Eine Utopie: Ein Tag ohne Heterosexismus

Gestern war der internationale Tag gegen Homo-, Bi- und Transphobie. kleinerdrei hat anlässlich dieses Tages die Aidshilfe Münster e.v. interviewt, die in ihrer Aktion #prohomo dazu aufgerufen hat, positive Erfahrungen mit Homosexualität und Homosexuellen zu twittern.

Ich will jetzt gar nicht darauf eingehen, warum ich diese Aktion eher nur so mittelgut finde (dazu haben andere schon genug gesagt), eher meinen Gegenentwurf zeigen. Mich juckt es bei sowas nämlich immer, zu versuchen, mir vorzustellen, wie denn eine Welt ohne Heterosexismus aussehen könnte – an einem ganz normalen Tag; wie sich das in meinem alltäglichen Leben manifestieren könnte.

Die Verflechtung von Homo-, Bi- und Transfeindlichkeit mit anderen Machtverhältnissen habe ich außer Acht gelassen – sonst muß ich meine Vorstellungskraft mehr anspannen, als ich das in so einem kurzen Text könnte.

Also, hier geht’s los: In einem Paralleluniversum. Homo-, Bi- und Transfeindlichkeit sind ausgestorben – vielleicht als „ja, früher mal, da gab es sowas …“ noch präsent. So könnte ein ganz normaler Samstag ablaufen (die beschriebenen Ereignisse und Personen sind rein fiktional):

Ein ganz gewöhnlicher Samstag

Gestern haben wir im Betrieb eine kleine Grillparty veranstaltet. Der ganze Betrieb war da, auch ein paar Geschäftspartner, und meine Kollegin Julia hat nicht nur ihre Partnerin Antonia, sondern auch ihren neuen Freund Marcus mitgebracht – keine Pointe hier. Und mei, hat die Einkäuferin eines unserer Partnerunternehmen mit mir geflirtet.

Heute habe ich ausgeschlafen, ich stehe morgens auf und mache mir in aller Ruhe einen Kaffee. Ich mache den Fernseher an, um beim Frühstück Nachrichten zu gucken. Ein Bericht zeigt eine prunkvolle Hochzeitszeremonie, zwei Männer in Uniformen vor einem Altar in einer Kirche; stimmt ja, der spanische Prinz hat gestern geheiratet; bestimmt werden diverse Boulevardzeitschriften jedes Detail der Festlichkeiten untersuchen (ohne sich über den Mangel an Brautkleidern zu beklagen). Bilder aus Uganda: Dort wird heute mit einer festlichen Parade der Abschaffung der Kriminalisierung von Homosexualität vor über 10 Jahren gedacht. Päpstin Beatrix II. hat in einer Predigt um Vergebung für das Leid gebeten, das die Katholische Kirche durch ihre feindselige Haltung gegenüber Homo- und Transsexuellen verursacht hat, und eine historische Aufarbeitung angekündigt.

Auf meiner Agenda steht heute, mir Gedanken um ein Ritual zu machen – beim Heidenstammtisch, den ich jeden Monat besuche, hat mich mein_e Freund_in Jana, über die ich erst seit kurzem mit weiblichen Pronomina spreche, gebeten, an einer heidnischen Zeremonie mitzuwirken, die dazu dienen soll, ihre Transition auf einer religiösen Ebene zu würdigen. Sie rechnet damit, daß das für die gesamte Ritualgruppe ein freudiges Ereignis ist und käme nicht auf den Gedanken, daß irgendjemand das unnatürlich fände oder der Meinung ist, daß das kein Thema ist, das rituell gewürdigt werden sollte.
Selbstverständlich finde ich leicht Bücher und Internetseiten, wo ich Anregungen für die Gestaltung eines solchen Rituals finde. Auch Jana hat sich schon belesen, da sie ja leicht an diese Informationen gekommen ist, und mir schon ein paar Vorschläge gemacht. Ich chatte mit der ad hoc zusammengestellten Gruppe von Leuten, die die Zeremonie gestalten wird, um das Fest zu organisieren und den Ablauf des Rituals festzulegen.

Zwischendrin telefoniere ich mit meiner 17jährigen Freundin Devi. Sie absolviert eine Berufsausbildung als Krankenpflegerin. In ihrem Ausbildungs-Krankenhaus wird nicht angenommen, daß jede_r Patient_in hetero ist (was sich z.B. darin niederschlägt, daß nicht jede_r Person mit einem Körper, der als weiblich gelesen wird, unterstellt wird, sie müsse irgendeine Form von Empfängnisverhütung anwenden), überhaupt sexuelle Beziehungen hat, in Familienverhältnissen lebt; der gebrechliche 92jährige, mit dem sie nachmittags einen kurzen Spaziergang macht, erzählt gerne von den glücklichen Zeiten mit seinem verstorbenen Partner.

