ryuus Hort

Meine Eindrücke vom gendercamp 2012

Vom 17. bis 20. Mai war ich auf dem 3. Gendercamp in Hüll bei Hamburg. Das gendercamp ist ein Barcamp zu Feminismus und Netzkultur und findet immer im Frühling im ABC Hüll statt. Von der Barcamp-Struktur wird einzig die Öffentlichkeit nur eingeschränkt umgesetzt: Da viele Teilnehmer_innen nicht mit ihren Namen und Gesichtern öffentlich in Zusammenhang mit der Veranstaltung gebracht werden wollen, gibt es z.B. keine Videoaufzeichnungen von Sessions.

Hüll liegt ca. eine Zugstunde von Hamburg entfernt, sehr ländlich, durch den Shuttleservice des ABC ist das Haus aber auch für Zugreisende gut zu erreichen. Ich war dieses Jahr immer noch so zufrieden mit dem Haus wie beim Gendercamp 2011.

Wie wars?

Durch die Terminkollision mit der Sigint – war mein Eindruck – waren viele technisch interessierte Leute nicht da. Es war von der Teilnehmerzahl her sogar etwas kleiner als letztes Mal. Die besprochenen Themen waren „weniger queer“ und weniger technisch.
Es waren mehr Kleinkinder als beim letzten Mal da (oder ich habe die Kinder letztes Jahr nicht so wahrgenommen, weil die noch ganz kleine Babies waren und keine einjährigen Racker, oder schon im Grundschulalter und durchaus in der Lage, sich mit weniger Aufsicht durch Erwachsene miteinander zu beschäftigen).

Neu war auch das Thema Awareness: ich habe Redelisten (einfache, balancierte nach Redehäufigkeit, quotierte), Handzeichen in Diskussionen, Diskussionstechniken (schriftliche Sammlung, Blitzlicht) einsetzen gelernt. Sich überhaupt darüber Gedanken machen: wie reden wir miteinander?, am Beginn von Sessions Dinge wie „wollen wir eine Redeliste, wenn ja, einfach, quotiert oder nach Redehäufigkeit?“ zu klären, war erst einmal ungewohnt, für mich aber positiv und trug für mich zu einem Klima der Achtsamkeit und des wertschätzenden Umgangs miteinander bei.
Ich hatte den Eindruck, daß die Awareness-Techniken einen positiven Einfluß auf die Diskussionen hatten und habe Lust, mich in der Richtung weiterzubilden bzw. das weiter zu kultivieren.

Schön finde ich des weiteren, daß einige akademische Arbeiten aus dem Themenbereich des GC vorgestellt wurden (auch wenn ich keine einzige dieser Sessions besucht habe). Ich hatte sehr viel Spaß dabei, Grundprinzipien von Pen & Paper-Rollenspiel zu erklären, mit einer kleinen Runde von Leuten über das Thema „was ist das eigentlich mit dem Heiraten“ zu reden und last not least spät nachts noch mit einer Horde Geeks den Sternenhimmel angucken zu gehen. (Gar nicht so einfach: In dieser Gegend gibt es viele Kuhställe, die nachts taghell erleuchtet sind. Von wegen ‚auf dem Land gibt es weniger Lichtsmog‘!) Und ganz nebenbei habe ich auch noch interessante Leute kennengelernt.

Für mich war das Camp alles in allem ziemlich flauschig und doch wieder ein wenig overload („soooo viele interessante Themen!“).

Problematisches

Erst am letzten Tag über twitter mitzukriegen, daß das gendercamp für einige alles andere als toll war, hinterläßt bei mir einen schalen Nachgeschmack; die meiste Kritik wurde recht unkonkret geäußert, so daß ich auch nicht genau nachvollziehen konnte, woran es denn nun gelegen hat, und ich fühlte mich auch verunsichert, ob ich denn nun irgendwie Teil des Problems war. Ich hadere damit, daß mir diese Verunsicherung die Erinnerung an ein paar echt schöne Tage trübt.

