Bi-Feindlichkeit und Heteronormativität: Erfahrungen einer lesbischen femme.

Im folgenden Text schreibe ich „Frauen“ ohne Genderstern, wo die Zusammenhänge, in denen ich unterwegs war, derart frei von genderqueerness und trans* waren, daß es sich faktisch immer im cisgender-Frauen handelte, mit denen ich zu tun hatte.

Ferner beschreibe ich in diesem Text eher die Konzepte, die über Bi so im Schwange waren und mit denen ich zusammenstieß, als ich in der Gothicszene unterwegs war, als daß ich versuche, über Bisexuelle an sich zu reden. Ich möchte lesbische Bi-Feindlichkeit nicht mittragen und nicht mit reproduzieren!

edit 04.12.2014, 18:30: Ich vergaß: Kiturak und Puzzlestücke haben mir schon vor längerem wertvolle Anstöße für diesen Text gegeben. Danke dafür. [edit Ende]

Immer wieder poppen in meiner Timeline Diskussionen über Bi-Feindlichkeit auf. Ich möchte meine Erlebnisse dazu mal in die Waagschale werfen; ich hatte schon lange das Bedürfnis, mir meine Erlebnisse in dieser Hinsicht und meinen Kampf damit, blöde Konstruktionen von Bi für mich anders aufzulösen als mit dem in Lesbenkreisen anzutreffenden „no bi“ (sprich: „Bisexuelle kommen für mich als Partnerinnen nicht in Frage“), von der Seele zu schreiben.

Es sind besonders die Jahre 1999-2002, die ich in dieser Beziehung lebhaft und schmerzhaft in Erinnerung habe. Die Diskussionen auf der Gothiclesben-Mailingliste habe ich noch ein paar Jahre länger, etwa bis 2006/07, beobachtet.

Die Konstruktion weiblicher Bisexualität in der Goth-Szene

Meine Begegnugnen mit Bisexualität haben sehr viel zu tun mit der Gothicszene. Ich war von 1999 bis ca. 2006 viel in dieser Szene unterwegs und habe sie einige Jahre als mein subkulturelles Zuhause betrachtet.

In dieser Zeit habe ich beobachtet, daß weibliche Bisexualität in der Gothicszene irgendwie schick war; aber die Repräsentation von Bisexualität war sehr am male gaze ausgerichtet. Bisexuelle Frauen galten irgendwie als edgy, transgressiv, sexuell experimentierfreudig und wurden überhaupt ausschließlich sexualisiert in Gothic-Medien dargestellt, und sie hatten gegenüber Lesben den „Vorteil“, daß sie als für Hetero-Männer verfügbar konstruiert wurden. Ich bin in Kleinanzeigen, Brieffreundschaften, Forendiskussionen oft Konzeptionen von Bi begegnet, die das Begehren von Frauen nach Frauen als „nur Sex“ klassifizierten oder die sich eine Beziehung unter Frauen gleichzeitig zu einer Mann-Frau-Beziehung vorstellten, quasi als Ergänzung, nicht als eigenständige und gleichberechtigte Beziehung.

Männliche Bisexualität begegnete mir dagegen sehr selten.

Wir hatten ja nix: Queer-gruftiges Kennenlernen 1999-2002

Wie habe ich damals, so zwischen 1999 und 2002, Frauen mit potentiellem erotischem Interesse an Frauen kennengelernt? Kleinanzeigen (sowohl in regionalen schwullesbischen Medien wie auch in Gruftimagazinen) waren ein Medium, ferner der Online-Anzeigenteil der Siegessäule, aber auch von Gruftizeitschriften, dann gab es lesbische Veranstaltungen – und Gruftiveranstaltungen. Später kamen dann lesarion und Co., aber da hatte ich auch das Problem der Normativitäten und die, deren Rebellionen gegen die Normen ähnlich gelagert waren wie meine, die kannte ich eh schon aus meinem kleinen Gruftlesben-Umkreis. Zuschriften auf Lesarion beliefen sich meistens auf „äh wow, tolles Profil hast du da *bewunder*“ von meistens unausgefüllten Profilen aus.

