Schulsport: Ein paar Notizen

tl;dr: Schulsport war ein einziges Frusterlebnis für mich und hätte mich beinahe wirklich unsportlich gemacht.

Heute morgen liefen mir ein paar Artikel über Schulsport über den Weg: 1, 2, 3. Ich setzte schon an, bei einem davon zu kommentieren, stellte dann aber fest, daß mein Kommentar einfach zu lang wurde. Darum schreibe ich meine Schulsporterfahrungen hier auf. In aller Ausführlichkeit.

Ich pflege zu sagen, daß der Ballettunterricht, den ich in meiner Gymnasialzeit hatte, verhinderte, daß Schulsport mir jeglichen Spaß an der Bewegung versaute. OK, schwimmen konnte ich auch recht gut, seit ich in der 5. und 6. Klasse eine Lehrerin hatte, die mir das wirklich gut vermittelt hat – aber beim Schwimmenlernen hat auch meine Großmutter ganz kräftig mitgeholfen. Daß ich ausgerechnet in dieser Zeit in einer Klasse war, wo die Dinge sozial einigermaßen OK liefen und wo ich keine doofen Kommentare über meinen Körper/meine Klamotten/meine Zahnspange/whatever abbekam, half ganz gewaltig. Nebst dem Faktor „reine Mädchenklasse“, was für mich nicht nur beim Sportunterricht eine Menge Streß rausnahm.

Ballsportarten, vor allem Volleyball, waren ein Alptraum für mich: nicht nur, weil ich das schlecht konnte, sondern auch, weil ich in meiner Schulzeit ziemlich ehrgeizig Gitarre und später zusätzlich Klavier spielte. Handverletzungen oder auch nur ein abgebrochener Fingernagel waren da ein echtes Problem, bedeuteten u.U. mehrere Wochen nicht oder nur eingeschränkt üben zu können.

Unter den Ballspiel-Alpträumen der Champion war Völkerball in der Grundschule. Völkerball war eine Situation, in der dieselben Jungs, die mich auch auf dem Schulhof verdroschen, mich so hart abwerfen durften, wie sie wollten und sich überhaupt im Medium dieses Spiels wie gewalttätige Arschlöcher aufführen durften. Völkerball lehrte mich, auf Bälle, die auf mich zuflogen, mit ängstlichem Ausweichen zu reagieren, statt sie zu fangen. In meiner Grundschulzeit bestanden gefühlt 2/3 des Sportunterrichts aus diesem schrecklichen Spiel.

Ein weiterer Alptraum: Geräteturnen. Nahm da irgendwer Rücksicht auf meine weit unterdurchschnittliche Größe? Nein. Niemals. Und für meinen „dicken Hintern“ wurde ich eh die ganze Zeit ausgelacht. (Wenn ich heute zurückblicke, dann war das Mich-Dick-Fühlen eine reine Selbstwahrnehmungsgeschichte, befeuert durch krasse Körpernormen in meiner Umgebung.)

Und Leichtathletik, vor allem Werfen, war auch eher eine Aneinanderreihung von Peinlichkeiten.

Das, was ich gut konnte, zählte nicht: Beweglichkeit (ich konnte Spagat), Koordination, die Fähigkeit, Bewegungen schnell aufzufassen und umzusetzen, Kreativität.

Dann: eine Skifreizeit in der 8. Klasse. Ich hatte keine Lust auf Abfahrt. Egal, der Langlaufkurs kam nicht zustande, also ab auf den Idiotenhügel (ich war vorher noch nie Ski gefahren) – auch bei fiesem Schneeregen. Nach der Heimreise lag ich erst einmal zwei Wochen mit Bronchitis flach. Skifahren? Nach dieser Erfahrung glaubte ich nicht mehr, daß mir das je Spaß machen würde. Ich mag Berge – aber bitte im Sommer, sagte ich danach lange.

