Das Ding mit dem Unbegabt-Sein

Ich frage mich gerade, was das eigentlich ist: so ein Redemuster, das ich vor allem von Frauen mitkriege, das mir total schräg runtergeht. Es funktioniert ungefähr so: „Toll, wie du XY kannst, ich bin da ja soooo unbegabt!“

Oft geht es dabei um Dinge, die ich mir selbst beigebracht habe. Ob’s nun ums Aufnehmen von Musik oder Sprache geht, um Computer, um Handarbeiten: in den allermeisten der Disziplinen, wo ich mit diesem Phänomen konfrontiert bin, bin ich selbst Autodidaktin.

Sogar wenn’s um das Singen (oder allgemeiner ums Musikmachen) geht (da wird ja gerne unterstellt, Talent sei enorm wichtig), möchte ich das Gewicht von „Talent“ gern relativieren, da ist einfach sehr, sehr viel Damit-Großwerden, Förderung und jahrzehntelange harte Arbeit mit drin. Vielleicht ist eine Grundbegabung vorhanden, so wie sich andere Leute mit Zahlen leicht tun oder einen Draht dazu haben, bestimmte Materialien zu bearbeiten, doch der Rest ist Interesse, Mich-Reinknien, Learning by Doing, Üben.

Es geht mir hier jetzt auch gar nicht darum, daß ich Bewunderung nicht legitim finde. Und wenn jemand von einem Thema nichts versteht und nicht die Zeit, die Lust, das Interesse hat, sich näher damit auseinanderzusetzen – so what? $mensch kann nicht alles können und wissen und es ist überhaupt nichts verwerfliches daran. Ich kann z.B. nicht gut zeichnen und es drängt mich auch nicht dazu, das zu lernen. Da setze ich mich dann auch nicht hin und kommentiere eine Zeichnung, die ich toll finde, mit „also ich habe ja zwei linke Hände, was das Zeichnen angeht…“.
Wenn es um alltägliche Dinge wie z.B. Technik geht, finde ich es vollkommen legitim, sich mit was, das $mensch nicht in seinem_ihrem aktuellen Fertigkeiten-Repertoire hat, helfen zu lassen. Zu sagen: „Tätigkeit XY fällt mir schwer, ich brauche Hilfe dabei / ich will das nicht tun“ sollte OK sein.
Dieses „Ich könnte das NIE“ (ohne mal drüber nachgedacht zu haben oder es vielleicht sogar probiert zu haben) jedoch oder gar das „ich bin ja so unbegabt“ – das unterstellt, daß $mensch z.B. für Technik irgendwie talentiert sein müßte oder (ich überzeichne jetzt) da irgendeine mysteriöse Superkraft dahintersteckt. (Und ich rede jetzt nicht vom Raketenbau oder davon, Dinge wie Stuxnet zu programmieren, sondern von eher alltäglichen Anwendungsfällen.)

Leistungen zu bewundern und zu loben, ist toll. Ich bekomme gerne Anerkennung und Lob. Aber dieses Zu-mir-Aufblicken unter Abwertung der eigenen Fähigkeiten und Begabung – laßt das sein! Macht Euch selbst nicht klein!

5 Kommentare

  1. tigr~
    Geschrieben am 13. Juni 2012 um 22:03 | Permalink

    Mir geht das hin und wieder so ähnlich wenn mich jemand fragt, was ich denn so mache … Physik … darauf kommt etwas à la „könnte ich nie“, dann verstummt das Gespräch kurzfristig erstmal. Aber jetzt hab ich ein paar Anregungen und Ideen, wie ich in Zukunft besser auf sowas reagieren kann. Danke:)!

  2. ryuu
    Geschrieben am 14. Juni 2012 um 15:04 | Permalink

    Bei Naturwissenschaften/Mathematik überschneidet sich das ja auch gerne mit dem Phänomen, daß sich Leute allzu bereitwillig als „unbegabt“ einstufen – ähnlich, wie auch „ich bin so unmusikalisch“ oder „ich kann nicht singen“ fast ohne Scham und m.E. oft vorschnell gesagt wird. Zwei Dinge, wo es Leuten auch nicht peinlich ist, sich nicht dafür zu interessieren und diesbezüglich ungebildet zu sein. Zum Vergleich – wer sagt schon so ohne weiteres „also, mit Sprache kann ich einfach nicht“?

