Übers Heiraten

@vonhorst hat da auf kleinerdrei.org einen sehr schönen Artikel übers Heiraten geschrieben. Einen Artikel, der wahnsinnig viel bei mir anrührt, gerade weil dieses Thema Heiraten mein Leben scheinbar nicht berührt.

Manchmal lösen die Debatten um Heiraten und die Eingetragene Lebenspartnerschaft eine gewisse Bitterkeit bei mir aus – egal ob homo oder hetero, es geht in diesen Debatten um die Bedürfnisse von Menschen, die in Zweierbeziehungen leben und einen gemeinsamen Haushalt führen (wollen). So vieles ist in diesen Debatten von vornherein ausgeblendet.

Und es ist ja nicht so, daß ich romantische Liebe nie gewollt hätte. Das bisherige Scheitern meiner Beziehungen macht mich manchmal bitter, da sind Strukturen und Sprachlosigkeiten, die eine Wirkung hatten, als würde ein großer Teil der Welt mein Begehren auslöschen, es mir ausreden, mir unmöglich machen, es zu artikulieren, ja es als solches wahrzunehmen; Frustrationen, die dazu führten, daß ich es brutal abwürgte und verdrängte, tiefe Verunsicherung, weil ich nicht immun war und bin gegen permanente Infragestellung und Abwertung von außen und notorisches „Nichtvorkommen“ (als feminine Lesbe, als queere femme, als queerer Single). Ich nehme mir mein Begehren jetzt zurück, wo immer ich kann. Ich lerne erst langsam wieder – oder überhaupt? – , es sein zu lassen in seiner ganzen Unberechenbarkeit und Sperrigkeit.

Scheitern ist ein ziemlich großer Teil meiner Beziehungsgeschichte. Viele meiner Beziehungsversuche sind über unfreiwillig unkörperliche Romanzen, schmerzhaftes Hinundher, ewige Unschlüssigkeit und Fehlkommunikation nicht hinausgekommen.

Irgendwie hofft eins mit einem marginalisierten Begehren ja, daß es trotzdem irgendwie klappt, und keins mag sich eingestehen, daß es vielleicht nicht klappt, vielleicht sehr lange nicht, daß das Happy End vielleicht gar nicht kommt.

Ich habe dann lange keine Beziehung gewollt: nicht, weil ich mich als aromantisch empfand, sondern weil ich jahrelang zuviel Energie in scheiternde Versuche gesteckt hatte und andere Aspekte meines Lebens darüber ins Hintertreffen geraten waren; weil ich tief verletzt war; weil ich mich in Berlin am falschen Ort fühlte und mich nicht über eine Beziehung daran binden wollte.
Und manchmal fällt es mir schwer, dem Schreckgespenst namens „Vielleicht werde ich nie diese Art von Liebe erleben“ ins Auge zu sehen und gleichzeitig zu sehen, daß das nicht eintreffen muß. Und dann wieder: Ich kann das Bullshitbingo von „Jeder Topf hat seinen Deckel“ über „Wenn du gar nicht mehr suchst, dann kommt sie, die große Liebe“ bis zu „Du hast einfach zu hohe Ansprüche“ in- und auswendig.

Unter diesen Vorzeichen schmerzt es, als Mensch, der nicht Teil eines Paares ist, als irgendwie defizitär dazustehen und notorisch von einer paarnormativen Gesellschaft übergangen zu werden.

Das als Präambel: denn trotzdem wünsche ich mir gelingende, erfüllende und, ja, langfristige Liebesbeziehungen (nicht um jeden Preis). Welche Gestalt die haben: Verhandlungssache. Monogam, polyamor, gemeinsamer Haushalt (hatte ich noch nie), getrennt wohnen: Wie soll ich das jetzt, nach langen Jahren ohne Beziehung(sversuch), wissen? Wie soll ich ohne Erfahrungen mit etwas anderem als dem schon beschriebenen Mißlingen wissen, was für mich gut und stimmig ist?
Und all das bedeutet nicht, daß „ich möchte irgendwann eine glückliche Beziehung“ und „ich bin als Single glücklich“ sich ausschließen. Vielleicht gibt es sogar Abstufungen zwischen „gemeinsamer Haushalt mit allem Drum und Dran“ und „getrennt leben“.

