Esoterik und Esoterikkritik, Teil 2: Meine spirituelle Praxis als Empowerment

Ich bin seit 18 Jahren Heidin. Obwohl sich mein Heidentum stets weiterentwickelt und ich manchmal sicher Gewähntes über Bord werfe, obwohl ich manchmal auch mit meiner Praxis oder mit – innerhalb der Subkultur – dominanten heidnischen Positionen hadere und viel Arbeit hineinstecke, ist diese heidnische Spiritualität ein sehr wichtiger Teil meines Lebens; einen, den ich nicht verstecken oder kleiner machen mag, als er ist. Und da „spirituell“ und „esoterisch“ scheinbar so unscharfe Grenzen haben und hierzulande spirituelles Tun jenseits des des Mainstreams gerne mal als esoterisch einsortiert wird, will ich hier beleuchten, was für mich der emanzipatorische Gehalt meiner Praxis ist.

Der folgende Text mag wie eine Werbebroschüre für Heidentum klingen, denn: ich beschreibe, was daran für mich empowernd ist. Daraus folgt, daß ich mich hier eher nicht mit dem auseinandersetze, was ich selbst als kritikabel sehe. Diese Dinge gibt es auch: Heidentum ist, zumindest in manchen Ausprägungen, anschlußfähig für Anti-Emanzipatorisches bis Menschenverachtendes, und diese Anschlußstellen zu reduzieren, ist mir wichtig. Dazu im nächsten Teil meiner Serie.

Das Problem der Beschreibbarkeit

Ich spreche von „meine Praxis“, da das Handeln, nicht etwa eine „richtige Gesinnung“ oder ein etwaiger „richtiger Glaube“ in dieser Hinsicht zentral ist. Mir ist unwohl mit dem Begriff „Religion“ und etwas weniger unwohl mit „Spiritualität“. Dazu schrieb ich hier bereits ausführlich.

Esoterik und Esoterikkritik, Teil 1: Definitionsversuche

Im einleitenden Teil dieser Reihe habe ich mir als ersten Teil eine Definition des Gegenstands vorgenommen. Diese Definition – oder ihre Unmöglichkeit – scheint mir nämlich in der Betrachtung von „Esoterik“ wichtig zu sein, und sie git mir auch Hinweise, warum viele meiner spirituell aktiven Freund_innen es ablehnen, ihre jeweiligen Praktiken als „esoterisch“ zu begreifen.

Mein großes Problem mit dem Begriff des Esoterischen ist seine Schwammigkeit; darüber hinaus der pauschalisierende Charakter, der ihm gerne innewohnt.

Genervte Spiritante ist genervt.

Ich hatte ja Mitte Juni einen Artikel in der an_schläge erwähnt, über den ich mich geärgert habe. Dieser Ärger ist nachhaltig geblieben, und die ganze Zeit trug ich den Wunsch mit mir herum, einen Artikel dazu zu schreiben, der sich gewaschen hat. Nun ist das Notizenmachen für diesen Artikel etwas ausgeufert, und es wird eher eine Artikelserie als ein einzelner Artikel.

Ich bin jedenfalls nicht allein mit meinem Ärger:

Zuerst einmal stehen auch feministische Zusammenhänge heute weitgehend in der materialistischen Tradition der Linken: Wenn etwas nach „spiri“ oder „esoterisch“ riecht, dann ist der Verdacht nahe, eins wolle sich auf ein bequemes, erzbiologistisches Bild vom natürlichen Geschlecht, das schon immer da war und mit dem eine nur ins Reine kommen muß, zurückziehen.

Yay, ich bin nicht privilegiert! Oder so.

Inhalts-Hinweis: In der zweiten Hälfte dieses Textes mache ich mir ausführlich Gedanken über Religion.

Meine FB-Timeline teilt gerade diesen Test rauf und runter, und ich habe ihn auch gemacht.

Ich finde den Test interessant, weil er deutlich macht, welche Erfahrungen eins gemacht hat. Ich finde ihn auch interessant, weil er Leuten vielleicht vor Augen führt, welche Erfahrungen sie nie gemacht haben. Viele in meiner Timeline reagierten mit einem „oh, hätte ich nicht gedacht“ angesichts eines Ergebnisses irgendwo zwischen 30 und 40 Punkten.

Der Test ist jedoch auch nicht nur in meinen Augen hochproblematisch. Distel hat hier ein paar Kritikpunkte aufgeschrieben, ich ergänze mal, was mir dazu noch einfällt.

Isolierter Privilegienbegriff, Absolutionscharakter und opression olympics

Ich finde ihn problematisch, weil er zu oppression olympics („aber ich bin doch viel diskriminierter als du!“) einlädt. Ich finde es auch schwierig, eindimensional in einer Zahl zu messen, wie privilegiert ich denn nun bin. Und was die eine als benachteiligenden Klotz am Bein empfindet, mag für den anderen eine befreiende Wahl sein und überhaupt sehr von den Umständen abhängen (zum Beispiel kein Auto zu besitzen – in manchen ländlichen Gebieten ein drastischer Mobilitätsmangel, in Städten mit gut ausgebautem ÖPNV dagegen oft kein Problem).

Religion ist keine Ausrede für *istische Kackscheiße.

Achtung: Rant. Ich muß mir da gerade was vom Herzen schreiben.

Im Moment quillt meine Timeline über von Tweets über die Petition Zukunft – Verantwortung – Lernen: Kein Bildungsplan 2015 unter der Ideologie des Regenbogens (Triggerwarnung: Homophobie und Heterosexismus der übelsten Art).

Hintergrund ist der Aktionsplan „Für Akzeptanz und gleiche Rechte“ in Baden-Württemberg. Bildungspläne werden dabei als Schlüsselfaktor eingeordnet. Auf gut deutsch: es soll einfach Aufklärungsarbeit in den Schulen stattfinden.

Und diese Aufklärungsarbeit wird vom Initiator dieser Petition als Propaganda für eine „Ideologie des Regenbogens“ hingestellt.

Ich lese Tweets wie diese:

und denke mir: Da Fuq? Es ist 2014 und wir schlagen uns immer noch mit diesem Scheiß herum? Menschen können zum Mond fliegen, aber nicht sich gegenseitig einigermaßen anständig behandeln?