Esoterik und Esoterikkritik, Teil 1: Definitionsversuche

Im einleitenden Teil dieser Reihe habe ich mir als ersten Teil eine Definition des Gegenstands vorgenommen. Diese Definition – oder ihre Unmöglichkeit – scheint mir nämlich in der Betrachtung von „Esoterik“ wichtig zu sein, und sie git mir auch Hinweise, warum viele meiner spirituell aktiven Freund_innen es ablehnen, ihre jeweiligen Praktiken als „esoterisch“ zu begreifen.

Mein großes Problem mit dem Begriff des Esoterischen ist seine Schwammigkeit; darüber hinaus der pauschalisierende Charakter, der ihm gerne innewohnt.Ich versuche einmal auflisten und zu kategorisieren, was ich im „Esoterik“-Regal von Buchhandlungen, in esoterischen Buchhandlungen und in esoterischen Zeitschriften schon gefunden habe:

  • Weltrettungspläne (z.B. bei den Themen Wirtschaft und Gesellschaftsgestaltung) und Weltverschwörungsszenarien
  • „Grenzwissenschaften“ und mitunter ziemlich … äh, eigenwillige Rezeptionen moderner Naturwissenschaft (z.B. Quantenheilung, „Freie Energie“)
  • gesundheitsbezogene Themen und Praktiken von außereuropäischen heilkundlichen Systemen über Homöopathie und Wasserbelebung bis zu problematischen alternativmedizinischen Praktiken wie Impfkritik und MMS
  • Philosophien wie das „Gesetz der Anziehung“
  • Fragen der gelingenden und sinnvollen Lebens- und Beziehungsgestaltung, „Coaching“-Angebote
  • Orakelpraktiken (z.B. Kartenlegen, Runenorakel)
  • Jahreskreisfeste und Rituale
  • Heidentum, Göttinnenspiritualität und Naturreligion
  • spirituelle Praktiken von Ureinwohnerstämmen
  • Beschäftigung mit Engeln und apokryphen Gestalten der christlichen Mythologie
  • westliche Rezeptionen von ostasiatischen Lehren und Praktiken
  • Meditationstechniken
  • Mediale Praktiken, die aus volkstümlichen Traditionen stammen können oder aus Traditionen des westlichen Okkultismus, z.B. Handlesen, Hellsichtigkeit/Hellhörigkeit, Channeling, …

Was verbindet diese Anschauungen, Lehren und Praktiken? Im wesentlichen: Ihr Nicht-Mainstream-Status in der westlichen Gesellschaft.

Ich habe diese Begriffe vor längerer Zeit einmal in zwei großen Lexika zu religionswissenschaftlichen Themen nachgeschlagen und zusammengefaßt:

Im „Lexikon neureligiöser Gruppen, Szenen und Weltanschauungen“ fand ich die Beschreibung: Charakteristisch für die neuzeutliche Esoterik sei ein „bewußtes Absehen von Wissenschaftlichkeit und Rationalität“, sie „verläßt sich ganz auf eine nur dem ‚Eingeweihten‘ zugängliche ‚höhere Erkenntnis'“.
An die Wissenschaft werde dabei der Vorwurf erhoben, materialistisch und intuitionsfeindlich zu sein, an die christlichen Kirchen gehen die Vorwürfe der Verkopftheit, des Dogmatismus und der Verrechtlichung.
Esoterik setzte dagegen Ganzheitlichkeit und „lebendige Bewußtseinsentwicklung“.1 : Herder, 2005, Sp. 330-32]

Im Lexikon „Religion in Geschichte und Gegenwart“ wird der Begriff von Hartmut Zinser wie folgt definiert:
Unter den Begriff der Esoterik fallen nach Zinser Schriften, Lehren und Praktiken, die entweder

1. mit erklärten Lehren der Kirchen in Widerspruch stehen, 2. soweit sie sich als Wissen verstehen, das mit den Erkenntnissen und Methoden der Wissenschaften nicht zu vereinbaren sind oder 3. was auf dem Markt der Esoterik als esoterisch verkauft werden kann.

In der Antike wurden mit diesem Begriff Schriften bezeichnet, die nur für Eingeweihte bestimmt waren. Das Interesse an einer Geheimhaltung wurde damals durch zwei Faktoren motiviert: Erstens hielt man dieses Wissen für „zu schwierig für die Masse“, zweitens hielt man eine allgemeine Kenntnis für eine Gefahr für die allgemeine Ordnung. (Topoi, die mitunter heute noch am Werk sind, siehe Verschwörungstheorien, d.Verf.)

Heute werde, so Zinser, auf dem esoterischen Markt alles angeboten, was von etablierten Religionen als heterodox oder häretisch abgelehnt werde oder sonstwie ausgegrenzt sei, dgl. auch von wissenschaftlicher Seite (besonders auf dem Gebiet der Medizin) ausgegrenzte Vorstellungen.
Moderne Esoterik, so Zinsers negatives Fazit, sei ein schwankendes Gemisch aus Wissen und Glauben, der sich nicht als Glauben verstehen wolle und für seine Theorien die von den Wissenschaften erkannten Grenzen nicht wahrhaben wolle.
„Die Faszination an der Esoterik entspringt den Wünschen und Ängsten der Menschen, die sich mit der Beschränkung der Wissenschaft nicht abgeben wollen und nicht mehr die Bereitschaft zum Glauben haben.“ 2

Wir haben also hier einen extrem schwammigen, überwiegend in Abgrenzung zum naturwissenschaftlichen Weltbild, aber auch zu etablierten Religionsgemeinschaften definierten Begriff, der darüber hinaus noch manchmal elitäre Züge hat.