Ehe = Zusammenleben?

Seit ich einmal eine Mitbewohnerin in einer Zweier-WG hatte, die sich sehr übergriffig in alles, was ich tat, hineindrängte, bin ich wachsam, was meine Grenzen und meinen persönlichen Raum angeht. Ich will keine Symbiose. Ich schlafe besser allein in einem Raum, den ich für mich habe. Wenn ich eine Frage in Beziehungen hasse, dann ist es „Was denkst du?“ Eine ehrliche Antwort auf diese Frage hat schon mal zu einer Trennung geführt.

Auch in meinem Freundeskreis ist „Zusammenziehen“ in vielen Beziehungen etwas Angestrebtes. Ob ich das wollen würde? Vielleicht ja – aber erst, wenn ich von der Stabilität einer Beziehung überzeugt bin. Darüber hinaus mache ich gemeinsames Wohnen nicht unbedingt an einer Beziehung fest. Auch eine gut funktionierende WG oder ein Hausprojekt fände ich toll – nicht, daß ich etwas am Allein-Wohnen verkehrt fände.

Heiraten als sozialer Ritus

Ich habe nie die Eltern meiner Partnerinnen kennengelernt, sie niemals meine; mit Glück kam es dazu, daß sie mal meinen Freund_innenkreis ein wenig kennenlernten und ich ihren. Im Rückblick denke ich, daß dieses Lieben im luftleeren Raum nicht dazu beitrug, eine Beziehung zu stabilisieren.
Den_die Liebste_n den Freund_innen, der Herkunftsfamilie vorstellen, heiraten oder eine eingetragene Lebenspartnerschaft herstellen: das sind neben dem Einlassen auf materielle Bindungen (Zusammenziehen, gemeinsame Anschaffungen, gemeinsames Wirtschaften, …) in meinen Augen Akte der sozialen Einbindung einer Beziehung. Heiraten ist sicherlich der ritualisierteste dieser Akte und derjenige, der gesellschaftlich am meisten Aufmerksamkeit und Achtung erfährt und auch am meisten mit symbolischer Bedeutung und Erwartungen befrachtet wird.

Gleichzeitig ist es ja auch ein Akt, der unheimlich emotional aufgeladen wird, so festlich wie nur irgend möglich begangen wird, mit großen Gesten, großem materiellem und organisatorischem Aufwand. Versprechen für die Ewigkeit: Wo gibt es das sonst? Nicht, daß ich diese emotionale Aufladung per se schlecht finde, aber wenn Riesenerwartungen an diesen einen Tag geknüpft werden, dann finde ich das eher stressig.

Ich betrachte ferner den rechtlichen Part und den symbolischen Part gerne getrennt. Was den rechtlichen Part angeht: da gibt es etliche Aspekte, über die ich mich aufregen könnte, damit fange ich aber jetzt gar nicht erst an. Zumal ich mich damit mangels Betroffenheit nur unzureichend auseinandergesetzt habe. Und gleichzeitig tendiere ich dazu, in diesem Punkt pragmatisch zu denken.

Mich interessiert vor allem der symbolische Part. Da gibt es Gestaltungsfreiheit; Gestaltungsfreiheit, die sich Menschen heute zunehmend gönnen. Eine Freiheit, die auch mir, sollte ich mal in diese Verlegenheit kommen, wichtig wäre; ohne die wäre es eine Veranstaltung, die ich ablehnen würde.

Was ich von meinen heidnischen Freund_innen lerne

Ich bin schon ziemlich lange als Heidin unterwegs, und das hat meine Sicht auf Rituale geprägt. Auch meine Sicht aufs Heiraten – denn solche Übergänge im Leben erfahren von heidnischen Zusammenhängen in der Regel auch reichlich rituelle Aufmerksamkeit – ist von den heidnischen Hochzeiten geprägt, die ich bisher miterleben durfte.