  3. Elle
    Geschrieben am 16. Juni 2012 um 13:22 | Permalink

    Mir schießt gerade durch den Kopf, ob es nicht auch eine Abwertung der Fähigkeiten des/der Anderen ist, wenn mensch alles aufs Talent schiebt. „Du kannst das, weil: Du bist begabt (und ich bins’s nicht)“, das stellt die entsprechende Fähigkeit halt eher als so ne Art Gottesgabe dar, die weniger was mit Arbeit zu tun hat. Und mit Arbeit wäre ja nochmal ne ganz andere Art von Anerkennung verbunden.

  4. Geschrieben am 17. Juni 2012 um 18:07 | Permalink

    Super Post. Vielen Dank! Mich ärgert das im Besonderen aus dem Blickwinkel, den Elle beschreibt. Es wird in diesem Zusammenhängen oft impliziert, dass einer das Handwerkszeug quasi zugeflogen ist und keine Arbeit, Übung und Training hintersteckt. Wer wird denn schon als Künstler_in oder Könner_in geboren?

    Die Geigerin Hilary Hahn formulierte in der ZEIT ihren Unmut darüber mit den Worten:

    […] Manche haben mich damals als »Wunderkind« bezeichnet, aber niemand ist ein Wunderkind. Dahinter steckt immer harte Arbeit. »Wunderkind« wird oft als Kompliment eingesetzt, dabei kaschiert auch dieses Wort viele Vorurteile. Mittlerweile bin ich davon überzeugt, dass Talent nicht der entscheidende Faktor ist für wirklichen Erfolg. Es gibt einen Haufen Leute, die Talent mitbringen und trotzdem leer ausgehen. Und andere Musiker, die sehr weit kommen, obwohl sie nicht das haben, was man gemeinhin als Talent bezeichnet. Stattdessen arbeiten sie eisenhart. […]

    Den vollständigen Artikel gibt es bei ZEIT Online.

  5. ryuu
    Geschrieben am 17. Juni 2012 um 21:39 | Permalink

    Mhm, und umgekehrt wird bei „harten“, „rationalen“ Tätigkeiten wie z.B. Naturwissenschaften oft getan, als sei das die reine Fleißarbeit und jede_r könne das mit der notwendigen Arbeit genauso lernen. Woran ich genauso zweifle wie an der überragenden Bedeutung von Talent für künstlerische Arbeit.

    Obwohl es auch im wissenschaftlichen Bereich irgenwie einen Genie-Mythos gibt, wie der tickt, da bin ich aber auch noch nicht dahintergestiegen; vielleicht funktioniert er sehr ähnlich wie der künstlerische Genie-Mythos. Und mit Mythos meine ich jetzt nicht, daß das alles Lüge wäre, sondern eher so eine kulturelle Denkfigur, die unabhängig von ihrem Wahrheitsgehalt das Reden über Fähikgeiten beeinflußt.

2 Trackbacks

  1. By Die Erste im Hörsaal? | Erdbeerfleisch on 16. Juni 2012 at 01:23

    […] Das mit dem Talent ist so eine Sache… Eigentlich ist es doch nicht viel mehr als die Leidenschaft für eine Sache. Und wenn man die hat, genau dann muss man weiterarbeiten und noch mehr Energie reinstecken. Gerade das worin man gut ist, braucht Aufmerksamkeit und nicht die vielen Schwächen und Defizite, wie unsere Gesellschaft es permanent predigt. Allein die Begabung reicht nicht für mehr als Durchschnittlichkeit. Zu sagen man wäre unbegabt ist darum noch mehr als dämlich. Besagt es doch nichts anderes, als dass man faul und unselbständig ist. Das kann doch niemand ernsthaft von sich selbst behaupten. […]

  2. […] und Lob sind toll. Abwertung eigener Fähigkeiten hingegen nicht, findet […]