Yay, ich bin nicht privilegiert! Oder so.

Inhalts-Hinweis: In der zweiten Hälfte dieses Textes mache ich mir ausführlich Gedanken über Religion.

Meine FB-Timeline teilt gerade diesen Test rauf und runter, und ich habe ihn auch gemacht.

Ich finde den Test interessant, weil er deutlich macht, welche Erfahrungen eins gemacht hat. Ich finde ihn auch interessant, weil er Leuten vielleicht vor Augen führt, welche Erfahrungen sie nie gemacht haben. Viele in meiner Timeline reagierten mit einem „oh, hätte ich nicht gedacht“ angesichts eines Ergebnisses irgendwo zwischen 30 und 40 Punkten.

Der Test ist jedoch auch nicht nur in meinen Augen hochproblematisch. Distel hat hier ein paar Kritikpunkte aufgeschrieben, ich ergänze mal, was mir dazu noch einfällt.

Isolierter Privilegienbegriff, Absolutionscharakter und opression olympics

Ich finde ihn problematisch, weil er zu oppression olympics („aber ich bin doch viel diskriminierter als du!“) einlädt. Ich finde es auch schwierig, eindimensional in einer Zahl zu messen, wie privilegiert ich denn nun bin. Und was die eine als benachteiligenden Klotz am Bein empfindet, mag für den anderen eine befreiende Wahl sein und überhaupt sehr von den Umständen abhängen (zum Beispiel kein Auto zu besitzen – in manchen ländlichen Gebieten ein drastischer Mobilitätsmangel, in Städten mit gut ausgebautem ÖPNV dagegen oft kein Problem).

Ich finde es schwierig, Privilegien so als isolierten Begriff zu behandeln, ohne gleichzeitig über Machtverhältnisse, Intersektionalität, Normen und Marginalisierung zu reden. Ich finde es schwierig, „du bist privilegiert“ zu sagen, ohne über Konsequenzen daraus und mögliche Handlungsansätze zu reden.

Ich finde schwierig, wie Leute tendenziell reagieren mit „ah *erleichterter Seufzer*, ich bin nicht privilegiert“ oder „Hilfe, ich bin privilegiert, bin ich jetzt ein schlechter Mensch?“, wie „du bist nicht privilegiert“ Absolutions-Charakter annimmt. „Privilegiert sein“ gerät so – isoliert aus der Debatte, aus der der Begriff eigentlich herkommt – viel zu schnell zu etwas Schuldbesetztem und „nicht privilegiert sein“ wird zu „nicht schuldig“ – ja, welcher Anklagepunkte eigentlich?

US-zentrischer Charakter dieses Tests

Allgemein habe nicht nur ich festgestellt, daß der Test einen starken US-zentrischen Charakter hat. Etwa bei den Religionsfragen; Religion spielt hierzulande ja eine ganz andere Rolle, hat gesellschaftlich, kulturell, politisch und juristisch eine ganz andere Stellung, und im deutschen Alltagsleben ist Religion ja (was ich grundsätzlich nicht so verkehrt finde) ein Thema, über das zu reden beinahe schon intimen Charakter hat.

Oder beim Thema Mobilität: ÖPNV nutzen ist ja hierzulande nichts, was nur arme Menschen tun, und ÖPNV ist vielerorts hinreichend gut ausgebaut, daß eins auch damit von A nach B kommt (in ländlichen Regionen sieht es vielleicht anders aus). Für manche ist es eine sehr bewußte Wahl, ohne (eigenes) Auto zu leben, die dann nichts mit Armut zu tun hat, sondern mit Lebensqualität und Ökologie.

Um international zu reisen, muß ich von hier aus weniger als 30 Kilometer nach Westen fahren (dann bin ich in Frankreich) oder etwas weniger als 70km nach Süden (dann bin ich in der Schweiz). Stellt hier höchstens insofern ein Privileg dar, als ich bei etwaigen Kontrollen vollkommen ruhig meinen deutschen Personalausweis vorzeigen kann und alles ist in Butter.