Dazu die Ausgrenzungssache. Unbeliebt ist eine krasse Untertreibung für meinen Stand innerhalb der jeweiligen Klasse, in der Grundschule durchgängig, ab der 8. Klasse (nach einem Schulwechsel) dann wieder. Ich wurde durchgängig als letzte in Mannschaften gewählt (eben auch, weil ich mit Ballspielen nicht gut war) und habe Schulsport als eine der Situationen im Kopf, wo Mobbing am ungefiltertesten zuschlug, quasi die Fortsetzung des Schulhofs mit anderen Mitteln, großzügig übersehen oder heruntergespielt von anwesenden Lehrpersonen.

Laufen – in der Schule und danach

Eine der schlimmen Sachen im Schulsport war auch das Laufen.

Ich keuchte mir beim Laufen einen Ast ab, hatte ständig heftiges Seitenstechen und bekam zu hören: „Du atmest falsch.“ Daß mein Seitenstechen und mein Schnell-Außer-Atem kommen überhaupt nichts mit meiner Atemtechnik zu tun hatten, das lernte ich erst nach dem Abi, als ich auf Anraten meiner Gesangsprofessorin mit dem Laufen anfing. Es war nämlich schlichtes Untrainiertsein in Kombination mit zu schnellem Tempo, was mich so außer Atem kommen ließ.

Was mich, als ich nach der Schule mit dem Laufen anfing, dabei bleiben ließ und was dieses selbstbestimmte Laufen so anders machte, war nicht nur, daß ich Zeit, Umfang und Tempo bestimmte und im Rahmen dessen halten konnte, womit ich mich wohl fühlte. Es war auch: Ich hatte ein Ziel dabei, das mir sinnvoll erschien. Anfangs, meinen Muskeltonus zu verbessern (ja, das spielte beim Singen eine Rolle), später generelle Fitness und Streßabbau. Mein Fortschritt zählte da, mein Wohlbefinden, und nicht irgendein von außen vorgebenes Bewertungsraster.

Und last not least machte ich tatsächlich Fortschritte, weil die Trainingsfrequenz und -dauer stimmte, nämlich nicht alle Jubeljahre mal, wenn es der Lehrkraft einfiel, ein paarmal um die Turnhalle, sondern regelmäßig zwei- bis dreimal die Woche zwanzig Minuten, später bis zu einer halben Stunde (und mittlerweile 30 bis 50 Minuten). Einige Jahre lang lief ich mit Pulsuhr: das half mir, die richtige Langsamkeit zu finden. Mittlerweile trage ich keine Pulsuhr mehr, und ich habe Geschwindigkeiten gefunden, in denen ich gut längere Strecken laufen kann.

Was tat das Ballett für mich?

Im Ballett konnte ich mich an Dingen freuen, die ich konnte. Ich war von Musik umgeben, die ich mochte. Es fehlte der Konkurrenzdruck, es ging darum, gemeinsam etwas Schönes zu machen. Es ging nie um den Vergleich zu anderen – es ging darum, was ich konnte und erreichen wollte, ob es da um die doppelte Pirouette, den Spagat oder komplexe Sprünge ging. Und Ballett war auch eine expressive Geschichte. Es ging um Ästhetik und nicht um Leistung.

Wenn mich am Ballett aus heutiger Sicht was ankekst, dann die Körpernormen, die im Ballett sehr in Richtung „lang und dünn“ tendieren. Kurz und stämmig oder gar rundlich – das ging irgendwie gar nicht, obwohl es keinen vernünftigen Grund gibt, warum dicke Menschen kein Ballett tanzen sollten. Damals teilte ich diese Körpernormen, obwohl ich ihnen nicht 100% entsprach.

Was wäre zu tun?

Was sich am Schulsport ändern müßte, damit Menschen wie ich da mit Lust an Bewegung rausgehen statt mit dem Gefühl von Versagen und Unfähigkeit: Stärken stärken statt ewiges Rummachen an Schwächen. Auf dem aufbauen, was die_der Einzelne kann und das bestärken, statt auf das zu fokussieren, was (noch) nicht geht. Eine größere Bandbreite an Körpererfahrungen (in meinem Schulsport gab es z.B. kaum tänzerische Dinge, Stretching fand kaum statt, Entspannung erst recht nicht). Schluß mit den negativen Beurteilungen für die, deren Körper Idealen nicht entsprechen.