Die Nornirs Ætt ist mir in den letzten Jahren etwas geworden, was andere als Wahlfamilie bezeichnen würden. Ich ziehe den (ja, ich weiß, irgendwie deutschtümelnden, irgendwie altertümlichen) Begriff Heilsgemeinschaft vor, und ich habe immer Schwierigkeiten, zu erklären, was wir denn eigentlich machen – die Begriffe der deutschen Mehrheitskultur sind dafür unpassend. Die meisten von uns fühlen sich mit dem Begriff „heidnisch“ wohl, und „Gemeinschaft“ spielt bei uns eine große, wenn nicht zentrale Rolle.
Ich schreibe jetzt bewußt nur über diese Gemeinschaft, weil ich nur einen (religiösen) Ritus vom Rang einer Hochzeit außerhalb dieser Gemeinschaft erlebt habe – abgesehen von einer katholischen kirchlichen Trauung, bei der ich einmal gesungen habe, da war ich jedoch reine Dienstleisterin und konnte nach der Trauung gehen.

Handfasting – Heidnische Hochzeit

Das eine oder andere Mal habe ich Handfastings miterleben dürfen: heidnische Hochzeitsrituale. Im Prinzip gibt es dabei genau zwei konstitutive Elemente:

a) zwei (oder mehr) erwachsene Menschen wollen eine Paar-Bindung rituell besiegeln und
b) vor einem Kreis von heidnischen Menschen.

Der Rest ist so verschieden wie die Leute, die das feiern wollen. Wie öffentlich oder nichtöffentlich so ein Handfasting gefeiert wird, welche Versprechen gegeben werden, welche Geschenke ausgetauscht werden sollen, welche Handlungen das Ritual beinhalten soll – all das wird von den Beteiligten – Heiratswilligen wie denen, die die Zeremonie leiten – in Vorbesprechungen ausklamüsert. Segenswünsche von allen Anwesenden waren ein wichtiger Teil jedes Handfastings, das ich bisher erlebt habe- und natürlich „religiöse“ Elemente wie Bitten um den Segen der Gött_innen oder Trankopfer.

In der Gestaltung von Handfastings spiegelt sich, was generell die Praxis der Heid_innen, mit denen ich mich wohl fühle, auszeichnet: Glauben, Ethik, persönliche Lebensgestaltung sind nicht kodifiziert. Heid_innen haben nun einmal keinen für alle verbindlichen Katechismus.

Handparting: Eine Bindung auflösen

Heidnische Beziehungsrituale kennen einen Gegenpart zum Handfasting, das Handparting: das rituelle Lösen einer Bindung, die mit einem Handfasting zelebriert wurde. Ich finde es gut, daß es diese Möglichkeit gibt, auch Trennungen rituell zu würdigen. Nicht bei jeder Trennung ist das gewünscht und praktikabel, je nachdem, wie konfliktbeladen eine solche Trennung ablief.

Handpartings sind ihrer Natur nach eher ernste Rituale. Was ich an der Institution mag, ist, daß die Möglichkeit von Trennungen mitgedacht wird; ich stelle mir vor, daß ein solches Ritual, wenn es von allen Beteiligten gewünscht wird, mithelfen kann, eine Trennung zu bewältigen.

Nicht-romantische Beziehungen würdigen

Romantische Zweierbeziehungen werden in unserer Gesellschaft gerne über alle anderen gestellt. Das macht auch mir manchmal Kummer. Warum kann ich nicht meine langfristigen, bedeutsamen Freund_innen_schaften, die ich als tragfähig, als mich auffangend, als wohltuend und stützend empfinde und für die ich genau das auch sein will, rechtlich und zeremoniell ähnlich würdigen, wenn die Beteiligten das wünschen?

Immerhin: In meinem heidnischen Umfeld durfte ich schon miterleben, wie langjährige Freund_innen_beziehungen mit ritueller Verbrüderung_Verschwisterung gefeiert und bekräftigt wurden. Ich wünschte mir, diese Art von Zeremonie – mit oder ohne religiöse1 Komponente – wäre nicht die totale Ausnahme.

Würde ich denn nun wollen?