Lesbische Veranstaltungen konnte ich vergessen. Ich fühlte mich wie ein Alien und ich fragte mich immer, warum ich dort den Frauen, die ich begehrenswert fand, nicht begegnete. Auf Grufti-Veranstaltungen kam es immer mal wieder zu Flirts; aber was für welchen: Auf der Tanzfläche im Halbdunkeln rumknutschen, vielleicht noch kurz miteinander reden – und entweder gab es kein Wiedersehen, oder wenn, dann mit Armeslänge Abstand und auch danach Kontaktabbruch ohne weitere Erklärung. Ich kann nur vermuten, daß diese Frauen gar nicht so genau nachdachten, was sie da eigentlich taten, über ihre eigene Sexualität vielleicht nicht klar waren oder sich da Dinge nicht eingestehen wollten und dann kam ich und meinte es auf einmal ernst.

Ausgehverhalten

Irgendwann konnte ich nicht mehr flirten. Es tat zu weh: Die Hoffnung, wenigstens eine erotische Begegnung zu erhaschen, ganz zu schweigen von der Hoffnung auf eine längere Beziehung mit Herz – die jedesmal abwürgen zu müssen, ertrug ich nicht mehr. Flirts als unverbindliches Spiel aufzufassen, bekam ich nicht hin; zu groß war mein Hunger nach Nähe, nach Berührung, nach Zärtlichkeit. Ich hörte deswegen auf, beim Ausgehen zu flirten.

Ich hörte deswegen zwar nicht auf, allein auszugehen, aber mein Verhalten änderte sich. Ich ging der Musik wegen aus. „Kann ich dort gut tanzen, höre ich dort die Musik, die ich mag?“ wurde zum wichtigsten Kriterium – neben Fragen wie „finde ich den Club sympathisch, fühle ich mich dort wohl, kann ich mir Eintritt und Getränke leisten“. Mit den Jahren wurde das auch mehr und mehr zu einer sozialen Angelegenheit; die Leute, mit denen ich ausging, waren meistens meine LGBTQ-Grufti-Freund_innen und Stammtisch-Regulars.

Gothiclesben und gruftige cisgender-Bi-Frauen

Einige Jahre lang war ich auf einer Mailingliste für Gothic-Lesben und bisexuelle Gothic-Frauen.
Auch ich war irgendwann genervt von den Frauen, die behaupteten: „Man(!) verliebt sich doch in den Menschen und nicht das Geschlecht!“ – deren Partner aber zuuuufällig immer (cisgender-)Männer waren. Ich war genervt von den Frauen auf der Gothiclesben-Mailingliste, bei denen gefühlt jeder zweite Satz mit „mein Freund“ anfing. Eine queer/lesbisch verortete Bekannte ließ mir gegenüber ihren Neid auf Bisexuelle in einer hetero lesbaren Beziehung heraus: „Die können sich in die Sicherheit ihrer Ehe, ihrer Familie zurückziehen, die haben eine Beziehung, die bürgerliche Anerkennung bekommt, ich habe diese Optionen nicht!“ Und mir sagte einmal eine meiner Romanzen: „Ein Mann kann mir soviel mehr Sicherheit und Geborgenheit bieten!“ (Wenige Wochen darauf war meine Beziehung mit dieser Frau Geschichte.)

Ich nehme drei Hauptpunkte wahr, die meiner Wahrnehmung nach die Feindseligkeit gegenüber bisexuellen Frauen trugen:

  • Die Annahme (die auch in zahllosen Kleinanzeigen, Äußerungen von Grufti-Frauen etc. kolportiert wurde), Bisexuelle „bräuchten beide Geschlechter“ und würden notorisch keine monogamen Beziehungen führen.
  • Die Angst, für einen Mann sitzengelassen zu werden bzw. in einer nicht-monogamen Konstellation immer nachrangig zu sein, verursacht durch
  • die höhere gesellschaftliche Anerkennung von Beziehungen, die als hetero interpretiert werden.