Etwas wie „jemand klingt weiß“ gibt es hierzulande dann eher in der Gestalt von „Du sprichst aber gut deutsch“, gesagt zu Personen, denen ein Migrationshintergrund unterstellt wird.

Dann ist da noch die Sache mit dem Gesundheitswesen. Zugang zu Medikamenten, ärztlicher Versorgung und Psychotherapie ist hierzulande (zum Glück) weit weniger ein ‚Privilegienindikator‘ als unter den Vorzeichen der USA, wo Zugang zu Gesundheitsversorgung für viele Menschen unbezahlbar ist; dieser Zugang ist (noch) etwas, worauf die meisten Menschen sich hierzulande mehr oder weniger verlassen können. (Über Zuzahlungen und Zweiklassenmedizin ist allerdings zu reden. Und bei der Geburtshilfe samt Geburtsvorbereitung und Nachsorge brennt es bald.)

Passing privilege ist kompliziert

Daß ich mich nicht erinnern kann, je als „dyke“ oder mit einem entsprechenden deutschen Wort bedacht worden zu sein, verdanke ich dem, daß ich als Single-femme „unter dem Radar fliege“. Ich passe als hetera, weil unsere Kultur Homosexualität mit bestimmten Verhaltensweisen und bestimmtem Aussehen assoziiert, die ich nicht zeige, und habe dadurch in einigen Situation heterosexuelle Privilegien (in anderen, z.B. bei der Partnerinnensuche, ganz entschieden nicht).

Wie hältst Du’s mit der Religion?

Daß ich bei den Religions-Fragen einiges anhaken konnte, zeigt, daß ich persönlich schon so meine Begegnungen mit fundamentalistischen Formen des Christentums hatte – wo manchmal, aber nicht immer mein Heidentum zur Sprache kam. Die zwei im Nachhinein richtig fiesen Sachen, die sich auch auf mein Leben nachhaltig ausgewirkt haben, hatten aber mit religiös begründeter Abwertung meiner Sexualität zu tun.

Wo ich mich strukturell unbequem fühle, ist das mit den Feiertagen. Ich muß gelegentlich mal Urlaub nehmen, wenn ich einen heidnischen Feiertag mit anderen begehen will, und gerade vor Weihnachten (Stichwort Wintersonnenwende, was mein heiligstes Fest ist) ist das nicht immer einfach. Aber jo mei, bis wir eine Art der Arbeitsorganisation haben, in der jede_r dann Feiertage haben kann, wenn er_sie will, und zwar aus egal welchem Grund, lebe ich halt damit, daß für mich wie für jüdische Menschen, Muslime_Muslimas, Buddhist_innen, Hindus, Sikhs, … ausgiebiges Begehen von religiösen Festen entweder erfordert, Feste auf Wochenenden zu legen oder Urlaub zu nehmen. Ich kenne auch kaum Christ_innen hierzulande, die religiöse Feiertage primär zum Feiern religiöser Feste nutzen und nicht einfach als arbeitsfreie Tage. (Vielleicht ist das wieder eine Sache der Filterbubble und ich habe mit diesen praktizierenden Christ_innen einfach nicht zu tun.)

