ryuus Hort

Esoterik und Esoterikkritik, Teil 2: Meine spirituelle Praxis als Empowerment

Ich bin seit 18 Jahren Heidin. Obwohl sich mein Heidentum stets weiterentwickelt und ich manchmal sicher Gewähntes über Bord werfe, obwohl ich manchmal auch mit meiner Praxis oder mit – innerhalb der Subkultur – dominanten heidnischen Positionen hadere und viel Arbeit hineinstecke, ist diese heidnische Spiritualität ein sehr wichtiger Teil meines Lebens; einen, den ich nicht verstecken oder kleiner machen mag, als er ist. Und da „spirituell“ und „esoterisch“ scheinbar so unscharfe Grenzen haben und hierzulande spirituelles Tun jenseits des des Mainstreams gerne mal als esoterisch einsortiert wird, will ich hier beleuchten, was für mich der emanzipatorische Gehalt meiner Praxis ist.

Der folgende Text mag wie eine Werbebroschüre für Heidentum klingen, denn: ich beschreibe, was daran für mich empowernd ist. Daraus folgt, daß ich mich hier eher nicht mit dem auseinandersetze, was ich selbst als kritikabel sehe. Diese Dinge gibt es auch: Heidentum ist, zumindest in manchen Ausprägungen, anschlußfähig für Anti-Emanzipatorisches bis Menschenverachtendes, und diese Anschlußstellen zu reduzieren, ist mir wichtig. Dazu im nächsten Teil meiner Serie.

Das Problem der Beschreibbarkeit

Ich spreche von „meine Praxis“, da das Handeln, nicht etwa eine „richtige Gesinnung“ oder ein etwaiger „richtiger Glaube“ in dieser Hinsicht zentral ist. Mir ist unwohl mit dem Begriff „Religion“ und etwas weniger unwohl mit „Spiritualität“. Dazu schrieb ich hier bereits ausführlich.

Metal, ich und Empowerment

tl;dr: Im Metal gibt es viele kackscheißige Aspekte, trotzdem mag ich diese Musik und sie hat empowernde Aspekte für mich.

Vor einiger Zeit wurde in meiner feministischen Filterbubble viel über Musik geschrieben, und ich fühlte mich inspiriert, was über meine Beziehung zu einem Genre zu schreiben, das mir was bedeutet, obwohl es dort jede Menge Mackertum gibt, nämlich Metal. Ich weiß nicht, ob das metallische Mackertum ein schlimmeres oder grundsätzlich anderes ist als das übliche in Rock/Pop-Kontexten.
Ich komme erst jetzt dazu, aufzuschreiben, was ich dazu zu sagen habe, weil ich sehr mit Musikmachen beschäftigt war.

Ich habe um 2000 angefangen, Metal zu hören, in einer Zeit, als ich mich von Konformitätsdruck belagert fühlte, hin und her gerissen zwischen subkulturellen Identitäten (beziehungsweise dem Gefühl, daß auf der einen Seite meine Subkultur-Identität als Goth stand, ich auf der anderen Seite qua Begehren auf die Homo-Szene verwiesen wurde, in der ich mich unwohl fühlte), leidend darunter, daß ich ständig als Hetera fehl-gelesen wurde und die Dimension Liebe/Partnerschaft/Sexualität in meinem Leben von tragischem Scheitern und tiefer Einsamkeit geprägt war. Ich habe mich schrittweise herangetastet und irgendwann Anfang 2002, als ich anfing, in einer Melodic Death Metal-Band zu singen, fing ich an, auch härtere Spielarten zu mögen. Ich habe mich Anfang 2004 aus dieser Band verabschiedet; sexistische Mechaniken waren ein ziemlich wesentlicher Teil der Gründe, warum das nicht auf Dauer gut ging.

Ich habe mit Metal in den letzten Jahren fast ausschließlich hörend zu tun und frequentiere Szenezusammenhänge (Metalkneipen, Konzerte, Festivals, Zeitschriften, Websites/Communities) so gut wie gar nicht mehr. Die Musik gibt mir noch viel, während die Szene mich nicht mehr lockt.

Überleben im Niemandsland

tl;dr: In sozial beschissenen Situationen kann Introversion hilfreich sein. Und Kunst kann Überlebensstrategie sein.

In meinem letzten Post hatte ich von ein paar miesen Erfahrungen in meiner Kindheit und Jugend gesprochen. Und dann kam mir in den Tagen danach die Frage in den Sinn: wie habe ich das eigentlich überlebt? Ich schreibe nicht „unbeschadet“, denn das wäre unwahr. Es hat Spuren in meiner Seele hinterlassen, einige davon einschneidend, einige machen mir heute noch zu schaffen. Aber ich bin nicht in der Schule sitzengeblieben, ich habe keinen größeren Mist gebaut, keinen Unsinn mit Drogen gemacht und ich habe mich nicht selbst verletzt. Obwohl ich manchmal denke, daß ich so zwischen 13 und 15 recht knapp an einer Eßstörung vorbeigerutscht bin: ja, ich weiß, was Schlankheitsterror heißt.

Also, was hat mir erlaubt, das zu überstehen? Was hat mich damals stark gemacht?
Das erste: Zu hause war ein sicherer Ort. Zu dem Zeitpunkt, als die Mobbing-Geschichten aktuell waren, brannte es nicht auch noch zuhause. OK, ich habe meine Mutter zwischendrin als überlastet wahrgenommen – Alleinerziehenden-Situation plus Erwerbstätigkeit eben -, aber die Luft brannte nicht. Und meine Mutter stand hinter mir, sie hat mich damit nicht allein gelassen.