I can haz Ponyhof?

Manchmal bin ich einfach nur müde.

Nicht in einem wörtlichen Sinn (auch das kommt vor, ist aber eine andere Baustelle), sondern in Bezug auf Feminismus/Queer-Aktivist_in sein. Manchmal habe ich die Schnauze voll davon, zum zweiunddrölfzigsten Mal dieselben Grundlagen zu erklären. Oder ich schreibe einen superdifferenzierten Post und in den Kommentaren kommt jemand her und holzt undifferenziert durch die Gegend, möglichst noch aus privilegierter Perspektive. Dann geht mir die Geduld aus, freundlich zu sein.
Dann würde ich am liebsten Leute anranzen – oder mich alternativ in einen Raum zurückziehen, wo alle lieb zueinander sind und niemand auch nur aus Versehen doofe Machtverhältnisse reproduziert. Einen flauschigen, kackscheißfreien u.a. queerfeministischen Ponyhof.
Das Problem ist: Es gibt diesen Raum nicht. Bzw. es gibt Räume, die freier von Kackscheiße sind als andere, oder in denen wenigstens ein Faktor bedeutend reduziert, wenn nicht ausgeschaltet ist, oder wo ich wenigstens einen Kackscheißfaktor mal temporär vergessen kann. Und die brauche ich auch; nur dort, wo ich nicht gegen immer dieselben Windmühlen immer dieselben Basics ständig verteidigen muß, kann ich an meinem Feminismus – oder anderen Formen von Gesellschaftskritik und -veränderung – weiterarbeiten. Oder mich wenigstens mal erholen. Dazu kommt der „Allein machen sie dich ein“-Faktor.
Doch irgendwas ist immer. Und ich bin nicht werktags von 19 bis 21 Uhr queere femme-Lesbe mit marginalisiertem Begehren (und noch ein paar marginalisierten Identitätsfaktoren). Ich bin es 24 Stunden am Tag, 7 Tage die Woche, 365 Tage im Jahr. Ich habe nicht die Wahl, das nicht zu sein.
Daß ich nicht auf Kosten anderer freier werden will, macht mein Leben zwar nicht einfacher, ergibt sich aber schon aus den vielen Kontexten, in die ich eingebunden bin. Ich will z.B. keine Achtung für Feminität, wenn ich sie nur über Anpassung an Normen, die mir wiederum ständiges Gefühl von Ungenügen vermitteln, bekommen könnte.

Damit wir uns nicht mißverstehen: Mir gibt feministische Kritik sehr viel, u.a. Möglichkeiten, auf eine Art zu leben, die ich als authentisch und mit mir stimmig empfinde; mich nicht als armes Opfer zu sehen oder in unerklärbarem Unwohlsein zu verirren, sondern mich zu wehren. Es ist die Art, mit meiner Situation umzugehen, die ich als ermächtigend empfinde; und doch kostet diese Situation Kraft.

Nicht, daß die Lebenssituationen anderer Leute keine Kraft kosten würden; nicht, daß ich nicht mein Teil Privilegien hätte. Oppression olympics finde ich jedoch doof und andere Leute in kraftzehrenden Situationen haben ihre jeweils eigenen Strategien, damit umzugehen (wenn sie nicht daran kaputtgehen, auch das kommt ja viel zu oft vor). Kritisieren und dekonstruieren ist meine.

13 Kommentare

  1. Geschrieben am 23. Mai 2012 um 14:56 | Permalink

    Hallo Ryuu, ich lese hier manchmal mit. Obwohl ich selbst lesbische Feministin bin, kann ich mit vielen hier diskutierten Differenzierungen (insbesondere, was das femme-Problem angeht) wenig anfangen. Aber zu diesem Beitrag habe ich doch eine Frage: Was meinst du denn damit, du wollest an deinem Feminismus weiterarbeiten? Du hast doch eine Position und vertrittst diese auch. Oder meinst du weiterarbeiten in missionarischer Hinsicht? Viele Grüße!

  2. Geschrieben am 24. Mai 2012 um 18:31 | Permalink

    Ich nehme mal an sie meint, dass man sich kaum weiterführend mit queer theory und Genderzeug beschäftigen kann, wenn man ständig in der Anfängerklasse sitzt und olle Kamellen durchkauen darf, oder wenn man in einer Diskussionsrunde ist, wo die meisten viel Ahnung von feministischen Theorien haben, der Raum aber eingenommen wird von wenigen Idiot_Innen, die immer die selben doofen Fragen stellen und immer die gleichen Derailingnummern abziehen.

