Karriere? Geht mir weg.

Ich muß mich gerade mal aufregen.

Über die Mädchenmannschaft schwappte in den letzten Tagen so eine Debatte über Arbeitskultur in meine Timeline und regte eine Menge Gedanken dazu an.

Mein Eindruck: Die einzigen, denen gerade zugestanden wird, mit dem gängigen Modell von „Karriere gleich 50 Wochenstunden plus“ ein Problem zu haben, sind Menschen mit Kindern, vielleicht noch Menschen, die Angehörige pflegen.
Nicht nur denen macht dieses Modell das Leben schwer. Es gibt nämlich genug Menschen, die sich nicht mit ihrem Job identifizieren1 wollen. Menschen, deren eigentliches Leben nach Feierabend anfängt. Die sich vielleicht sozial engagieren wollen. Sind die faul? Ist es gierig, wenn der Grund für „keinen Bock auf 50-Stunden-Wochen und gute und angemessen bezahlte Arbeit wollen“ nicht lautet, für andere Menschen da sein zu wollen?

Ich bin nun nicht unbedingt geil darauf, viel Geld zu haben.

Ich weiß, daß bei meinem jetzigen Einkommen und Lebensstil noch GANZ VIEL Luft nach oben ist. Im Prinzip lebe ich nicht viel luxuriöser als in meinen Student_innenjahren. Vielleicht mit einigem an Geldsorgen weniger. Und auf ein Leben mit Mein-Haus-Mein-Auto-Mein-Boot-Mein-jährlicher-Fernreiseurlaub habe ich auch nicht unbedingt Bock. (Auch wenn ich gelegentlich im Spaß von einem großen Haus mit vielen Musikinstrumenten träume.)

Aber ich will mit meinem Leben gern ein paar Sachen anfangen, die nur mit Geld gehen. Zum Beispiel mal wieder reisen, und zwar anders als Familie besuchen und Ætt-Treffen – keine Atlantikkreuzfahrt, aber mal eine Woche in die Alpen, an die Nordsee oder so. Und zum Beispiel Musik machen (so, wie ich das will, kostet das gelegentllich mal was – meinen Gesangsunterricht z.B. mag ich nicht mehr hergeben, ab und zu will ich ein neues Stück Gerät, ab und zu müssen neue Saiten auf die Gitarren … ). Vielleicht will irgendwann doch eine schönere Wohnung. Wahrscheinlich sind die Summen, die ich gern zur freien Verfügung hätte, vergleichsweise gering – im Vergleich zu dem, was die oberen 5% so einnehmen und wieder ausgeben.

Ich will aber auch mit anderen Menschen leben und die Reproduktionsarbeit dabei nicht auf andere abwälzen – und Reproduktionsarbeit meint hier nicht (nur – bei mir nicht vorhandene, was sich aber ändern könnte, z.B. durch eine Partnerin mit welchen) Kinder betreuen, sondern: was sauberes und passendes zum Anziehen haben. Was im Kühlschrank haben, das ich auch essen mag. Kochen, Abwasch, die Bude sauber und behaglich halten. Mich ausruhen, emotionaler Ausgleich, für meine Gesundheit sorgen (z.B. durch Bewegung).

Wozu ich noch gern Zeit haben möchte:
Gutes Essen selbst kochen. In Läden einkaufen, die nicht bis 22 Uhr auf haben. Überhaupt Zeit haben, mir Sachen zu besorgen, die ich will und brauche, vorzugsweise, indem ich selbst in Läden gehe – Versandhandel ist ein trauriger Ersatz und da kann ich Sachen nicht in die Hand nehmen.
Zeit zum Musikmachen haben. Verbindlich sein können, wenn ich mich verabrede, und nicht den Job dazwischenfunken lassen. Zeit haben, um Veranstaltungen zu besuchen.
Überhaupt: Dinge in Ruhe tun. Einen vertrödelten Samstag nicht mit damit bezahlen, daß mich ein Stapel liegengebliebener Arbeit vorwurfsvoll anguckt.