Die meisten auf der Gothiclesben-Mailingliste wünschten sich langfristige, monogame Beziehungen. Und die meisten erfuhren (da sie eher feminin gelesen wurden) von der Lesbenszene die volle Ladung Feminitätsfeindlichkeit. Mit der in der Gothicszene gängigen Vorstellung von Bisexualität lagen eigentlich alle überkreuz, und viele erzählten mir Bände von ihren Enttäuschungen mit Frauen, die sich als bi bezeichnet hatten. Auf „party bisexuals“, also Frauen, die nur im Party-Kontext mit Frauen flirteten und oft Alkohol brauchten, um sich das zu trauen, und „wanna-bi“-Frauen, also solche, die bi sein irgendwie schick fanden oder neugierig waren, aber auf keinen Fall ihre Beziehungen mit Männern irgendwie gefährden wollten, waren die meisten gar nicht gut zu sprechen. Viele waren es müde, Experimentierfeld für Frauen zu sein, die ihre Sexualität noch sortieren mußten.

Ich habe in den Jahren 1999-2002 drei Beziehungsversuche gehabt, die ziemlich enttäuschend, emotional erschöpfend und traumatisch für mich waren. Alle drei kamen über Kleinanzeigen zustande (einmal in der Siegessäule, zweimal im Online-Anzeigenteil des Sonic Seducer). Charakteristisch war: Kommunikation und Beziehungsarbeit (von der Planung der gemeinsamen Zeit bis zum Ansprechen von Konflikten) blieben an mir hängen; es kam kein Commitment und kein Gefühl von Verläßlichkeit von der anderen Seite; körperliche Nähe entstand nicht oder nur sehr zögerlich; in den beiden späteren Beziehungsversuchen war unklar, wie sich die Frauen verorteten, und über die daraus resultierenden Unsicherheiten wurde mit mir nicht gesprochen. Nicht die Nicht-Verortung empfand ich als belastend, sondern das Schweigen darüber, das dieser Unentschiedenheit erlaubte, sich wie eine unklare Wolke über alles zu legen oder als Ausrede für alles mögliche herzuhalten.

Was hat sich geändert?

Wie grundlegend anders ist die Situation heute? Ich nehme Twitter, feministische Blogs und Podcasts, queerfeministische Veranstaltungen als Plattformen wahr, wo ich mich wohl fühle; wo meine Identität nicht mehr ausradiert und wegerklärt wird, wo „queer plus x“ nicht mehr unartikulierbar ist.

Ich war lange nicht mehr in der Szene und habe auch wenig Lust, noch einmal Zeit und Geld darauf zu verwenden – obwohl ich schon gerne sähe, ob die Zustände sich geändert haben. Disco etc. sind auch nicht mehr die Veranstaltungsformate, die ich genieße.

Ich empfinde queerfeministischen Aktivismus, der sich positiv zu Feminität verhält, ohne dabei Maskulinität abzuwerten, als unschätzbar wertvoll und befreiend. Ich empfinde den queeren Feminismus, dem ich mich seit einigen Jahren verbunden fühle, auch deshalb als so befreiend, weil er mir keine Vorgaben mehr macht, welche Identitäts-Facetten legitim sind und welche nicht.

Welche Schlußfolgerungen ich heute ziehe

Mal ganz abseits davon, daß ich jetzt in einer glücklichen monogamen Beziehung bin, ein paar Gedanken, welche Wünsche ich heute an Beziehungen und Beziehungskonstellationen hätte, sobald nicht mehr alle Beteiligten als weiblich gelesen werden:

Meine Verletzungen sitzen tief, und sie sorgen dafür, daß ich mich nicht auf eine Beziehungskonstellation einlassen wollen würde, in der ein Teil bruchlos als „Heterobeziehung“ gelesen werden kann. Zu mächtig ist die gesellschaftliche Deutung, daß die hetero gelesene Beziehung „die richtige“ sei und andere nachrangig. Wohlgemerkt: Ich rede hier von meinen Bedürfnissen, ohne sagen zu wollen, welche Arten von Beziehungen generell und für alle Menschen toll oder scheiße sind.