  3. ryuu
    Geschrieben am 25. Mai 2012 um 12:09 | Permalink

    Hallo Honigsaum!

    Distel hat den Aspekt mit „immer wieder dieselben basics durchkauen“ und „Idiot_innen, die eine vernünftige Diskussion unmöglich machen“ sehr gut erfaßt.

    Was das „Weiterarbeiten“ angeht: In missionarischer Hinsicht meine ich das nicht! „Der Feminismus“ ist ja keine monotheistische Religion, nichts, an das ich glaube (obwohl es sehr hilft, daß der erste Satz der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte zu meinen zentralen Werten zählt: „Alle Menschen sind frei und gleich an Würde und Rechten geboren“).

    Was ich mit „weiterarbeiten“ meine, ist: „meine Position“ ist mitnichten ein statisches Ding, das ich mir einmal erarbeitet habe, und wo ich jetzt für den Rest meines Lebens stehen bleibe. Nein, es tauchen vielmehr immer wieder neue Fragen auf (z.B.: wie könnte das mißliche Verhältnis, daß ich zwischen Lesben und bisexuellen Frauen wahrnehme, in einen positiveren Umgang verwandelt werden?), oder ich werde mit Aspekten einer Sache konfrontiert, die es nötig machen, über etwas noch einmal neu nachzudenken.
    Dazu kommt der Austausch mit anderen, der mich auch auf immer neue Aspekte der Dinge, die mich beschäftigen, stößt; und viele Fragen sind nicht abschließend beantwortet (siehe das Thema Bisexualität).

    Mein Weltbild ist ja eh nicht ‚abgeschlossen‘, sondern bestenfalls ein Modell, das mir erlaubt, das Universum, das ich beobachte, brauchbar zu erklären. Wie in der Naturwissenschaft eröffnet es oft neue Fragen, wenn ich auf eine Frage eine Antwort gefunden habe.

    Und dann will ich halt auch feministische Projekte unterstützen. Nicht, daß ich so viel Zeit und Hirnschmalz dafür übrig habe; auch mit wenig Zeit läßt sich jedoch da und dort mal was tun.

  4. Geschrieben am 26. Mai 2012 um 00:36 | Permalink

    Danke euch beiden für die Erläuterungen zu meiner Frage! Klar, dass eine Position oder Einstellung nicht statisch ist/ bleibt über die Jahre; vielleicht hat mich nur der Wortgebrauch irritiert (weiter“arbeiten“ statt weiter nachdenken, sich weiter entwickeln o.ä.) Ich habe auch manches Mal Probleme damit, dass z. B. zwischen „Lesben“ und „bisexuellen Frauen“ ein spezifisches Verhältnis konstatiert wird, als wären das homogene Gruppen (was ich nie so erlebt habe).

  5. ryuu
    Geschrieben am 26. Mai 2012 um 01:09 | Permalink

    Ach ja, Wortwahl kann so tricky sein… ‚türlich könnte eine durchaus „nachdenken“ sagen – „arbeiten“ ist aber gar nicht so verkehrt, denn natürlich isses auch intellektuelle Arbeit für mich, z.B. über Erfahrungen zu schreiben. Wenn auch Arbeit, die mir immer wieder was gibt, und sei’s, daß ich mir was von der Seele geschrieben habe und vielleicht feststelle, daß andere ähnliche Beobachtungen machen, und zu großen Teilen sogar Freude macht.

    Ja, und daß Lesben und bisexuelle Frauen keine homogenen Gruppen sind, ist schon klar – wurde das aus meinen letzten Posts nicht ersichtlich? Das ist nur das griffigste Beispiel für eine Frage, auf die ich noch keine Antwort-These habe.

  6. Geschrieben am 26. Mai 2012 um 01:40 | Permalink

    Ja, sicher ist ersichtlich, dass das auch für dich keine homogenen Gruppen sind, manchmal habe ich aber beim Lesen den Eindruck, dass du dir das wünschst (oder es gar erreichen möchtest)oder warum machst du dir einen solchen Kopf darum?

  7. Geschrieben am 26. Mai 2012 um 01:41 | Permalink

    Vielleicht bin ich auch zu einfach gestrickt…

  8. ryuu
    Geschrieben am 26. Mai 2012 um 02:22 | Permalink

    Nee, da bist Du vollkommen auf dem falschen Dampfer.

  9. Geschrieben am 26. Mai 2012 um 02:34 | Permalink

    Fein. Eine schwere Theorielast, trotzdem.