Über die Vorstellungen von Fitness und Gesundheit, die in den Schulsport eingeschrieben sind, müßte mal gründlichst geredet werden. Der Konkurrenz- und Wettbewerbsgedanke, der da drinsteckt, der ist für viele ebenfalls nur Streß und schädlich und ruiniert den Spaß an der Bewegung. Solange ich nämlich Schwierigkeiten habe, eine 50-Meter-Bahn an einem Stück zu schwimmen, ist es wurst, wie lange ich dafür brauche oder ob es jemand anders besser kann, dann muß das Ziel sein, daß ich so eine Bahn angstfrei durchschwimmen kann, egal, wie lang ich dafür brauche, und dann vielleicht, daß ich sowas schaffe, ohne hinterher vollkommen alle zu sein. Das ständige Starren auf Zeiten und Werte halte ich für total kontraproduktiv.

Sport und ich – heute

Später lernte ich – mit dem Motiv Selbstverteidigung – in einem Frauen-Dojo Jiu Jitsu, und dann machte ich zwei Jahre im Unisport Kendo. Ich lernte vor allem bei letzterem einiges von der japanischen Kultur kennen und lieben. Wettkampfkendo reizte mich nie. Mir gab die Ästhetik etwas; meine Lieblingsmomente waren der Freikampf am Ende der Trainingseinheit und die Momente vollkommener Präsenz, die sich zwischendrin immer mal wieder einstellten. Und in meinem feministischen Frauen-Dojo machten mir Drill mit Liegestützen, auf Kommando durch die Gegend sprinten und synchron Karate-Formen laufen sogar Spaß.

Ballsportarten mag ich immer noch nicht. Bergwandern, Schwimmen, gelegentliches Krafttraining ohne Geräte: all das mag ich heute. Vor allem laufe ich inzwischen 2-3mal pro Woche Distanzen zwischen 3 und 5 Kilometer, gelegentlich sogar mehr – aber so schnell, wie es mir Spaß macht, so, daß ich zwischendrin auch mal kurz stehen bleibe und die Landschaft genieße. Laufen ist für mich Denk-Zeit, Zeit für mich, Zeit, um den Kopf freizukriegen. Deswegen laufe ich auch gern allein.

Ob ich irgendwann noch einmal eine japanische Kampfsportdisziplin wieder anfange: da ist das letzte Wort noch nicht gesprochen, auch wenn ich derzeit nichts in der Richtung mache. Iaido – eine Schwertkampf-Disziplin – würde mich reizen; da spielt der kulturelle und ästhetische Aspekt eine große Rolle.

Was Wintersport angeht: Irgendwann schaffe ich es noch einmal, die uralten Schlittschuhe in meinem Keller auch mal zu benutzen. Bezüglich Ski ist das letzte Wort noch nicht gesprochen, ich hätte durchaus Lust dazu. Da sehe ich mich jedoch immer noch eher auf Langlaufski durch die Landschaft gleiten als auf einem oder zwei Brettern Hänge runterzurutschen.

Ich halte mich heute nicht mehr für unsportlich. Ich sage sogar, daß mir Bewegung gut tut, daß Laufen gute Medizin für mich ist und daß ich Freude an Bewegung habe. Aber es ist mir immer noch sehr wichtig, selbst zu bestimmen, wann und was ich an Bewegung mache – und es ist vollkommen OK, auch einmal keinen Bock darauf zu haben.

Ein Kommentar

  1. Geschrieben am 7. März 2014 um 19:10 | Permalink

    Oh, ich verstehe dich (als damals unsportliches und bis 13-14 dickes Kind) so gut! Der einzige Schulsport, der mir je Freude gemacht hat (und wo ich mal eine 2!!! bekam statt der ewigen 4) war Judo.

    Ansonsten – der weige Einheitsbrei aus Hallensport (=80 Prozent Völkerball) und Leichtathleik (= 80 Prozent Runden rennen im Stadion)…

    Heute bewege ich mich gerne, gehe zwar zurzeit „nur“ alle 1-2 Tage 1-2 Stunden wandern, da keine Zeit für Abendkurse in tai Chi oder Yoga, aber das tut mir gut und hält mich fit.

    Bodecea