ryuus Hort

Esoterik und Esoterikkritik, Teil 2: Meine spirituelle Praxis als Empowerment

Ich bin seit 18 Jahren Heidin. Obwohl sich mein Heidentum stets weiterentwickelt und ich manchmal sicher Gewähntes über Bord werfe, obwohl ich manchmal auch mit meiner Praxis oder mit – innerhalb der Subkultur – dominanten heidnischen Positionen hadere und viel Arbeit hineinstecke, ist diese heidnische Spiritualität ein sehr wichtiger Teil meines Lebens; einen, den ich nicht verstecken oder kleiner machen mag, als er ist. Und da „spirituell“ und „esoterisch“ scheinbar so unscharfe Grenzen haben und hierzulande spirituelles Tun jenseits des des Mainstreams gerne mal als esoterisch einsortiert wird, will ich hier beleuchten, was für mich der emanzipatorische Gehalt meiner Praxis ist.

Der folgende Text mag wie eine Werbebroschüre für Heidentum klingen, denn: ich beschreibe, was daran für mich empowernd ist. Daraus folgt, daß ich mich hier eher nicht mit dem auseinandersetze, was ich selbst als kritikabel sehe. Diese Dinge gibt es auch: Heidentum ist, zumindest in manchen Ausprägungen, anschlußfähig für Anti-Emanzipatorisches bis Menschenverachtendes, und diese Anschlußstellen zu reduzieren, ist mir wichtig. Dazu im nächsten Teil meiner Serie.

Das Problem der Beschreibbarkeit

Ich spreche von „meine Praxis“, da das Handeln, nicht etwa eine „richtige Gesinnung“ oder ein etwaiger „richtiger Glaube“ in dieser Hinsicht zentral ist. Mir ist unwohl mit dem Begriff „Religion“ und etwas weniger unwohl mit „Spiritualität“. Dazu schrieb ich hier bereits ausführlich.

Es ist darüber hinaus schwierig, Szenen meiner Praxis und der Praxis meiner spirituellen Gruppe(n) zu beschreiben, weil ich das Gefühl habe, das, was in diesen rituellen Räumen geschehen ist, sollte dort bleiben und nicht nach außen getragen werden. Es gehört denen, die dabei waren. Das Ritual, zentrales Element meiner spirituellen Praxis, ist ein intimer Akt; ebenso wie Spiritualität an sich etwas Intimes für mich ist. (Was nicht bedeutet, daß ich nicht trotzdem – auf einer bestimmten Ebene – darüber sprechen mag, so wie ich auch über mein Begehren und meine Geschlechtsidentität rede; auf einer tiefen persönlichen Ebene und auf der Ebene konkreter Erlebnisse wird das dann trotzdem eine Sache für intim vertraute Menschen.)
Es ist außerdem, als würde die Magie gar nicht in den konkreten, beschreibbaren, mit den gewöhlichen Sinnen wahrnehmaren Worten und Handlungen stecken, sondern dazwischen, oder in einer Synergie, im Zusammentreffen der Faktoren, im Augenblick, in der Stimmung. Es sind kleine, unauffällige Handlungen, manchmal nur mentale, die meinen Alltag durchziehen und aufladen. Symbole sind selten die, die eine große Öffentlichkeit zu lesen versteht (oder wenn, dann tragen sie innerhalb meines Asatrú u.U. eine andere Bedeutung). Eine Kerze, ein Kreis von Menschen, ein Lied, ein Stein: Dinge, die in einem Ritual-Kontext eine ganz andere Bedeutung annehmen können.

Ritual als Gegengift zur Entfremdung

Ich verlasse ein gelungenes Ritual mit einem inneren Leuchten, mit einem Strahlen auf dem Gesicht, mit dem Gefühl, genährt zu sein, mit einer neuen Entschlossenheit, mit einem warmen Gefühl von Erfüllung und Verbundenheit. Ein gelungenes Ritual ist ein wirksames Gegengewicht zur Erfahrung von Fremdheit, Einsamkeit und Zerrissenheit, die mich fast mein ganzes Leben begleitet hat. Ein gutes Ritual kann Brücken zwischen unterschiedlichen Erfahrungswelten bauen und den Blick wenigstens temporär auf das fokussieren, was uns verbindet, anstatt auf das, was uns trennt.