Ich wünsche mir, daß meine Bedürfnisse nach Nähe, Zärtlichkeit, Zuneigung, Sex, aber auch Verläßlichkeit und Kommunikation über Emotionen nicht grundsätzlich hintenangestellt werden hinter eine eventuelle andere Beziehung. Ich will als ganzer Mensch gesehen werden, der auch Bedürfnisse, Wünsche und einen eigenen Willen hat, der gelegentlich auch mal einen schlechten Tag hat; ich bin kein Spielzeug (ich wäre das auch nicht in einer Konstellation, die von allen beteiligten Seiten klar und konsensuell als „unkomplizierte Affäre“ abgesprochen ist).
Ich möchte Kennenlernen, das REDEN beinhaltet – vor allem über Erwartungen. Ich kann nur Vermutungen anstellen, daß viele meiner schmerzhaften Erlebnisse aus der unreflektierten Annahme rührten, ich wolle genau dasselbe wie diejenigen, mit denen ich da zu flirten versuchte.
Ich möchte lieber einen klaren Korb bekommen als einfach ohne Kommunikation und ohne Erklärung stehen gelassen werden.
Ich wünsche mir immer kritische Reflexion von Privilegien und ein Bewußtsein dafür, daß eins Privilegien nicht einfach abschütteln kann, nur weil eins sagt: „Ich identifiziere mich aber gar nicht so.“
Ich traue mir zu, auch einmal Unsicherheit auszuhalten – zwischendrin, nicht als Grundton einer Beziehung. Aber ich will, daß darüber geredet wird.

Soweit ich. Jetzt bin ich gespannt: Wie nehmt Ihr das heute wahr? Wie umgehen mit dem Privileg bestimmter Beziehungsformen? Wie ist das heute in Euren Subkulturen?

8 Kommentare

  1. Geschrieben am 4. Dezember 2014 um 17:07 | Permalink

    Hey du!

    Danke für diesen tollen, wichtigen Text. Er redet über die Probleme, die Unsicherheiten, die sich zwischen Lesben und Bisexuellen ergeben – ohne eben oder jedenfalls nicht dominant die Bifeindlichkeit zu reproduzieren. Ich glaube dass das wichtig ist: Wir müssen viel mehr über unsere Unsicherheiten angesichts einem System der Heteronormativität reden und was sie mit unseren Beziehungen macht beziehungsweise diese schon vorstrukturiert, anstatt eben von sich aus zu sagen: die und die Arten Beziehungen zu führen sind per se patriarchal. Was soll das überhaupt bedeuten, patriarchal, und was macht eine Beziehung nicht-patriarchal? Und was ist das für eine Arroganz wenn zB weiße cis Frauen bestimmen, was nicht-patriarchal bedeutet?

    Dazu auch ein toller Text einer trans Frau of Color, Luna, die schreibt: „Honestly, in my experience, I have found cis straight men who have handled and viewed me as a woman more readily and steadfast than cis queers. It is incredibly validating having cis straight men view you as a woman worthy of desire and love. I have had transformative sex with cis men who have unapologetically embraced my body in ways that countless queers have not. There’s been this hesitancy with queers who are afraid of my body, or who have not worked through their transmisogyny that makes them disgusted by my body. I know the focus of this article is on love, and when sex is tainted by disgust, that prevents folks from Making Love to us. By saying we are supporting Patriarchy by being in relationships with cis men, you are denying us healthy, supportive, and loving relationships. And you can go fuck yourself for that.“ Quelle: http://vivalaluna.com/2014/09/so-you-can-fuck-us-whats-next-going-beyond-sex-with-trans-women/

    Ich sage das mal als eine bisexuelle Person, die Bifeindlichkeit selber reproduziert oder zumindest damit kämpft. Ich finde mich in ner queeren Szene in der ich null begehrt werde, nachdem ich in ner linksalternativen Szene war, in der ich allerhöchstens gerade noch existierte, als desexualisiertes Sonstwas. Wir wissen wer in der queeren Szene begehrt ist: queere weiße schlanke Maskulinitäten, die sich hin und wieder dazu herablassen, sich mit Glitzer zu bestreuen, weil „pro femme“ aber ich sehe das ehrlich gesagt nicht in den Beziehungen widergespiegelt … Mit cis Typen was anzufangen, wäre statistisch für mich viel wahrscheinlicher gewesen schon allein wegen ihrer großen Zahl und weil es eben auch viele nichtweiße cis Typen gibt (im Vergleich zu wenigen queeren nichtweißen Frauen). Und weil manche mich zt auch begehrten und das zeigten und wie wichtig das ist, können sich manche, die per se schon zur Queer Szene gehören, ohne für irgendwas kämpfen zu müssen, gar nicht vorstellen. Auch schon, wie du über die lesbische Szene schriebst: Ich fühle mich selber zu sovielen Queers NULL hingezogen und muss mich beinah zwingen sie hübsch zu finden.