  10. ryuu
    Geschrieben am 26. Mai 2012 um 13:56 | Permalink

    Du mußt aber auch das letzte Wort haben 🙂

    Theorie an sich ist für mich keine Last. Da bin ich von der Uni gestählt und habe regelmäßig meine Mutter damit entsetzt, mit was für abstrakten Dingen ich mich mit Lust auseinandergesetzt habe. Semiotik und Poststrukturalismus (um mal zwei meiner liebsten Werkzeugkästen zu nennen) samt ihrer gesellschaftlichen Anwendungen sind für mich, was Quantenphysik für die_den Astronom_in ist: Ein Weg, für mich nicht mehr taugliche Modelle durch welche zu ersetzen, die die Welt besser erklären; Modelle, die mehr Freiheit und Vielfalt erlauben. Mitunter auch, Phänomene zu begreifen, die mit vorherigen Mitteln nicht begreiflich waren.

    Last ist eher anderes: kulturell nichtexistent zu sein, zum Beispiel; wichtige Sachen nicht so leicht artikulieren zu können wie andere; in Schubladen gesteckt zu werden, in die ich nicht reingehöre. Vor allem aber der K(r)ampf mit einer heteronormativen Welt und Auseinandersetzungen, die auf Arten geführt werden, die mir weh tun. Nur die waren Anlaß für diesen Blogpost.

  11. Geschrieben am 2. Juni 2012 um 03:36 | Permalink

    Über Lacan, Derrida, Baudrillard (u.a.) habe ich vor vielen Jahren Examen gemacht. Liebe Güte, das stammt doch alles aus den 60ern (mit Glück). Seitdem hat sich die Welt weitergedreht. Ich gönne dir wirklich deinen Spaß damit, aber warum brauchst du für dein Denken denn überhaupt solche Gerüste?

  12. Geschrieben am 2. Juni 2012 um 16:05 | Permalink

    Jetzt sagst du bestimmt: Judith Butler. Well, maybe.

  13. ryuu
    Geschrieben am 2. Juni 2012 um 16:53 | Permalink

    So langsam kommen wir wirklich schwer off topic.

    Aber sei’s drum: Wer sagt Dir denn, daß mir tatsächlich als „Gerüste“ dient? Daß nicht die Gedanken, die ich über befreundete Feminist_innen rezipiere, viel wesentlichere Anstöße sind? Und ja, da sind einige dabei, die rezipieren, was in den letzten Jahren in der feministischen Theorie los ist und das weitertragen. Da sind aber auch Leute dabei, die Dinge aus ganz anderen gesellschaftlichen Zusammenhängen beschreiben und analysieren. Wer sagt denn, daß Theorie(bildung) nur an der Universität stattfindenkann?

    Du schreibst in Deinem ersten Kommentar, daß Du mit den Differenzierungen, dich ich mache, nicht viel anfangen kannst. Für mich sind diese Differenzierungen jedoch der Unterschied zwischen „Ich bin verrückt“ und begründetem „Diese und jene gesellschaftlichen Zusammenhänge sind scheiße, andert mal was da dran!“. Der Unterschied zwischen vagem, aber mächtigem Nicht-Reinpassen, das irgendwie mir angelastet werden kann und mit dem ich mich trotzdem hilflos fühle, und der Erkenntnis, was an meiner perversen* Situation gesellschaftlich bedingt ist und daß ich vielleicht nicht aus diesem System heraus kann, aber der Fehler nicht bei mir liegt – und ich dem vielleicht sogar punktuell was entgegensetzen kann.

    Und genau dafür brauche ich Werkzeug. Begriffliches Rüstzeug, damit ich nicht jedesmal das Rad neu erfinden muß. Sprachliches Rüstzeug, damit ich zumindest Leuten, die mir vom Denken her nahestehen, vermitteln kann, was ich denke (wenn ich über Teilchenphysik reden wollte und müßte jedesmal erst erklären, was ein Atom ist, ich käme nicht dazu, über Stringtheorie zu reden). Ich bin fest überzeugt, daß es kein Denken außerhalb der Sprache gibt. Darum erscheint es mir unmöglich, mich von meiner Umwelt im Sinne eines „da steh ich drüber“ unabhängig machen zu wollen und zu negieren, daß ich mich in Zeichen- und Begriffssystemen bewege, die durch das bedingt sind, was andere vorher geschrieben, gedacht und als Begriffe geprägt haben.

    So toll und heroisch das klingen mag: Das von seiner Umwelt unabhängige Individuum ist ein Phantom. Zum Guten wie zum Schlechten sind wir auf dieser Welt alle irgendwie verbunden.

    *im Sinne von Rosa von Praunheim: „Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation, in der er lebt“