Rituale sind nicht zwangsweise ein Gruppending, obwohl ich die Wirkung von Gruppenritualen stärker spüre. Rituale kann ich auch allein vollziehen; entweder als (fast, bzw. intendiert) tägliche oder als unregelmäßige Handlungen, die alle auszeichnet, daß ich sie mit großer Konzentration vollziehe, daß sie die Absicht haben, mich mit dem Heiligen zu verbinden, und daß sie mit Symbolgehalt aufgeladen sind, oder als punktuelle, absichts- und symbolgeladene Solo-Zeremonien. Diese Handlungen müssen nicht „sichtbar“ sein, sie können auch reine Visualisierung bzw. Imagination sein – wobei ich Handlungen, die eine sichtbare, physische Komponente haben, in der Regel bevorzuge. (Die Ausnahme sind meine Trance-Übungen, aber auch bei denen spielen Gesten und Requisiten eine Rolle.)

Warum spirituelle Praxis mir unverzichtbar ist

Mal abgesehen davon, daß das mit dem Atheismus für mich nie in Frage kam: Mich auf etwas Sinnstiftendes zu beziehen, das mehr als menschlich ist und rein Materielles übersteigt, ist für mich stärkend und macht mich resilienter. Außer-menschliche Bezugspunkte zu haben, macht mich fähig(er), Dinge radikal zu hinterfragen und es kurzzeitig auszuhalten, wenn meine menschlichen Netze in Frage gestellt sind. Außer-menschliche Bezugspunkte haben mir geholfen, Widersprüche auszuhalten und letzten Endes für mich aufzulösen, die innerhalb der menschlichen Systeme, die ich vorfand, nicht aufzulösen waren.
Es waren intensive Naturerfahrungen in einem spirituellen Kontext, die mir halfen, einen Rahmen für Erfahrungen von Zerrissenheit und Ausgrenzung zu finden, der mir letzten Endes erlaubte, meine Wahrheit gegen machtvolle Strukturen zu setzen und Handlungsfähigkeit zu gewinnen. In (m)einem spirituellen Rahmen kann ich Dinge, die mir zu schaffen machen, anders anschauen und daraus andere Handlungs- und Deutungsoptionen gewinnen.

Erfahren, nicht glauben

„Glauben“ spielt für meine Spiritualität eine ziemlich marginale Rolle, höchstens in Gestalt von „ich nehme das mal als Arbeitshypothese an und schaue, was passiert“. Wesentlicher Bestandteil meiner Spiritualität ist darum das Tun sowie die Suche nach und Offenheit für Erfahrungen.

Spirituelle Erfahrungen müssen nicht auf tagelangen einsamen Wanderungen oder in nächtelangen Ritualen stattfinden: sie können auch ganz kurze, unerwartete Begegnungen im Alltag sein: Der Anblick des Sternenhimmels, das Gefühl von Verbundenheit mit einem größeren Ganzen bei meiner üblichen Erdungsmeditation, die Dankbarkeit für frisch geerntete Tomaten.

Ich begreife intellektuelle Arbeit und Schreiben über Spirituelles als Teil meiner Spiritualität (und als Teil eines Engagements, das heidnische Wege queer-positiver macht), doch wirklich in Kontakt mit dem Spirituellen fühle ich mich dann, wenn ich es als Erfahrung suche: in kreativer Arbeit, in Ritualen, in Trance, in Naturerfahrung. Ratio und Intuition begreife ich dabei als ineinandergreifend, nicht antagonistisch.