Ich bin mir einer weiteren Problematik dieser Lexikondefinitionen bewußt: Sie werden in der Regel von Menschen verfaßt, die tief in einer eurozentrischen und christlich geprägten Begriffswelt stecken und die mit einer von vornherein ablehnenden Haltung über diese Praktiken schreiben, während als esoterisch Angesehenes seine Wurzeln in den 70ern und 80ern in einer Gegenkultur hatte, die unter anderem die Kirchen heftig anging.

Es erscheint mir also als nahezu unmöglich, über „die Esoterik“ an sich zu sprechen, und möglicherweise ist auch der esoterische Markt in seiner Gesamtheit nicht sauber zu analysieren, weil er aus sehr heterogenen Teilfeldern besteht. Ich spreche deswegen von „als esoterisch markierten“ Praktiken und Lehren.

Meine Schlußfolgerung: Als „esoterisch“ werden vorrangig Dinge – Lehren und Praktiken – markiert, die von den großen gesellschaftlichen Instanzen, die Wissen und Praktiken legitimieren – in unserer Gesellschaft: Wissenschaft, etablierte Kirchen und bürgerliche Kultur – nicht anerkannt werden. Der Logik dieser Instanzen zufolge vollkommen zu Recht.

Warum mir einige Praktiken, die als esoterisch markiert werden – womit mir wegen der verbreiteten Pauschalisierung unbehaglich ist – , wichtig sind und was ihr empowernder, ja emanzipativer Gehalt für mich ist: darum geht es im folgenden Teil.

Vielleicht habt Ihr, liebe Leser_innen, ja einen ganz anderen Begriff vom Esoterischen: dann schreibt’s mir doch mal in die Kommentare.

  1. Bernhard Grom, Artikel „Esoterik“, in: Lexikon neureligiöser Gruppen, Szenen und Weltanschauungen : Orientierungen im religiösen Pluralismus / hrsg. von Harald Baer … – Freiburg im Breisgau [u.a.
  2. Hartmut Zinser, Art. „Esoterik“, in: Religion in Geschichte und Gegenwart : Handwörterbuch für Theologie und Religionswissenschaft. – 2. C-E / hrsg. von Hans Dieter Betz …. – 4., völlig neu bearb. Aufl., Tübingen 1999, Sp. 1580-81

2 Kommentare

  1. Geschrieben am 2. August 2014 um 12:19 | Permalink

    Dein Artikel spricht mir aus der Seele!

    Esoterik-Definition: Laut Rainer Kakuska („Der Esoterik-Leitfaden“) beruht ein „esoterisches Weltbild“ auf vier Grundannahmen:

    • Die Welt wird als völlig geordnet betrachtet. Alles hängt mit allem auf eine sinnvolle Weise zusammen, wobei der Zusammenhang weit über das hinausgeht, was wir Ursache und Wirkung nennen. Der Mensch ist allerdings nicht imstande, diese Ordnung vollständig zu durchschauen.

    • Der Mensch hat an zwei Ebenen oder Zuständen der Wirklichkeit teil, der materiellen und der geistigen. Diese Zustände stehen in enger Wechselwirkung, sind letztlich zwei Aspekte einer Realität.

    • Es ist die natürliche Tendenz der Seele, zu wachsen, sich weiterzuentwickeln, immer umfassender und differenzierter zu werden. Dazu sind viele Erfahrungen nötig, auch unangenehme. Je mehr Einsicht jemand in die universellen Zusammenhänge gewinnt, desto mehr wird er die scheinbaren Gegensätze als zwei Extreme einer Polarität sehen, die nicht unabhängig voneinander existieren können.

    • Das Universum ist freundlich für den, der seine Gesetze kennt und sie respektiert. Wahres Glück entsteht dadurch, dass man das tut, was notwendig ist, und akzeptiert, was geschieht.

    Im Großen und Ganzen kann ich dem Zustimmen. Folglich wäre ich „Esoteriker“ – zumindest aus der Perspektive eines radikalen Naturalismus.

    Interessant finde die Definition Ursula Cabertas (ehemalige „Ministerialreferentin für neureligiöse, ideologische Gemeinschaften und Psychogruppen“ (umgangssprachlich „Sektenbeauftragte“, bzw. „Referentin für Spöckenkram“) der Hamburger Innenbehörde): „Esoterik ist käufliche Spiritualität“.

    Der Witz ist dabei natürlich, dass Spiritualität ebensowenig käuflich ist wie Liebe, Talent oder Glück. „Esoterik“ im Sinne Cabertas ist also von vornherein Betrug.

    Aus ihrem Blickwinkel ist das sogar richtig, denn für „esoterische Praktiken im stillen Kämmerlein“ war sie schlicht nicht zuständig.

    Ich freue mich schon auf Teil 2! MartinM

  2. ryuu
    Geschrieben am 3. August 2014 um 00:33 | Permalink

    Martin, diese Definitionen finde ich interessant! Ich könnte höchstens einem von den Kriterien Kakuskas vorsichtig zustimmen.

    Und das mit der Kommerzialität und dem „stillen Kämmerlein“ scheint mir ohnehin eine komplexere Angelegenheit zu sein…