Im Sexualkundeunterricht in Devis Schule wurde zwar das Thema „Schwanger werden“ behandelt – aber als einer von vielen Aspekten. Es besteht bei keiner_keinem ein Zweifel daran, daß Sex in jeder Kombination von Geschlechtern stattfinden kann.
„Schwul“ und „lesbisch“ dienen nicht mehr als Beleidigungen – und wenn Schüler_innen damit konfrontiert werden, daß das früher so war, finden sie das absurd.

Nachmittags verfolge ich auf NASA TV die übliche Zusammenfassung der Pre-Launch-Aktivitäten vor dem Start einer bemannten Rakete von Baikonur: Vor dem Launch von Expedition 39 verabschiedet sich Roskosmos-Kosmonautin Alexandra Nikolajevna Soboleva von ihrer Frau. Ihr fünfjähriger Sohn hat nach alter russischer Raumfahrttradition das Spielzeug ausgesucht, das als Zero-G-Indikator in der Soyuz-Kapsel hängt – ein Plüsch-Pinkie Pie aus der Serie „My little Pony“.

Für den Abend habe ich mich verabredet: Ich gehe mit ein paar Leuten ins Kino. Wir werden einen Actionfilm gucken – und wir wären überhaupt nicht überrascht, wenn das love interest des männlichen Helden männlich ist. Ein paar Freund_innen, die auf femmes stehen, fanden es schade, daß die interessanteren Frauenrollen im Team des Helden eher butch sind, aber genug Geballer, Herumgefliege und so gleichen das für mich aus.

Ich mache mich ein bißchen hübsch dafür. Einfach, weil es mir Spaß macht. Ein Rock, hübsche Schuhe, Make Up, eine etwas aufwendigere Flechtfrisur. Niemand wird mir deshalb Heterosexualität unterstellen, und wenn ich auf die Idee kommen sollte, nachher noch in die Lesbenszene zu gehen (die sich auflöst, weil die Strukturen wegfallen, die früher einen Raum notwendig gemacht haben, wo Homos unter sich waren), werde ich mich nicht fehl am Platz fühlen.

Nach dem Kino gehe ich entspannt nach hause, händchenhaltend mit einer meiner Lieben. Wir sind ein bißchen albern, und wir müssen uns überhaupt keine Sorgen machen – auch wenn jede von uns allein eine dunkle Nebenstraße entlangginge. Wir können die schöne laue Frühlingsnacht genießen. Niemand wird unsere Körper oder unsere Kleider ungefragt kommentieren oder sich dafür interessieren, ob wir nun zusammen sind oder nicht.

Zuhause fühle ich mich noch aufgedreht. Ich mache den Computer an und zocke noch ein bißchen mein liebstes MMORPG. Heute ist mir nach meiner Orkhexe. Beim Charakter-Erschaffen hatte ich einen großen Fundus an Möglichkeiten, wie mein Charakter aussehen soll, von ganz schlank bis massig, groß oder kurzgeraten, helle oder dunkle Haut. Bei meiner Orkin hatte ich Spaß daran, sie eher butch aussehen zu lassen. Kurzes Haar, ein Gesicht mit sehr markanten Zügen, breite Schultern, klobige Stiefel, massige Statur. Sie trägt eine Lederrüstung, und die ist, wie alle Rüstungen in diesem Spiel, recht realistisch gestaltet – sie würde im realen Leben tatsächlich als Rüstung funktionieren.

Ein paar Leute von meiner Gilde sind auch online. Keinen Augenblick habe ich mir Gedanken machen müssen, ob ich mich als Frau zu erkennen gebe, ob ich irgendwelches Harrassment zu befürchten habe… und ich kann mich darauf verlassen, daß die anderen in meiner Gilde, die Gilden-Admins, im schlimmsten Fall auch die Admins des Servers unverzüglich und entschieden einschreiten werden, wenn irgend etwas *istisches passiert. Und im Spiel war von vornherein die Möglichkeit eingebaut, daß alle Charaktere miteinander romantisch involviert sein können.
Im Teamspeak werde ich freudig begrüßt, und wir ziehen los, um eine Queste zu lösen. Danach verabschiede ich mich und falle ins Bett. War das ein toller Tag.

2 Kommentare

  1. Geschrieben am 19. Mai 2013 um 23:53 | Permalink

    Bis auf die Sache mit den Ismen eine wundervolle Geschichte. 🙂 Ich neigte dazu, mich bei einigen Punkten kurz zu fragen, warum das überhaupt Thema ist, bis mir dann wieder die Gegenwart einfiel..

    Danke!

  2. Ich
    Geschrieben am 25. Mai 2013 um 21:56 | Permalink

    Ein sehr toller Text! Schade, dass die Gegenwart nicht so aussieht..

Ein Trackback

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