Manche gehen so weit, Heidentum als „Erfahrungsreligion“ zu bezeichnen. Grundsätzlich gestehen heidnische spirituelle Praktiken jede_r_m zu, eine persönliche Beziehung zum Göttlichen zu haben, ja ermutigen sogar dazu, diese persönliche Beziehung aufzubauen: für mich conditio sine qua non – ohne das mach‘ ich’s nicht.

Deutungshoheit? WTF?

Ja, es gibt hierarchisch organisierte heidnische Gruppen. Meine ist es nicht, und das Heidentum, das interessant für mich ist, ist eins, das niemandem Deutungshoheit über die Erfahrungen, spirituellen Inhalte und Praxen einer anderen Person einräumt.
Zwar hat in meiner Gemeinschaft Expert_innentum durchaus seinen Platz – jedoch nicht als Position, die zu spiritueller Deutungshoheit oder gar Weisungen berechtigt, sondern als eine, die Wissen und Fertigkeiten für andere zur Verfügung stellt und als Faciliator_in für Erfahrungen oder Prozesse fungiert.

Weltbejahung

Eine der Sachen, die ich am Heidentum liebe, ist seine Bejahung von Lust, Imagination und Emotionalität. Körper und körperliche Lust – Tanz, Sex, Essen, Trinken, – sind für die meisten heidnischen Strömungen heilig. Für unsereins ist die Welt nichts zu Überwindendes, nichts inhärent Heilloses; Menschen müssen von nichts errettet werden, weil sie von Anfang an gut sind, und es gibt nichts außerhalb der Welt. Diese Welt- und Lebensbejahung machte die ganze Sache für mich erst anziehend.

Das Widerständige an heidnischen Gottheiten

Das folgende ist ein ausgesprochen polytheistischer Blickwinkel. Heid_innen mit einem eher pan– oder duotheistischen Bild vom Göttlichen würden das vielleicht anders sehen. Hier mein Blick:
Etliche in meinem (Asatrú-)Umfeld gehen davon aus, daß den Asen, Vanen und erst recht den Riesen, Geistern, Elfen, Disen, Nornen und wie die zahlreichen Wesen, die unsere Mythenwelt bevölkern, noch heißen die Normen und Konventionen der menschlichen Gesellschaften relativ schnuppe sind. Zwar ist immer eine Tendenz da, zu anthropomorphisieren, aber gerade weil unsere Gottheiten keine Kuschelgött_innen sind, sind wir uns auch bewußt, daß sie ihre eigene Dynamik haben, ihre eigene Agenda, ihre eigenen Blickwinkel, die anders sind als unsere.

Magische Praktiken = marginalisierte Praktiken?

Magie und andere marginalisierte Praktiken waren auch lange die Praxis der Unterprivilegierten; der ländlichen Bevölkerung, der Armen. Sie wurden und werden assoziiert mit mangelhafter Bildung und Aberglaube. Sie wurden im europäischen Raum oft Frauen zugeschrieben; in (früh)mittelalterlichen skandinavischen Gesellschaften galten Männer, die bestimmte Formen von Magie praktizierten (Runenmagie und das Aufstellen von Niðstöngs waren legitim) als ergi, was sich ungefähr mit „sexuell pervers“ übersetzen läßt.1 Es wundert mich wenig, daß heutzutage einige schwule oder genderqueere Magiepraktizierende im nordischen Heidentum ergi als Selbstbezeichnung in Anspruch nehmen.

Natürlichkeit gesellschaftlicher Zustände? Nö.