    Und jetzt bin selbst ich mal in einer RZB, mit einer anderen bisexuellen Person, und ich merke ohne dass ich es will, dass ich eifersüchtig und ängstlich bin, dass ich sehr sensibel bin, wenn Bilder bestimmter Ex‘es rumhängen und meistens dass ich viel mehr auf die Typen eifersüchtig bin mit denen meine Partnerin zusammen war, als auf die Frauen … Also was mache ich damit? Ist meine Partnerin schuld? Nein. Ich bin gerade dabei zu versuchen diese Ängste auseinanderzunehmen, aber man muss damit anfangen sie anzuerkennen, zu sagen: Es ist okay, Angst zu haben, eifersüchtig zu sein, Angst vor dem Vergleich zu haben; es ist okay, weil Gefühle an sich erstmal okay sind.

    Und da spielt soviel mit rein. Für mich spielt mit rein, dass ich in meinen früheren Polybeziehungen schon erlebte, nicht gewollt zu sein, immer nur eine „Dazunahme“ als jemand, auf den sich voll und ganz fokussiert wird, Unklarheiten, die Ängste schürten, die mich nach mehr und mehr Aufmerksamkeit betteln ließen, denn gleichzeitig wollte die andere Person mich an sich binden als Sicherheit und gleichzeitig mir die Sicherheit nicht geben. Das war mit den zwei Typen mit denen ich was hatte und der einen Frau gleich. Ich hab Angst dass sich das wiederholt. Aus diesem Grund lass ich mich zB konkret nicht mehr auf Polybeziehungen ein (der andere ist, dass Poly zu sehr dominiert wird von weißen Middle Class Typen und Frauen, like vielzusehr)

    Für mich spielt auch mit rein, wieviel Anerkennung Frauen zugesprochen wird, die mit cis Männern zusammen sind. Like, wieviel schon allein es „uns“(spreche damit als trans Person die als Frau gelesen wird) „aufwertet“ im richtigen Moment (natürlich nicht zu früh und nicht zu oft, denn dann sind wir ja Schlmpen) Sex zu haben, in dem ein Penis involviert sein muss, der Penis eines cis Typen. Die Scham, das nicht erlebt zu haben, war bei mir sehr lange riesig, weil überall hatten alle Sex, ne. Ich muss mit dem Gefühl kämpfen auf dem „Partnermarkt“ weniger wert zu sein und diese Ängste verfolgen mich bis in meine Beziehung, und da kann meine Partnerin so supportive sein, wie sie will, und ich kann so rational wie möglich versuchen, mir selbst zu zeigen, dass das Quatsch ist, aber manche Ängste lassen sich durch sowas nicht verjagen. Ich glaube, ich brauche Zeit: Ich muss mir selber die Zeit geben, nach so vielen Enttäuschungen auch erstmal Angst haben zu dürfen, auch in einer liebevollen Beziehung, auch wenn nichts danach aussieht. Ängste die das Selbstwert zerdrücken können, sind nicht leicht wegzuargumentieren.

    Ich glaube auch, wir müssen unsere eigenen inneren „Nice Guys“ entdecken und uns mit ihnen auseinandersetzen: Der Moment wo wir glauben, Bi-Frauen seien doch nur mit Typen zusammen weil … Es ist auch sexistisch generell davon auszugehen, dass Bi-Frauen Liebe zu Männern ernster nehmen als die zu Frauen. Ich sage das, weil ich selber manchmal Angst davor habe und es in dieser Angst reproduziere. Wir dürfen nicht vergessen, dass beinah jeder -ismus sich durch Ängste ernährt, Ängste die weiterhin in Medien geschürt werden. Mich hat zB sehr erstaunt, dass in ner Medienstudie mal klargelegt wurde, dass Bisexuelle (neben Drogenjunkies) die unbeliebtesten Charaktere waren. Dass in kaum einer Serie die ich kenne, Bisexuelle irgendwie realistisch (also abseits von Klischees) dargestellt werden, sagt das übrige aus.

