[TW: Sexismus, Gewalt] Übers Mich-Wehren und über Kampfkunst #aufschrei

Auf die Gedanken, die ich hier verarbeite, brachte mich der Blogpost von @ruhepuls Normal ist das nicht.

Eins der Argumente, die bei der #aufschrei-Geschichte gebracht wurden: Warum wehren sich denn die Frauen* nicht? Ich sage: Ich wehre mich! Und ich wünsche mir auch, daß all die anderen Frauen, die sich wehren, zu erkennen wären. Ich würde mir wünschen, daß jeder Akt der Gegenwehr Applaus und Wertschätzung erntet, anstatt daß infrage gestellt wird, ob das denn jetzt wirklich nötig/angemessen war, oder das mit den üblichen Beleidigungen – „spaßbefreit“, „prüde“, Mutmaßungen über das erfüllte oder unerfüllte Liebesleben der Betreffenden – abgewertet wird.

Ich finde das Argument mit der Gegenwehr auch doof. Sehr doof. Es schiebt die Verantwortung wieder den Opfern zu, die irgendwie mit dem Geschehen umgehen sollen, anstatt den übergriffigen Menschen zu sagen: Laßt den Scheiß, seid keine Arschlöcher. Und in etlichen Situationen, die unter dem Hashtag beschrieben werden, ist schlicht keine Gegenwehr möglich.

edit: Und es ignoriert diejenigen, die sich nicht wehren können, aus welchen Gründen auch immer. Sollen die dann – mal wieder – selbst schuld sein? Sollen die Schwachen und Wehrlosen – als die Frauen* ja viel zu gerne generell hingestellt werden – das in letzter Konsequenz einfach ertragen, egal wie ekelhaft und unerträglich das Geschehen ist? Überlegt doch mal, zu welchen Schlußfolgerungen das „Wehrt Euch“-Argument in letzter Konsequenz führt.

Und dann: wehrt frau sich, ist das auch wieder nicht recht. Dann nämlich kommen all die Klischees: Männerfeindliche Emanze, hysterische Zicke, Mannweib, Radikalinskaja – bis hin zur blanken Angst vor der wütenden Frau*. Laut werden und zurückschlagen gehören nicht zu konventionellen Bild von Weiblichkeit, physische Aggressivität ist eins der größten Tabus für Frauen*.

Grenzen zu setzen und zu verteidigen, wird weiblich sozialisierten Personen systematisch aberzogen und immer wieder sozial sanktioniert. Wenn eine Frau* auf einen sexistischen Witz beleidigt reagiert, ist sie eine Spaßbremse, humorbefreit und „soll sich doch nicht so haben, war doch nur Spaß“. Hätte ich als Sängerin meiner damaligen Band auf (hypothetische) „Ausziehen!“-Rufe damit reagiert, unkommentiert mitten im Song die Bühne zu verlassen, hätten das in diesem Kontext die meisten für unkollegial, spaßbefreit, prüde gehalten und nicht für ein legitimes Grenzen-Setzen.

Ich will im folgenden berichten, weshalb ich Kampfsport lernte und was es mir gebracht hat. Mir ist bewußt, daß übergriffiges sexistisches Verhalten sehr viel mehr umfaßt als den handfesten körperlichen Übergriff, der mit physischer Gegenwehr zu kontern wäre. Mir ist bewußt, daß Sich-Wehren schwieriger wird, wo der Übergriff nicht vom unterstellten unbekannten Angreifer ausgeht (was ja nur auf einen Teil aller Übergriffe zutrifft), sondern aus dem sozialen Nahfeld kommt, von jemandem, der sich vielleicht auch noch in einer Machtposition befindet, von dem ich vielleicht sogar abhängig bin.

Mir ist bewußt, daß meine Perspektive die einer als hetera passenden, weißen, mehrheitsdeutschen, able bodied Cisfrau ist.

Mir ist auch bewußt, daß diese Schilderung Gefahr läuft, nicht-körperliche Übergriffe zu ignorieren und den Fokus zu sehr auf die Gegenwehr der Betroffenen zu legen statt darauf hinzuweisen, daß übergriffiges Verhalten zu unterbleiben hat.

So, und nach dieser Vorrede nun das, was mir heute durch den Kopf ging:

Als ich 1999 nach Berlin-Neukölln zog – vorrangig wegen der billigen Miete -, war ich richtig geplättet von krassen Sexismus auf der Straße. Homophobie traf mich kaum, da ich als feminin wahrgenommen werde und deswegen als Lesbe unsichtbar bin, ob ich das will oder nicht – aber ich kenne Leute, die offensichtlicher als Lesben zu erkennen sind und deswegen dumme Sprüche bis handfeste Übergriffe zu spüren bekamen.