Nebenbei, Zeit hatte ich als prekarisiert arbeitende Studentin auch nicht. Die „Flexibilität“ der Jobs orientierte sich meistens an den Bedürfnissen der Firmen, nicht meinen, und das mit Studium/Abschlußarbeit/sonstigen Verpflichtungen unter einen Hut zu bekommen, war fortgeschrittenes Temporaltetris. Mal länger als eine Woche außerhalb Berlins sein? Ging nicht, weil ich den Einkommensausfall nicht vertreten konnte. Mal abends spontan was machen? War auch nicht, weil die Schichten für die meisten meiner Jobs für den ganzen Monat vorausgeplant wurden und eine ausgefallene Schicht 30 bis 50 Euro Miese bedeutete, bei einem Gesamteinkommen um die 600 Euro. Ganz zu schweigen davon, daß so ein Studium eigentlich auch, im Gegensatz zum üblichen Klischee vom faulen Studenten, doch so einiges an Pensum bedeutet, das einer von der Uni aufgebrummt wird. (Wogegen ich prinzipiell nichts habe: Ich habe gerne studiert. Als ich erstmal begriffen hatte, worum das mit der Wissenschaft geht, hat es mir Freude gemacht. Nur: es ist auch echt harte Arbeit.)
Und als ich nach dem Studium dann einen Job suchte – tja, die einzige Zeit, in der ich Zeit hatte, war die, als ich mit einem kaputten Knie 3 Monate zuhause saß. Danach ging’s hoppladihopp weiter. Prekär jobben, Arbeitsamtswahnsinn, Maßnahme. Fremdbestimmung galore. Freie, selbstbestimmte Zeit, in der ich das tun konnte, was ich wollte? Fehlanzeige.

Langer Rede kurzer Sinn: Die Gleichung „kein Geld = viel Zeit“ und umgekehrt stimmt einfach nicht.

Und Karriere, unabhängig vom monetären Aspekt? Ich will gute Arbeit machen. Ich will, auch wenn egal welcher Job für mich höchstwahrscheinlich Brotjob sein wird (denn die zwei Dinge, mit denen ich liebend gern meine Zeit verbringe, sind Schreiben und Musikmachen), etwas tun, das ich gern tue, hinter dem ich stehen kann und mit dem ich gut bin. Ich will mich entwickeln können, und damit meine ich nicht die Karriereleiter hochklettern und Macht über andere ausüben (obwohl ich nicht sage, daß ich niemals Führungsaufgaben übernehmen will). Ich will meine Fähigkeiten ausfahren und ausbauen dürfen. Ich will integer mit den Leuten umgehen, mit denen ich zu tun habe – ob das nun Kolleg_innen sind, Vorgesetzte, Untergebene, Lieferant_innen, Kund_innen. Ich will Sinn in dem finden, was ich tue – Sinn im Sinne von: ich will nicht das Gefühl haben, was zu produzieren, was keine Sau braucht.
Unter den gegenwärtigen gesellschaftlichen Vorzeichen ist gute Bezahlung auch ein Stück Wertschätzung für meine Arbeit.

Ich will arbeiten, um zu leben. Ich will in meinem Job gute Arbeit machen, aber nicht auf Kosten dessen, was mir lieb und heilig ist. Was Adrian hier beschreibt, trifft ganz gut, was auch mir wichtig wäre.

Insgesamt könnte eine andere Arbeitskultur allen guttun. Stichwort Burnout und so. Mehr Präsenzzeit bedeutet nämlich nicht automatisch mehr auf die Reihe bekommen.

Ganz davon abgesehen, hat die Vereinbarkeitsdebatte, so wie ich sie mitbekomme, Scheuklappen: die der weißen, heterosexuellen Angestellten aus der Mittelklasse (meist wird dazu noch eine bestehende Paarbeziehung gedacht, gelegentlich werden mal Alleinerziehende erwähnt). Persons of Color/Migrantisierte? Fehlanzeige. Arbeiter_innen? Fehlanzeige. Menschen im Handwerk? Fehlanzeige. Die Perspektiven prekarisiert Arbeitender? Fehlanzeige. Haben Freiberufler_innen und Selbständige keine Vereinbarkeitsprobleme?

