- und Verhaltensidealen nicht. Auch ich stöhne, wenn nicht enthaarte Achseln zum Skandal gemacht werden und wenn Leute sich vor nicht rasierten Intimzonen ekeln. Auch ich enthaare meine Beine zwar gelegentlich, bin aber meistens zu faul dazu und was solls, unter Jeansbeinen oder dicken Strumpfhosen sieht eh niemand den Pelz. Nagellack und ich, das klappt auch nicht, schon wegen der Gitarre nicht (einmal spielen und der Lack ist ab), und meine sorgfältige Nagelpflege ist genauso sehr ein Gitarrist_innen-Ding wie ein femme-Ding. Auch ich trage nicht jeden Tag Make Up. Auch ich grabsche mir unter der Woche meistens eine halbwegs saubere Jeans und ein sauberes T-Shirt aus dem Schrank und denke nicht lang übers Anziehen nach – Hauptsache, ich erwische nicht Farben, die sich total beißen. Wenn es um Shopping geht, habe ich nicht an Kleidern und Schuhen Freude (das schiebe ich sogar meistens raus, bis es nicht mehr anders geht als mal wieder was einzukaufen), sondern an Büchern, Technik und Musikinstrumenten. Und auch wenn ich mich mit meinem derzeitigen Gewicht nicht so wohl fühle und gern wieder fitter wäre, muß ich das Spiel mit der Abwertung von Frauenkörpern, die nicht bestimmten Normen entsprechen, nicht mitspielen. Frauenzeitschriften sind für mich ein fremdartiges Paralleluniversum.

Und trotzdem mag ich mir meine Feminität, so wie ich sie lebe, nicht nehmen lassen.
Mein Körper legt es wirklich nahe, mich feminin zu inszenieren. Selbst in meinen schlanksten Zeiten mit 14/15, wo ich am Rand des Untergewichts stand, hatte ich – so nahm ich es wahr – einen „dicken Hintern“. In den Hosen, die ich damals bekommen konnte, fühlte ich mich unförmig. Aber in Kleidern und Röcken, da konnte ich mich auf einmal anschauen; da wurde aus dem Unförmigen auf einmal eine Kurvigkeit, mit der ich mich schön finden konnte.
Wo ich mich im Schulsport als kleine Person mit damals nicht besonders guter Kondition, die mit Bällen nicht klarkommt, nur quälte, da konnte ich im Ballett Stärken ausspielen: Koordination, Gespür für Bewegung, Beweglichkeit, Musikalität.

Die Verknüpfung von Haarlänge zu gender ist zwar nicht mehr so zwangsläufig (zumindest außerhalb von LGBTQ-Zusammenhängen, wo lange Haare an als weiblich wahrgenommenen Personen meiner Erfahrung nach sehr stark mit Feminität assoziiert werden), aber lange Haare tragen dazu bei, daß ich als feminin wahrgenommen werde. Und ich mag meine Haare auch deutlich länger als schulterlang, finde lange Haare praktischer, komme besser damit klar, mir Zöpfe zu flechten oder meine Haare hochzustecken (das ist übrigens meistens weniger Arbeit als einen Zopf zu flechten) als kurze Haare davon abzuhalten, in alle Richtungen abzustehen.

Feminität: das war und ist nichts, was mir aufgezwungen wurde bzw. wird, sondern ich fühl(t)e mich damit schön, stark und mit mir selbst im Einklang. Mich aufbrezeln, mich schön machen, das war niemals etwas, was von mir verlangt wurde, sondern etwas, das ich mit Lust und freiwillig tue. Vielleicht kann ich das genau wegen meiner gender-relaxten Erziehung: ich mußte nie „ein nettes, braves Mädchen“ sein, kann mich nicht erinnern, jemals gegenderte Kleidung anziehen zu müssen, die ich nicht mochte; ja, ich war sogar mit 12 mal ziemlich unglücklich über einen Haarschnitt, den ich viel zu frech fand (ich wollte damals nicht frech sein, was nicht an irgendwelchen Gendersachen hing, sondern schlicht an einem übermäßig konfliktbeladenen Alltag). Wenn ich im Alltag fast nur Hosen trug, dann war das damit begründet, daß ich mir ansonsten in meiner eiskalten Schule den Allerwertesten abfror, und als ich aus der Schule raus war, trug ich (wenn ich mich recht erinnere) erst einmal zwei Jahre lang fast nur Röcke.
Wenn ich in die Oper ging, wurde aus dem unscheinbaren, altklugen Mauerblümchen, das ich im Alltag war, auf einmal eine begehrenswerte Person. Wenn ich in der Schultheater-AG auf der Bühne stand (immer in weiblichen Rollen), dann war ich die Person, die ich sein wollte, fühlte mich schön und stark. Heute fühle ich mich schön und stark, wenn ich vor Publikum singe, rede oder ritualisiere, und mich dafür schön zu machen, gibt mir ein Gefühl von Präsenz und Stärke.

Um das Thema des Anfangs wieder aufzugreifen: Wo alles Feminine tabu ist, wo genau das Gegenteil der derzeitigen Schönheitsideale und Verhaltensnormen hochgehalten wird, fühle ich mich extrem unwohl; das ist eine genauso restriktive Welt wie eine, in der ich doof angeguckt werde, weil ich meine Achseln nicht enthaare.

Feminität gibt mir das Gefühl, schön, stark und begehrenswert zu sein, nicht weil ich damit irgendwas herstellen muß, ohne das ich mich defizitär fühle, nicht, weil ich ansonsten ausgegrenzt werde, sondern weil ich mich damit stimmig und authentisch fühle. Allen einengenden Konstruktionen und Zuschreibungen von Weiblichkeit zum Trotz: Meine Weiblichkeit nehme ich mir raus. Sie ist eine Kraftquelle und sie gehört zu mir.

Ein Kommentar

  1. Geschrieben am 29. April 2012 um 15:39 | Permalink

    So eine bipolare Welt, in der die einen alles verdammen, was noch woanders als auf dem Kopf Haare hat, und die anderen bei jedem bisschen Aufbrezelung den Verdacht haben, da stütze jemand das Patriarchat, ist einfach anstrengend. Ich freue mich, dass Du Deinen dritten Weg gehst und daraus Kraft ziehst 🙂