Es war erst ein sehr handfestes Erlebnis im Jahr 2000, das mich dann dazu bewog, mit dem Kampfsport anzufangen. Ich habe vier Jahre lang Jiu Jitsu trainiert, ca. ein Jahr Ju Jutsu und zwei Jahre Kendo. Nur letzteres hatte absolut keine Ausrichtung auf Selbstverteidigung (aber es hat mich einige andere Dinge gelehrt).

Die Reaktionen, wenn ich erzählte, daß ich Jiu Jitsu trainiere, waren sehr verschieden und gerade bei heterosexuellen cis-Männern oft von Abwehr und Herunterspielen geprägt. Da gab es Leute (meistens ebenjene hetero-cis-Männer), die sich über mich lustig machten und mir erklärten, warum Frauen nun mal körperlich unterlegen seien. Andere erklärten mir, Flucht sei doch die bessere Verteidigung. Wieder andere fingen an, mir von den Vorteilen von CS-Gas oder Pfefferspray zu erzählen.

Ich habe mich sehr bewußt für Jiu Jitsu entschieden, weil es eine enorme technische Vielfalt bietet. Jiu Jitsu enthält einige Techniken, die darauf ausgelegt sind, eine_n Gegner_in kampfunfähig zu machen und die richtig weh tun sollen. Grob gesagt: Judo ist Sport. Jiu Jitsu, zumindest das, das ich damals lernte, ist pragmatisch, anwendungsorientiert und dazu da, Leute zu verletzen. (Die meisten blauen Flecken holte ich mir trotzdem beim Aufwärmen: wir spielten dazu oft Ballspiele, und das mit einer Wildheit, wie sie sonst vielleicht unausgelastete Grundschulkinder an den Tag legen.)

Den Gegner außer Gefecht zu setzen, schließt Flucht nicht aus, sondern ein. Gegenwehr soll mir die Zeit verschaffen, mich in Sicherheit zu bringen, es soll mir den Vorsprung ermöglichen, den ich brauche, um überhaupt weglaufen zu können. Die meisten übergriffigen Typen sind nun einmal größer als ich und können, mein Lauftraining hin oder her, schneller laufen als ich, und ein Konditionswunder war ich nie – wie soll da Flucht alleine helfen?

In mein Nervensystem ist außerdem, seit ich in der Grundschule gepiesackt wurde, eingebrannt: Weglaufen bringt nichts. Denn auch damals konnten meine Peiniger schneller und ausdauernder laufen als ich.

Ich habe im Zuge meines Kampfsporttrainings nicht nur den Selbstverteidigungs- und Empowermentaspekt schätzen gelernt, sondern auch die Ästhetik und die Kultur der japanischen Kampfsportarten. Heute fehlt mir das Kampfkunsttraining manchmal – und während ich mein Können unter dem Selbstverteidigungsaspekt lediglich auffrischen wollen würde, wären der ästhetisch-kulturelle Aspekt und der des do Dinge, die mich längerfristig interessieren würden.

Selbstverteidigungstraining brachte mir zwei ganz wesentliche Dinge:

  • Ich wurde fortan seltener belästigt. Ich habe meine Jiu Jitsu-Kenntnisse bisher nur ein einziges Mal angewendet.
  • Ich kann mit Belästigungen gelassener umgehen. Meine verbale Gegenwehr ist gezielter, angemessener, souveräner, aber nicht weniger entschieden. Ich fühle mich weniger hilflos ausgeliefert und habe weniger Angst vor Konfrontationen.

Außerdem brachte es mir große körperliche Fitness.
Und ich habe noch effektvoller als vorher brüllen gelernt. Eine Sache, die in übergriffigen Situationen schon einen sehr großen Effekt haben kann.

Der Haken daran: Kampfsport praktizieren ist nicht jeder möglich. Es frißt Zeit und Ressourcen (Kosten für das Training, Wege, Ausrüstung) und es kann körperlich recht anspruchsvoll sein.