Und: Es gibt für uns keine Schrift, die bestimmte gesellschaftliche Zustände als göttergewollt und natürlich sanktioniert. Wir sind uns bewußt, daß Menschen die schriftlichen Quellen geschrieben haben, die uns zugänglich sind, Menschen die Gegenstände geschaffen haben, die wir heute als archäologische Funde haben.
Asatrú zumindest – und etliche andere rekonstruktionistische heidnische Traditionen; ich weiß es von den Celtoi und vom Hellenismos – verstehen sich nicht oder nicht primär als Naturreligionen, auch wenn etliche Gottheiten mit Naturkräften assoziiert sind.
Gerade das Fremde der historischen Zustände, mit denen ich mich immer wieder befasse, zeigt mir: Es war nicht immer so, obwohl den feudalen Kulturen im Skandinavien des frühen Mittelalters oder den Stammeskulturen der Germania ihre Art von Gesellschaft auch natürlich und sinnvoll vorgekommen sein mag.

Was meine Praxis trägt

Wenn alles so menschengeschaffen ist, was trägt dann die heidnische Praxis, die ich lebe? Warum funktioniert sie trotzdem als Gegengift zur Entfremdung, was ist ihr utopischer Gehalt?

Ich spreche hier über meine persönliche Praxis, die nicht gleichzusetzen ist mit der der Nornirs Ætt, meiner Heils- und Kulturgemeinschaft (auch wenn große Schnittmengen bestehen mögen).

Es sind für mich drei sich berührende Elemente, die ich immer wieder suche und die meine Praxis tragen: die im weiteren Sinne ekstatische Erfahrung, die Berührung mit nichtalltäglichen Wirklichkeiten und das Poetisch-Kreative.

Ich finde erstere im Ritual: im Strahlen der versammelten Gesichter, im gemeinsamen Gesang, im Moment des „Gehört und bezeugt!“, das einen rituellen Schwur bestätigt; im rituellen Tanz, im Singen und Musizieren, gelegentlich im Laufen, im Ausblick über die Berge beim Wandern, im Lauschen auf den dämmernden Wald, wenn ich mit jeder Faser wach und präsent bin. Die Rolle der Zelebrantin in einem Ritual zu übernehmen, hat etwas Ekstatisches, wenn es gut läuft (erwähnte ich, daß ich eine Rampensau bin?). Es war für mich auch schon immer wichtig, Fähigkeiten, Wahrnehmungen und Bewußtseinszustände jenseits des Alltagsbewußtseins zu kultivieren – und zwar, ohne dafür Drogen zu gebrauchen.
Den Begriff der Nichtalltäglichen Wirklichkeit habe ich mir aus dem Core-Schamanismus geborgt; er bezeichnet die erfahrene Wirklichkeit, der ein_e schamanisch Praktizierende_r in Trance begegnet. In der Nichtalltäglichen Wirklichkeit, im Meditativen, in der Suche nach der Trance ist mein Anknüpfungspunkt, wenn ich das Gefühl habe, die emotionale Verbindung zu meiner Spiritualität verloren zu haben, was z.B. passieren kann, wenn ich durch lange intellektuelle Auseinandersetzungen wie diese hier vieles in Frage stelle (denn intellektuelle Auseinandersetzung muß für mich ergänzt werden durch emotional-intuitive Erfahrung).
Das Poetisch-Kreative ist wiederum mit dem Ekstatischen verbunden. Im Spirituellen manifestiert es sich für mich in der reichen Symbolwelt, in der ich mich bewege. Komplexe, vielschichtige Symbole sind so etwas wie der Treibstoff meiner Rituale; Symbole, die intensiv mit meiner Imagination in Wechselwirkung treten und die eine ganze Kaskade an Konnotationen und Assoziationen triggern. Zwischen meiner Spiritualität und meiner Kreativität empfinde ich eine enge Verbindung.

Ist das Weltflucht? Für mich ganz klar: nein. Denn ich habe den Anspruch, mich nicht hinter diesem Aspekt meines Lebens zu verstecken, sondern daraus etwas für meinen Alltag mitzubringen. Darüber hinaus ist diese Spiritualität für mich eine Voraussetzung dafür, daß ich mich als Mensch vollständig fühle.

  1. Ich führe den Komplex *ergi* hier jetzt nicht weiter aus: Führt zu weit. Kann ich bei Bedarf an anderer Stelle weiter erörtern.