Hungrige Gespenster I. Ein Versuch, Emotionswirrwarr zu verbloggen

Heute schwappte so eine Debatte durch Twitter, die mich mitnahm. Es ging um das Privileg heterosexueller Menschen in Zweierbeziehungen, in der Öffentlichkeit zärtlich zu sein (z.B. durch Küssen und Händchenhalten). Normalerweise hätte ich mit in den Chor derjenigen eingestimmt, die sagen: ja, ist ein Privileg und Menschen in Hetero-Beziehungen sollen sich mal Gedanken machen, wieviel Raum sie damit eigentlich einnehmen! Nicht-Hetero-Menschen ernten nämlich recht zuverlässig dumme Sprüche, Beschimpfungen, Schläge und Schlimmeres, wenn sie das tun.

Aber der heutige Tag fällt in eine Zeit, wo meine Haut eh dünn ist und das Herz verwundbar, wo alte Traurigkeit bloß liegt und ich nah am Wasser gebaut bin. Ein Aspekt, der mich zusätzlich mitnimmt, fällt deswegen auch heftig ins Gewicht: der privilegierte Status von romantischen Zweierbeziehungen und die Tendenz, Menschen, die ohne Beziehung leben (freiwillig oder nicht) irgendwie abzuwerten, Ohne-Beziehung-Sein in vielen Fällen (gerade bei Frauen*) irgendwie als Versagen anzusehen, Singles generell zu unterstellen, sie seien auf der Suche nach einer Beziehung und das Leben sei ohne romantische Zweierbeziehung irgendwie nicht vollständig. Küssen kann mensch nun mal nur zu zweit. Und Zärtlichkeiten werden in unserer Gesellschaft üblicherweise nur im Gesamtpaket mit Sex und romantischer Verbindlichkeit verkauft. Nicht-sexuelle Beziehungen werden viel weniger gewürdigt, irgendwie als sekundär angesehen, der Zweierbeziehung wird Vorfahrt eingeräumt.

Ich habe bisher Unglück mit Beziehungen gehabt. Ich habe lange verzweifelt nach einer Partnerschaft gesucht und war todunglücklich dabei. Mir ist in dieser Zeit von Leuten, die sich leichter damit taten und Beziehungen hatten, unheimlich viel Scheiße erzählt worden. (Notiz an selbst: Blogpost mit dem Titel „Shit people say to Singles“ schreiben).
Ich war (und bin immer noch), als es mir nach einer aufreibenden Romanze endlich gelang, meinen Frieden damit zu machen, lange Zeiten als Single glücklich, und es gibt Gründe, warum ich derzeit keine Beziehung will (Affären übrigens auch nicht). Die Erinnerung an jene Zeit, als ich mich so verzweifelt nach einer Beziehung gesehnt habe, die tut manchmal immer noch verdammt weh und vielleicht wird sie nie ganz aufhören, weh zu tun.

Und wenn solche Sachen wie jetzt der unselige „Tag des Kusses“ sind und mal wieder Paarbeziehungen abgefeiert werden, oder wenn auf die Kritik an Hetero-Paarverhalten, das viel Raum einnimmt, mit „alle sollten mehr rumknutschen“ beantwortet wird, dann fühle ich mich wie ein hungriges Gespenst, das alle übersehen, das nirgends hingehört und dessen Bedürfnisse fleißig wegerklärt werden. Und damit geht es mir total scheiße.

9 Kommentare

  1. Geschrieben am 24. Juli 2012 um 09:38 | Permalink

    “Shit people say to Singles” – Dazu könnte ich auch Einiges beitragen. (Am Schlimmsten übrigens auf Betriebsfesten: „Bitter kommen Sie mit Partner“.) Anderseits ist es eine vielleicht lästige, aber nicht wirklich gefährliche Form der Diskriminierung. Singles werden z. B. nicht tätlich angegriffen. Das heißt: wenn ich mich beklage, riecht es verdammt nach Selbstmitleid.

  2. ryuu
    Geschrieben am 24. Juli 2012 um 12:04 | Permalink

    Hm, nee, ich halte es nicht für selbstmitleidig, solche Strukturen und Denkweisen, die zur Abwertung bestimmter Lebensformen führen, zu kritisieren – solange wir das Strukturelle hinter dem Persönlichen rausgearbeitet kriegen. Über Deinen Input zu „Shit people say to singles“ würde ich mich freuen. Und zum „Nebensächlichen“ – tätliche Angriffe gibt’s vielleicht nicht, aber das Leben macht’s einer/einem doch unangenehmer, und das ist für mich genug, um mich auch mal damit auseinanderzusetzen. Die sozialistische Rede vom „Nebenwiderspruch“ finde ich nämlich doof.

  3. Geschrieben am 25. Juli 2012 um 13:39 | Permalink

    spitzentitel! (aber das nur am rande, logisch.)

  4. Geschrieben am 25. Juli 2012 um 13:43 | Permalink

    vielen dank für den tollen text!

  5. Geschrieben am 25. Juli 2012 um 14:19 | Permalink

    „Shit people say to singles“, ja, bitte!

  6. Katze
    Geschrieben am 28. Juli 2012 um 15:05 | Permalink

    Vielen, vielen Dank fuer den tollen Text! Du sprichst mir damit wirklich aus der Seele! Und ich freue mich schon auf das „Shit people say to Singles“.

  7. Geschrieben am 28. Juli 2012 um 18:51 | Permalink

    Boah,ist das schön geschrieben…spontanes Gefühl von Verbundenheit!Merci.

  8. Sommerfeld
    Geschrieben am 29. Juli 2012 um 14:45 | Permalink

    Ja! Bitte einen Blog “Shit people say to singles” !!!

  9. Geschrieben am 13. August 2012 um 17:53 | Permalink

3 Trackbacks

  1. […] welchen Geschlechts), einfach weil ich selber genügend Freund_Innen haben, die (wie ryuu es so treffend auf den Punkt brachte) sich selbst herabwerten, wenn sie in keiner Beziehung sind und dadurch einen enormen Hass auf im […]

  2. By « Rummotzen on 25. Juli 2012 at 14:51

    […] Knutschen: Über Heterosolidarität und Paarnormativität, hervorragende […]

  3. […] hilft), erklärt sanczny. A propos nicht knutschen: Ryuu nimmt die Debatte zum Anlass, den privilegierte Status von romantischen Zweierbeziehungen in Frage zu stellen, nicht zuletzt aus ganz persönlicher […]