Und nochmal, ich will nicht wählen müssen zwischen sinnvoller, guter, angemessen bezahlter Erwerbsarbeit und Zeit für nicht-bezahlte Tätigkeiten, ob die nun Musik machen, Code schubsen oder Windeln wechseln ist.

Unsortierte weitere Links zur Debatte

Die türkische Abtreibungsdebatte und lesbische Schundliteratur: kurz verlinkt
Why women still can’t have it all
Sad white babies with mean feminist mommies

  1. Um Mißverständnisse zu vermeiden: „identifizieren“ kann sowohl bedeuten „es bestimmt meine Identität, ich *bin* mein Job“ als auch „ich stehe hinter dem, was ich mache, ich kann es ethisch und moralisch vollständig verantworten“. Ich will das letztere.

4 Kommentare

  1. Geschrieben am 30. Juni 2012 um 21:18 | Permalink

    Yeah! Weil du es schon am Ende erwähnst: Aus meiner Sicht ist ein Mindestlohn deutlich wichtiger als eine tarifliche Arbeitszeitreduzierung. Hilft uns vielleicht nicht, aber vielen Leuten, die es sich gar nicht leisten können, weniger als 80 Stunden die Woche zu arbeiten. Ansonsten, weniger arbeiten für alle: Total dafür!

  2. Geschrieben am 1. Juli 2012 um 23:28 | Permalink

    Danke für die Formulierung „fortgeschrittenes Temporaltetris“! So ähnlich habe ich mein Leben auch gelebt. Bis ich dann auf einmal zu viel Zeit und viel zu wenig Geld hatte. Was die Gleichung “kein Geld = viel Zeit” keineswegs bestätigt, denn auch der Zustand: „keine Zeit und kein Geld“ ist mir verdammt gut bekannt.

  3. ryuu
    Geschrieben am 4. Juli 2012 um 20:17 | Permalink

    Hi Adrian! Das mit dem existenzsichernden Stundenlohn hatte ich gerade gar nicht auf dem Schirm, aber stimmt, das ist auch wichtig.

  4. M
    Geschrieben am 6. Juli 2012 um 11:57 | Permalink

    Auch ich kenne diese schizophrene Wahllosigkeit gut. Bin jemand ohne Kinderwunsch und habe deswegen in meinem jetzigen Job nicht mal die Möglichkeit mich auf einen Telearbeitsplatz zu bewerben. Es besteht schlicht keine Notwendigkeit, denn meine dadurch gesteigerte Zufriedenheit reicht als Argument für meinen Arbeitgeber nicht aus. Ich werde mir deswegen auch am Ende meines Zeitvertrages sehr gut überlegen, ob das schon im Raum stehende Angebot auf Verlängerung wirklich gut für mich ist. Nachdem ich lange Zeiten der Arbeitslosigkeit und die von dir beschriebene Situation der Fremdbestimmung sehr gut kenne, wird dies keine leichte Entscheidung werden.

    Meine glücklichste Zeit waren die Wochen der Arbeitslosigkeit in denen ich schon wußte, dass ich ab Oktober mein Studium anfange und mir das Arbeitsamt und das Jobcenter nicht mehr mit irgendwas drohen konnten. Ich hatte in diesen Wochen relativ viel Zeit für mich und den Abschied aus meinem Freundeskreis und meiner Heimat. Davor und danach gab es immer Zwänge irgendwas für Andere zu tun. In dieser Zeit hatte ich den Eindruck hauptsächlich etwas für mich zu tun.

    Ich vermisse es.

3 Trackbacks

  1. […] ist genervt von der Debatte zu Arbeitskultur und Karriere, weil sie keinen Bock auf ätzende 50h Jobs mit wenig Zeit für Kultur und Repro-Arbeit […]

  2. […] “life/work balance” mal in Ruhe betrachtet… (Temporaltetris wird ab jetzt in meinen aktiven Wortschatz […]

  3. […] Karriere? Geht mir weg. Unter diesem Titel beschwert sich ryuu über die Debatte zur Arbeitskultur: Langer Rede kurzer Sinn: Die Gleichung “kein Geld = viel Zeit” und umgekehrt stimmt einfach nicht. […]