ryuus Hort

Hungrige Gespenster II: Gefühl zeigen?

Ein Argument, das in der Knutschdebatte der letzten Tage aufflammte: „Ja, aber wenn niemand mehr in der Öffentlichkeit Händchen hält oder knutscht, was für eine gefühlskalte Gesellschaft wird denn das dann?“ Dazu habe ich ein gewaltiges Aber, eigentlich zwei: erstens: wir leben in einer ziemliche emotions-inkompetenten Gesellschaft. (Dazu siehe mein Vorschlag unten.) Und zweitens: Gefühle finden nicht nur in Paarbeziehungen statt. Warum soll Zärtlichkeit und körperliche Nähe eigentlich nur im Paket mit romantischen Beziehungen gehen? Und zählt zum Gegenteil von Gefühlskälte nicht auch, daß Gefühle gezeigt werden, die nichts mit Zärtlichkeit für einen bestimmten Menschen zu tun haben? Die emotionale Palette ist nun mal viel breiter, hat viel mehr Schattierungen – und ja, viele Gefühlsregungen sind mit Tabus belegt, deren Ausprägung sich enorm geschlechtsspezifisch zeigt.

Hungrige Gespenster I. Ein Versuch, Emotionswirrwarr zu verbloggen

Heute schwappte so eine Debatte durch Twitter, die mich mitnahm. Es ging um das Privileg heterosexueller Menschen in Zweierbeziehungen, in der Öffentlichkeit zärtlich zu sein (z.B. durch Küssen und Händchenhalten). Normalerweise hätte ich mit in den Chor derjenigen eingestimmt, die sagen: ja, ist ein Privileg und Menschen in Hetero-Beziehungen sollen sich mal Gedanken machen, wieviel Raum sie damit eigentlich einnehmen! Nicht-Hetero-Menschen ernten nämlich recht zuverlässig dumme Sprüche, Beschimpfungen, Schläge und Schlimmeres, wenn sie das tun.

Aber der heutige Tag fällt in eine Zeit, wo meine Haut eh dünn ist und das Herz verwundbar, wo alte Traurigkeit bloß liegt und ich nah am Wasser gebaut bin.

Karriere? Geht mir weg.

Ich muß mich gerade mal aufregen.

Über die Mädchenmannschaft schwappte in den letzten Tagen so eine Debatte über Arbeitskultur in meine Timeline und regte eine Menge Gedanken dazu an.

Mein Eindruck: Die einzigen, denen gerade zugestanden wird, mit dem gängigen Modell von „Karriere gleich 50 Wochenstunden plus“ ein Problem zu haben, sind Menschen mit Kindern, vielleicht noch Menschen, die Angehörige pflegen.
Nicht nur denen macht dieses Modell das Leben schwer. Es gibt nämlich genug Menschen, die sich nicht mit ihrem Job identifizieren1 wollen. Menschen, deren eigentliches Leben nach Feierabend anfängt. Die sich vielleicht sozial engagieren wollen. Sind die faul? Ist es gierig, wenn der Grund für „keinen Bock auf 50-Stunden-Wochen und gute und angemessen bezahlte Arbeit wollen“ nicht lautet, für andere Menschen da sein zu wollen?

  1. Um Mißverständnisse zu vermeiden: „identifizieren“ kann sowohl bedeuten „es bestimmt meine Identität, ich *bin* mein Job“ als auch „ich stehe hinter dem, was ich mache, ich kann es ethisch und moralisch vollständig verantworten“. Ich will das letztere.