    Das Spannende ist ja dies, dass es mir gerade sehr gut geht, ich eine super ausgeglichene Beziehung habe, in der es klare Worte und Verbindlichkeiten gibt, in der ich gewertschätzt bin … und trotzdem manchmal (wie schon gesagt als eine Person die selber bisexuell ist) bifeindlich bin oder Ängste schiebe, die auf Bifeindlichkeit basieren. Für mich ist die Frage: Wie gehe ich damit um? Oft hilft es ja schon überhaupt darüber zu reden, und es ist eine riesen Hürde, überhaupt über Nichtbegehrtsein zu reden, schon allein wegen der Angst, dass es sich dadurch festschreibt. Aber ich habe erlebt, dass es mir hilft, es auszusprechen, weil es dann nicht mehr so n riesen Ding in meiner Brust ist …

  2. Geschrieben am 4. Dezember 2014 um 17:22 | Permalink

    Ich habe sehr lange gebraucht, bis ich meine Bi-Feindlichkeit ablegen konnte bzw. bis ich mir selbst erst einmal darüber im Klaren war, warum ich regelrecht allergisch auf Bi-Frauen reagierte. Zum einen hatte es damit zu tun, dass ich mich in den 90ern als lesbische Mutter mit Heteravergangenheit ständig gegen den „Vorwurf“ wehren musste, in Wirklichkeit doch gar nicht lesbisch, sondern bi zu sein. Zum anderen waren die Bi-Frauen, denen ich damals begegnet bin, mehr oder weniger von der Sorte „heimlich lesbisch genießen und gesellschaftlich alle Hetenvorteile mitnehmen“. Die Flying Lesbians haben es damals auch in einem Song thematisiert: „Komm ich mit dem Typ nicht klar, ist sie noch da … bei ihr finde ich Zärtlichkeit, bei ihm suche ich Sicherheit …“ Außerdem hatte ich so viele eigene Probleme mit meiner Identität als Lesbe, dass mir z. B. jede Lust fehlte, mich auf Gespräche über Beziehungsprobleme mit Typen einzulassen.

    Inzwischen hat sich viel geändert, da sind zum einen meine eigene Sicherheit und eine längjährige lesbische Beziehung, und die Bi-Frauen, mit denen ich inzwischen zu tun habe, sind nicht mehr „heimlichen Genießerinnen“, sondern leben offen bi, eben eine Variante von LSBTTIQ 🙂

  3. Geschrieben am 4. Dezember 2014 um 18:54 | Permalink

    Hallo ryuu Du schreibst mir aus der Seele ich war früher auch in der Gothicszene unterwegs und habe nur bifrauen kennengelernt und dir verliebten sich auch nicht in mich weil ich nicht so der Norm entsprechend ausseh Danke für den tollen Text würde mich gerne mit dir austauschen wenn du magst LG Eilanah

  4. irka
    Geschrieben am 4. Dezember 2014 um 20:21 | Permalink

    ich versuchs. ins unreine geschrieben, denn das Sortieren meiner Gedanken dauert zu lange.

    zuerst: Danke für deine Gedanken. 🙂

    dann: ähm, ich schreibe hier aus Sicht einer Bi-frau*. also falls das eins nicht lesen mag, nech.