Was den rechtlichen Part angeht: Kommt sehr drauf an. Da denke ich zur Zeit pragmatisch. Wer weiß, was eine hypothetische Beziehung mir neben dem von @vonhorst erwähnten „you can’t opt out of death“ mitbringt: Kinder, Aufenthalts-Foo, rechtliche Absicherungsbedürfnisse… Ja, möglicherweise werde ich, wenn ich mit einer lange zusammen bin und es bleiben will, es für sinnvoll halten, eine Bindung dann auch rechtlich abzusichern.

Ein Fest für die Liebe

Was ich mir aber ganz klar irgendwann wünschen würde, wäre eine symbolisch-rituelle Anerkennung. Ich mag schöne heidnische Rituale, aber der genaue Inhalt und die „Religionshaltigkeit“ einer Zeremonie wäre verhandelbar. Ohne Versprechungen für die Ewigkeit, ohne Exklusivitätsansprüche, vielleicht auch, um Loyalität und Commitment zu bekräftigen – doch vorrangig, um das zu feiern, was zu diesem Zeitpunkt da ist und gut ist: ein rauschendes Fest für die Liebe.

Klar – das ist meine Vorstellung und die, die ich jetzt habe. Sie kann sich ändern. Zu einer Beziehung gehören mindestens zwei, und wer weiß, wie meine Vorstellungen in ein paar Jahren aussehen.

  1. ich verwende „religiös“ hier in einem sehr weiten Sinn und mangels treffenderer Begriffe, denn einige meiner heidnischen Freund_innen nennen das, was wir da tun, nicht Religion

3 Kommentare

  1. Geschrieben am 13. Juni 2013 um 12:36 | Permalink

    Der Text ist wunderschön! Ganz viele Herzchen! Soviele wichtige Dinge! Meine Lieblingsstelle ist die über das Auslöschen von Begehren, so gehts mir seit Ewigkeiten und ich kann dem sooft nichts entgegensetzen und bin kraftlos, habe Angst, fühle mich wie eine Maschine, allerhöchstens wie die Nebendarstellerin* in den Stücken anderer, ewig. Zum Segen, zum Ritual: Yes. Gemerkt habe ich wie wichtig ich das finde, als ich bei der (traditionellen) Hochzeit meiner Tante war. Bei den türkischen Hochzeiten, die ich kenne, ist es Tradition gewesen, dass der Bräutigam die Braut von ihrem Zuhause abholt, quasi aus dem Kreis der alten Familie hinein in die neue bringt. Unsere Familie saß jedenfalls zusammengedrängt im Zimmer meiner Tante und meine Großeltern haben sich von ihr verabschiedet und mein Opa hat sie in den Arm genommen und sie haben geweint und dieses Abschiedsritual hatte ganz stark was von einem Segen; wie alle drumherum standen und Zeuge dieser berührenden Geste waren und mir hat das Herz gebrannt. Abschiedsrituale als gemeinsames Anerkennen einer großen Veränderung, auch wenn 1 sich später noch sehen sollte; sowas fehlte mir sooft; die Liebe zu bestätigen, aber auch zu zeigen, dass 1 den Menschen loslässt und gehenlässt.

  2. Geschrieben am 17. Juni 2013 um 11:05 | Permalink

    Interessanter Artikel, auch wenn ich die Eingebundenheit in quasi-religiöse heidnische Praktiken nicht ganz nachvollziehen kann. Aber gut Deine Gedanken, die ja die Überbewertung und Aufgeladenheit von Heiraten herausstellen.

  3. ryuu
    Geschrieben am 18. Juni 2013 um 11:29 | Permalink

    Was die „quasireligiösen“ Praktiken angeht – mir ist bewußt, daß die für viele befremdlich und nicht nachvollziehbar sind. Im Kontext dieses Themas ist es für mich unausweichlich, über diese Zusammenhänge zu schreiben, weil ich diese (gegenüber der Mainstream-Art von Hochzeiten) anderen Beziehungsrituale eben dort kennengelernt habe. Ich kann mir vorstellen, daß dieses Paradigma für Beziehungsrituale ganz gut in „säkularisiert“ funktioniert.

Ein Trackback

  1. […] zugeneigt wäre, aber als Ideenspiel ist dieses ritual-überfrachtete Zeremoniell doch interessant. ryuus hort macht sich u.a. Gedanken über’s Heiraten als sozialem Ritus – interessant, aber die […]