Die Quintessenz meiner Erfahrung bezüglich körperlicher Selbstverteidigung ist:

  • Gegenwehr lohnt sich.
  • Kämpfen ist zu großen Teilen Kopf- und Techniksache. (Die Technik im Nervensystem und im Muskelgedächtnis zu haben, macht das natürlich nicht entbehrlich.)
  • Körpergröße kann ein Vorteil sein, kleine Menschen können das jedoch durch u.U. durch Agilität wettmachen.
  • Pure Kraft wird überschätzt, Reaktionsgeschwindigkeit, Präzision und Abrufen-Können der jetzt gerade effektiven Technik sind entscheidend. Zumal im konkreten Straßenkampf eher selten spektakuläre gesprungene Tritte von Nutzen sind – nützlich sind da eher kleine, schnelle, präzise und schmerzhafte Techniken.
  • Waffen sind nur so zuverlässig wie die Hand, die sie führt und sie können einer_einem weggenommen werden und gegen eine_n verwendet werden (physisch und unmittelbar wie im Zweifelsfall juristisch). Eine Waffe muß griffbereit gehalten werden, damit ich sie im Zweifelsfall einsetzen kann. Habe ich Bock, die ganze Zeit mit dem Selbstverteidigungsspray in der Manteltasche rumzulaufen? Und was nützt mir Reizgas in einem geschlossenen Raum (Übergriffe in öffentlichen Verkehrsmitteln, anyone)?
  • Kämpfen ist eine erlernbare Fähigkeit.
  • Übergriffige Täter (und ja, ich gendere das jetzt bewußt nicht) suchen Opfer und keine Gegner_innen.

Und nochmal: Selbstverteidigung ist toll, aber ich will sie nicht nötig haben und wenn ich Kampfkunst trainieren will, dann weil ich sie toll finde und die Ästhetik und Kultur daran schätze. Ich möchte entspannt durch meinen Alltag gehen können, ich will das Friend or Foe-Radar in meinem Kopf am liebsten permanent deaktivieren können und statt dessen bis zum Beweis des Gegenteils davon ausgehen, daß Menschen mir freundlich gesinnt sind.

Doch beim gegenwärtigen Stand der Dinge lebe ich in diesem Zustand permanenter Wachsamkeit. Und überlege, ob ich bei Gelegenheit mal wieder etwas Ju Jutsu trainieren soll.

7 Kommentare

  1. Geschrieben am 26. Januar 2013 um 21:29 | Permalink

    Ein sehr informativer Post! Ich spiele selbst immer mal wieder mit dem Gedanken, einen solchen Kurs zu belegen. Was mich davon abhält ist a. der von dir erwähnte Aufwand (Fahrt etc.) und b. (und das ist wahrscheinlich ganz schön chickenshit) die Angst vor Schmerzen beim Training. Obwohl ich in Wahrheit keine Ahnung habe, inwiefern diese berechtigt ist. Das, was du über die Sexismus-Debatte schreibst, trifft den Nagel auf den Kopf; ich beschäftige mich selbst sehr intensiv mit Gender Performance und bekomme jedesmal einen kleinen Hassanfall, wenn ich darüber nachdenke, wie unreflektiert mit den männlichen Dominanzklischees (/weiblichen Devotheitsklischees) umgegangen wird… insofern finde ich solche Posts umso wichtiger! Liebe Grüße

  2. ryuu
    Geschrieben am 26. Januar 2013 um 22:08 | Permalink

    Herzlichen Glückwunsch, ich kann Dich nur ermutigen!

    Mein Erfahrungswert, was das Training und Schmerzen angeht: Hängt sehr von der konkreten Sportart, von der Gestaltung des Trainings und von den Mittrainierenden ab. Vollkontakt-Mixed Martial Arts-Training wird auf jeden Fall schmerzhafter sein als Aikido. In einigen Sportarten (z.B. Tae Kwon Do) wird beim Freikampf oder bei Wettkämpfen auch Schutzkleidung getragen. Die Frage „Vollkontakt, Semikontakt oder Leichtkontakt“ (also: dürfen Treffer bei Stoß-, Schlag- und Trittechniken voll gelandet werden, nur mit halber Kraft oder nur leicht „antippen“; es gibt bei Disziplinen mit Schlägen und Tritten auch immer Training mit Schlagkissen und/oder Sandsäcken, auf die voll draufgeholzt werden darf) ist nur ein mögliches Indiz, wie schmerzhaft oder schmerzlos es zugeht.

    In meinem Jiu Jitsu/Ju Jutsu-Training wurde gerade wegen der Eigenheiten der Disziplin darauf geachtet, nur auf Leicht- bis Semikontakt zu trainieren und bei Hebeltechniken sofort loszulassen, wenn der_die Gehebelte abklopfte (und auch vorher nicht mit voller Gewalt loszuhebeln). Und bis auf einen etwas seltsamen Typen gab es in beiden Trainingsgruppen keine Leute, die einen auf harter Kerl machten. Aber ich habe auch in einem Frauen-Dojo und im Unisport trainiert, da trainieren (sehr wahrscheinlich) noch einmal andere Leute als in der durchschnittlichen Sportschule.