    Es begann lesbisch. „probeknutschende Heten“ waren irgendwie die Gespenster auf unseren Parties. Die gabs, die waren gut fürs Herzbrechen und schlecht für die Liebe. So dachte ich. Bis ich mich irgendwie in einen Mann* verliebte, mein Outing sehr zur Freude meiner Eltern andersrum hatte. Und dann fand ich mich zwischen allen Stühlen wieder, hatte irgendwie keine Heimat. Weder in lesbischen Kreisen (die ist doch eigentlich Hete), noch in Heterokreisen (die knutscht doch nur mit Frauen, um ihrem Kerl einen Gefallen zu tun o_O) – was mir als Gedanken anderer da fehlte war, dass ich nicht irgendwen fürn kurzen Spaß von der Straße griff, sondern dass es sich um Beziehungen handelte und dass keine wichtiger oder unwichtiger war als eine andere oder sichtbarer oder unsichtbarer. Ich konnte es aber auch nachvollziehen, dass mir vorgerechnet wurde, ob ich mit einem Mann* sichtbar als Paar unterwegs war oder mit einer Frau*. eben der Privilegien wegen. Und die Unterschiede, wie ein Paar von anderen wahrgenommen und ggf kommentiert wurde, waren erschreckend. Sind es immer noch.

    Jetzt bin ich einerseits in einer heteroBeziehung mit Kind, so ne klassische ein-Kind-Familie weißer Mittelstand, mit Vorgarten, Katze, Regenwasserklospülung und guten Fahrrädern. Und musste mir vor drei Jahren eingestehen, dass es irgendwie nicht allein so bleiben kann, dass ich da Bedürfnisse komplett verdrängt hatte, die sich schlicht nicht verdrängen lassen. Dass ich eben bi bin, dass ich das Sehnen/verlieben in beide Richtungen habe. Aber wie das umgesetzt aussehen kann, ob das überhaupt funktioniert und inwieweit das auch lebbar wäre (das hängt ja nicht nur von mir ab, sondern auch von den anderen beiden), ohne Hierarchie in dem Beziehungsding, sondern mit einer Gleichberechtigung, das ist die große Frage, das Abenteuer, das Fingerspitzengefühl braucht und Zeit und viel viel Kommunikation. Und ob das überhaupt sein darf.

    Du schreibst: „Ich wünsche mir, daß meine Bedürfnisse nach Nähe, Zärtlichkeit, Zuneigung, Sex, aber auch Verläßlichkeit und Kommunikation über Emotionen nicht grundsätzlich hintenangestellt werden hinter eine eventuelle andere Beziehung. Ich will als ganzer Mensch gesehen werden, der auch Bedürfnisse, Wünsche und einen eigenen Willen hat, der gelegentlich auch mal einen schlechten Tag hat; ich bin kein Spielzeug (ich wäre das auch nicht in einer Konstellation, die von allen beteiligten Seiten klar und konsensuell als “unkomplizierte Affäre” abgesprochen ist). Ich möchte Kennenlernen, das REDEN beinhaltet – vor allem über Erwartungen.“ Ja, ja und ja. Genau das ist die Crux, irgendwie allen gerecht zu werden, Wertschätzend aufmerksam miteinander umzugehen. Denn bi zu leben impliziert mE entweder polyamore Beziehungsstrukturen oder eben monogame Beziehung (wo mE dann eben ein Teil offen bleiben muss. Weil geheimes Befriedigen käme für mich egal in welche Richtung nicht in Frage. Das bringt mE zuviele Verletzungen mit sich und wäre respektlos allen Beteiligten gegenüber).

    Meine Beobachtung damals wars übrigens, dass bi-Frauen* in erster Linie was mit bi-Frauen* hatten, weil es eben so eine Geschichte ist, wenn noch ein Mann die Bühne betritt. Das würde ich, wenn ich ausschließlich frauenliebend wäre, vermutlich auch nicht so prall finden. Aus Gründen.

    So. meine 5 cent (vermutlich Thema verfehlt, 5, setzen). Aber es ist momentan bei mir ein verdammt aktuelles Thema mit all den Ängsten und Unsicherheiten, die das so mit sich bringt.

    Fettnäpfchen dürfen gerne bei mir abgegeben werden, ich bin derzeit eine wandelnde Lernstrecke, was diese und andere Themen angeht und Menschen, die sie betreffen.