Ein Reibungspunkt war das Thema Kinder. Nicht an sich, sondern die Konflikte, die sich daran entzünden, und wie bei jeder noch so vorsichtigen Diskussion darüber, daß nicht alle sich mit Kindern und vor allem unter so deutlich präsenten heterosexuellen Paaren wohl fühlen, sofort vor allem Außenstehende mit Klauen und Zähnen über diejenigen herfallen, die dieses Unbehagen äußern.

Was ich berichten kann:
Die (hörbare) Präsenz von Kleinkindern (die meisten so um 1 bis 1 1/2 jahre alt) wurde v.a. bei den Plenumssitzungen von vielen als störend empfunden.
Einige empfanden als störend, daß Eltern sehr als heterosexuelle Paare wahrgenommen wurden und dadurch der Eindruck entstand, als queers durch diese große Präsenz hegemonialer (bzw. als solcher wahrgenommener) Lebensweisen abermals an den Rand gedrängt zu werden.
Das Thema Kinder und Reproduktionsarbeit ist außerdem ein „privilegiertes Thema“, sprich: über Kindererziehung wird in Medien breit diskutiert, wenn von Feminismus die Rede ist, werden Mainstream-Menschen erst einmal an Themen wie „Vereinbarkeit von Karriere und Kindern“ denken; Menschen, die selbst keine Kinder haben wollen, oder denen das Elternsein massiv erschwert bis unmöglich gemacht wird (etwa lesbischen und schwulen Paaren oder Trans*menschen), fallen in diesen Diskursen meistens hinten runter oder werden sogar für irrelevant erklärt.

Wie wurde damit umgegangen?

Kinderbetreuung durch Freiwillige wurde ein Teil der Sessionplanung. Es wurde schriftlich darüber diskutiert, wie es Leuten damit geht, daß Kinder anwesend sind. Ich finde das richtig und wichtig. Und es gab eine Diskussionssession darüber.

Als problematisch empfand ich vor allem die Reaktionen von Außenstehenden, exemplarisch: daß gerade Nadine Lantzschs sehr differenzierter Review über Reproduktionsarbeit von einigen aufgegriffen wurde, die das offensichtlich mißverstanden und dann, ohne zu wissen, was eigentlich vorgefallen ist, das gc in der Luft zerrissen.
Ich habe jetzt keine Lust, mich mit den negativen Blogposts noch einmal auseinanderzusetzen – das kostet mich zuviel emotionale Energie, die ich gerade nicht zur Verfügung habe. Daher nur eine Zusammenfassung meiner Eindrücke aus dem Gedächtnis:
Die Aussage, daß es Leute gibt, für die mit Kindern unbehagliche Gefühle verbunden sind (weil ihnen z.b. als trans* oder lesbischen/schwulen Leuten das Elternsein vorenthalten oder sehr schwer gemacht wird, weil sie z.b. ungewollt kinderlos sind, weil sie mit dem gesellschaftlichen Druck, gefälligst Kinder zu bekommen, Schwierigkeiten haben), wurde in dramatischer Weise als Kinderfeindlichkeit ausgelegt.

Ich habe mein Unbehagen an dieser öffentlichen Debatte in diesem Tweet entladen:

- ganz einfach, weil im Kontext vieles ganz anders aussieht, weil mich die aggressive Art, wie diese Debatte geführt wurde, verletzte und weil ich finde, daß diese Art von Empörungsdiskussion Kräfte bindet, die anderswo etwas Produktives leisten könnten.

Was ich mitnehme

  • Ich habe viel zu viel angeboten und war dadurch im Streß. Also nächstes Mal: weniger anbieten. Noch mehr Mut zum Dinge-verpassen.
  • Einer der ersten Impulse nach der Diskussion, die ich am Ende des gendercamp mitbekam, war: Och nö, 2013 muß ich nicht wiederhingehen…
  • Sehr gefreut habe ich mich, Antje Schrupp persönlich kennenzulernen.

Terminankündigung

Das gendercamp 2013 findet wieder vom 09.-12. Mai 2013 im ABC Hüll statt.

Links

Eine unvollständige Blogschau: Wer auch noch darüber geschrieben hat