    Kendo war schmerzhafter, weil zwar mit Schutzkleidung trainiert wird, aber es wird auf Vollkontakt gekämpft – und – nicht zu unterschätzen: Blasen an den Füßen (Kendo wird barfuß praktiziert und belastet die Füße ziemlich).

    Im Zweifelsfall: Probestunde nehmen (sollte bei jedem anständigen Verein/Sportschule/Dojo kostenlos möglich sein), Trainingsverantwortliche nach Verletzungsprävention und Sicherheitsstrategien fragen. Sicherheit, verletzungsarmes und gelenkschonendes Training sollten auf jeden Fall groß geschrieben werden und Verletzungen nicht auf die leichte Schulter genommen werden.

    Nur auf epischen Muskelkater solltest Du Dich die ersten Wochen gefaßt machen 🙂

  3. Geschrieben am 27. Januar 2013 um 00:56 | Permalink

    Wirklich sehr informative und Aufschlussreich!

    Übrigens hast Du einen Unterschied zwischen Männern, die es mit übergriffigen Männer zu tun haben, und Frauen benannt, der mir schon einige Male aufgefallen ist:

    „Übergriffige Täter (und ja, ich gendere das jetzt bewußt nicht) suchen Opfer und keine Gegner_innen.“

    Nach meiner Erfahrung suchen männliche Täter, die anderen Männern gegenüber übergriffig werden, fast immer Streit. Einen Gegner, dem sie „es zeigen können“. Was psychologisch für den Provozierten den Nachteil hat, dass Flucht vom Provokateur als „Sieg“ ausgelegt wird.

    Nur in einen Fall habe ich es erlebt, dass mein Gegner ein „Opfer“ suchte. Ich hatte Glück. Das hatte auch mein Bruder, als er mal, leicht angetrunken, in die „klassische“ „12 gegen Einen“ Situation geriet, in der ein Rudel Männer Opfer sucht. Ziemlich üble Sache, aber ohne bleibende Schäden, bis auf einen ausgeschlagenen Zahn. Da hilft es auch nicht mehr viel, gut kämpfen zu können. Was helfen kann, ist tatsächlich laut um Hilfe brüllen. Die meisten zufälligen Beobachter halten sich da raus bzw. sehen weg, aber der direkte Appell um Hilfe wirkt (jedenfalls oft).

  4. Geschrieben am 27. Januar 2013 um 01:03 | Permalink

    Gerade einen weiteren Geschlechtsunterschied bemerkt: Männer, zumal junge, geraten öfter in Schlägereien. Liegt wohl daran, dass wir unsere „Ehre“ verteidigen wollen, auch in Situationen, in denen Flucht, Nachgeben oder nach Hilfe rufen klüger wäre.

  5. ryuu
    Geschrieben am 27. Januar 2013 um 12:39 | Permalink

    OK – was die Mechaniken, die unter (als hetero wahrgenommenen) Männern im Spiel sind, habe ich natürlich keinen Einblick. Da kann „Streit suchen“ und „sich prügeln wollen“ ja sehr wohl ein Thema sein. Bei sexualisierten Übergriffen auf Frauen\* wollen die meisten Täter sich ja nicht prügeln oder auch nur streiten.
    Mit Sicherheit sind bei Übergriffen auf schwule oder als schwul wahrgenommene Männer und trans\* aber nochmal andere Dinge im Spiel.

  6. Geschrieben am 27. Januar 2013 um 18:49 | Permalink

    „Mit Sicherheit sind bei Übergriffen auf schwule oder als schwul wahrgenommene Männer und trans\* aber nochmal andere Dinge im Spiel.“

    Kann ich bestätigen. Der eine Fall, in dem mein „Gegner“ mich als „Opfer“ suchte, war der Versuch einer (homosexuellen) Vergewaltigung.

  7. Geschrieben am 28. Januar 2013 um 14:11 | Permalink

    Ich habe auch die Erfahrung gemacht, dass aggressives Vorgehen (Brüllen, mit Gewalt drohen, sich demonstrativ mit großem Messer die Fingernägel säubern) effektiv ist. Traurig, dass solche Dinge nötig sind.

Ein Trackback

  1. By Podcast on 29. Januar 2013 at 19:34

    […] von Ryuu und Helga zum Thema „wehrt […]