    LG irka

  5. irka
    Geschrieben am 4. Dezember 2014 um 20:34 | Permalink

    das * habe ich verwendet, um die Konstruktion Geschlecht deutlich zu machen

  6. Medusa
    Geschrieben am 4. Dezember 2014 um 22:32 | Permalink

    Was du schreibst, klingt nach wirklich untollen, vor allem eben auch verletzenden Erfahrungen. Ich, bi, frage mich, wieviel davon tatsächlich mit Bisexualität zu tun hat. Die Gefahr, daß ein Geschlecht für Bisexuelle höhere Anziehungskraft hat, ist ja immer gegeben, egal in welche Richtung. Und unsensibles, unachtsames Verhalten gibt es eigentlich auch in jeder anderen Orientierungsvariante. Mir fällt auf, dass es aber fast immer nur bei bisexuellen Frauen als orientierungsbedingtes Problemverhalten thematisiert wird. Höchstens noch wird es in heterosexuellen Kontexten an männlichem Geschlecht festgemacht – aber niemand würde da z.B. „typisch heterosexuell“ sagen. Daher frage ich mich, ob nicht einfach ein strengerer Maßstab für bisexuelle Frauen angelegt wird, als Ausdruck eines allgemeinen Mißtrauen uns gegenüber. Andererseits mag es durchaus sein, daß das Phänomen „unverbindlich mit Frauen knutschen“ häufiger bei Bi’s vorkommt… I don’t know. Das Patriachat durchzieht uns ja letztlich alle, und gut möglich, daß die Fetischisierung weiblicher Bisexualität in Kombination mit Höherbewertung von Männern auf die Art internalisiert und ausagiert wird. Aber auch wenn dem so wäre geht es doch eigentlich um ehrliche und wertschätzende Kommunikation: wer möchte was von wem? Und wenn das nicht übereinstimmt, trennen sich eben die Wege. Ich finde z.B. nicht, daß sich aus Knutschen Erwartungen auf Mehr/Weiteres ableiten lassen. Allerdings kommt es eben nochmal darauf an, wie dabei miteinander umgegangen wird. So wie du es schilderst, klingt es tatsächlich nach einem achtlosen, vor allem sprachlosen Umgang.

    Was ich mir als bisexuelle Frau wünsche, wäre, daß das Stereotypisieren aufhört. Daß die Vielfalt, die unter uns besteht, gesehen, gehört und akzeptiert wird und daß wir nicht anders/strenger bewertet werden als andere oder eine Variante bi zu sein gegen eine andere ausgespielt wird. Denn sich immer rechtfertigen zu müssen und credibility unter Beweis stellen zu müssen macht unfrei. Ich habe mich schon vor geraumer Zeit aus der Lesbenszene entfernt, denn die subtile Abwertung dort und das Absprechen meiner Identität hat mich irgendwann bis in meine Träume verfolgt. Und wenn ich höre, daß die Depressions- und Suizidraten unter bisexuellen Frauen deutlich höher sind als bei lesbischen oder heterosexuellen Frauen, wundert mich das nicht. Ich hoffe, mein Kommentar kommt nicht als zu starke Kritik rüber, denn ich mag sowohl deinen Blog (hab hier früher schonmal drin rumgestöbert) als auch kann ich nachvollziehen, dass das einfach mal raus mußte. Und insgesamt freue ich mich einfach, daß Bifeindlichkeit überhaupt endlich thematisiert und reflektiert wird.

  7. ryuu
    Geschrieben am 4. Dezember 2014 um 23:01 | Permalink

    Hallo Medusa,

    danke für den ausführlichen Kommentar, ich gehe morgen (oder wann ich sonst Zeit dafür habe) ausführlicher darauf ein.

  8. Horst
    Geschrieben am 2. Januar 2015 um 07:00 | Permalink

    Beim Lesen musste ich mal wieder über meine liebe Gruftieszene schmunzeln. Aus der Sicht eines hetero-Kerls gab es in den Gruftieclubs auch hauptsächlich Tanzflächen-Bi-Mädchen, die primär deswegen miteinander geknutscht haben, weil es uns Heten-Männer mitunter dann doch anturnt.

    Entsprechend hat sich in der Gruftiszene vermutlich wenig geändert 😉 – allerdings ist meine Wahrnehmung der Szene ohnehin etwas vorurteilsbehaftet.