Ich bin auch in weniger Zusammenhängen als Heidin „out“ als als Lesbe. Manchmal überlege ich mir, offener (nicht notwendigerweise offensiver) damit umzugehen, zum Beispiel, indem ich aus Treffen der Nornirs Ætt keine „Treffen mit Freunden“ mehr mache, wenn ich z.B. gefragt werde, was ich am letzten Juliwochenende vorhabe. Das erfordert Mut, denn ich habe die Wahrnehmung, daß es in Deutschland nach wie vor einen starken Hang gibt, nonstandard spiritualities und Religionen außerhalb der großen Weltreligionen lächerlich zu machen. Wie’s mit der Assoziation „(germanisch) heidnisch = rechts“ unter nicht-heidnischen Menschen aussieht – da bin ich ambivalent; manchmal denke ich, diese Assoziation ist inzwischen schwächer geworden und heidens haben einen gewissen Erfolg dabei errungen, sich Asatrú und die German_innen von den Rechten zurückzuholen.
Diskriminiert fühle ich mich deshalb nicht. Eher herausgefordert, an dem, was ich in dieser Szene für kritikwürdig halte, zu arbeiten, meine Praxis selbst für voll zu nehmen und mich, wenn nötig, glaubwürdig zu erklären (denn es gibt da nach wie vor wenig gute Information auf deutsch). Und auch mal eine Diskussion nicht zu führen, wenn bei jemandem keine Bereitschaft da ist, sich auf meine Sicht einzulassen – etwas, das mir übrigens eher bei Skeptiker_innen und antireligiösen Menschen passiert als bei Christ_innen.

Asatrúar haben auch in meiner Stadt keine Kultstätte. Ich empfinde das kaum als Mangel, meine individuelle solitary-Praxis mag ohnehin Orte in der Natur sehr. Manchmal ist es nervig, daß es so wenig Orte gibt, wo eins – sei es unter freiem Himmel, sei es indoor – heidnische Dinge tun kann; das eigene Wohnzimmer wird für Gruppen schnell zu klein. Orte für Treffen der Nornirs Ætt zu finden, ist immer wieder anstrengend – wären wir eine kirchliche Gruppe, könnten wir wahrscheinlich leichter auf Netzwerke und Tagungshäuser zurückgreifen.
In diesem Punkt sehe ich heidens gefordert, sich Orte, Strukturen und Netzwerke zu schaffen.

Last not least: mich in mehreren Dimensionen in einer marginalisierten Position zu befinden, ist keine Erlaubnis, ein Arschloch zu sein.

tl;dr: Allzu vereinfachte Anwendung des Begriffs „Privileg“ und das Herausnehmen dieses Begriffs aus seinem Kontext halte ich für problematisch, und Privilegiert-Sein ist nichts Schlechtes.

Ein Kommentar

  1. Geschrieben am 14. April 2014 um 14:39 | Permalink

    Ich hab den Test spasseshalber nochmal gemacht und habe die Dinge „reflektiert“ abgehakt. d.h. nicht alles, was auf mich rein wörtlich zutrifft, habe ich abgehakt, sondern auch das, was im Sinn der Frage auf mich zutrifft. Ich schoss in den Punkten von 47 auf 77 hoch, von „Du bist mega mehrfachdiskriminiert“ zu „du bist Hochprivilegiert“.

    Ich „passe“ z.B. manchma sicherlich als Lesbe, ich wurde auch schon mal als angebliche Lesbe auf der Strasse angegriffen, aber ich bin nun mal keine und erlebe deshalb die Diskriminierung nicht. Auch, wenn mich jemand „Scheißlesbe“ nennen würde, sollte ich das nicht anhaken, weil ich keine bin und mich das Wort nicht so (be-)trifft!

    Wenn ich als Mann „passe“, bleibt mir ganz viel Belästigung auf der Strasse erspart.

    Die ganze Religionsprivilegien habe ich aus Gründen ebenfalls angehakt, da hatten wir ja erst neulich eine Debatte dazu.. Jaaa, ich bin auch nicht christlich und habe in dem Sinn kein „christian privilege“, aber ich habe nur den Haken weggelassen bei dem Punkt, an dem meine Religionsgemeinschaft eine Kultstätte in meiner Stadt betreibt.

    Ich habe dann, auch um ein wenig einen Kontrast zu bilden zu den ganzen „Wow, ich hab nur 20 Punkte“-Weißen, mein 77 Punkte Ergebnis veröffentlicht, und darunter schrieb dann auch alsbald ein Cis-Mann, der meinen Text wahrscheinlich nicht gelesen hatte, er käme nur auf 50 Punkte.

    Ach, alas… nee, der Buzzfeed-Test ist echt keine gute Idee.