ryuus Hort

Die Esoterik und ich, Teil II: Sind Neuheiden Esoteriker oder Okkultisten?

Wenden wir uns nochmal einen Augenblick der Zinserschen Definition von Esoterik zu: Esoterik als das von Wissenschaften und Kirchen Ausgegrenzte. Das korreliert mit der Definition des Okkulten, wie sie Karl Hoheisel in der RGG bietet: „alle von den etablierten Wissenschaften (noch) nicht geklärten Erscheinungsformen von Natur und Seelenleben“; umgangssprachlich heißen okkult überwiegen paranormale Phänomene, bei denen ein dämonischer oder diabolischer Ursprung unterstellt wird und denen deshalb etwas verruchtes anhaftet.1

Wikingerzeitliches Kristallamulett
Bild: mararie / flickr

Okkulte Praktiken sind, könnte man folgern, einfach das, was von der Wissenschaft nicht erklärt wird und aus dem Mainstream der religiösen Praxis herausgefallen ist. Interessant ist allerdings eine Kleinigkeit, die Hoheisel hinzufügt:

  1. Karl Hoheisel, Artikel „Okkultismus“, in: Religion in Geschichte und Gegenwart : Handwörterbuch für Theologie und Religionswissenschaft. – 6. N-Q / hrsg. von Hans Dieter Betz …. – 4., völlig neu bearb. Aufl., Tübingen 2003, Sp. 498-99

Die Esoterik und ich – Teil I

„Sagmal, du entsprichst ja immer mehr dem Klischee einer Esotante“, sagte sinngemäß ein Freund von mir, als ich bei einem Treffen meine Spindel auspackte und an der Adventureschaf-Wolle weiterspann. Kein Gerät der Astrologie, sondern der Astronomie: Historisches Astrolabium Bild: austinevan / flickr.com Jetzt frage ich mich zwar: Was hat diese archaische Form von Handarbeit mit Esoterik zu tun? Primär nämlich nichts.1 Aber ich fragte mich auch: Bin ich eigentlich eine Esotante? Immerhin wird mein Blog unter dem Begriff „Runenkreis“ ziemlich oft gefunden, und ich habe ja auch mal was mit Runenmotiven gestickt.

Ich kann zu diesem Anwurf nicht ohne weitere Differenzierung ja oder nein sagen, denn: Das hängt sehr davon ab, was man unter dem Begriff „Esoterik“ versteht.

Wenn das Wort fällt, denken viele wohl an langatmig-nebulöse Horoskope, die einem am Jahresbeginn im Grunde erzählen, das nächste Jahr sei ganz toll. Oder auch weniger toll, aber wenn man schlau sei, könne man viel draus lernen. Oder sanftäugige Medien, die einem Botschaften von allen Engeln channeln, die jede noch so apokryphe christliche Schrift hergibt. Oder Mehrwertdienstenummern, wo ich mir für einen stolzen Minutenpreis die Karten legen lassen kann. Wer selbst Hand anlegen will, kann sich in der esoterischen Buchhandlung ein Set von 25 Plastikrunen2, zusammen mit einem kleinen Deutungsbüchlein, kaufen und sich damit selbst Aussagen zusammenwürfeln, die so beliebig sind, daß sie irgendwie immer passen – ganz wie handelsübliche Horoskope in Zeitungen. Garantiert ohne Risiko der schockierenden Begegnung mit archaischen Kulturen und ohne mühsam draußen herumlaufen, Holz suchen und das dann mühsam bearbeiten zu müssen. All das hat eins gemeinsam: Es ist gnadenlos kommerzialisiert.

OK: ich war in den letzten Absätzen ein wenig polemisch. Sehen wir uns doch einmal an, was religionswissenschaftliche Lexika zu diesen Themen sagen.

  1. Spindeln spielen allerdings in einigen Märchen eine magische Rolle. Wäre interessant, dem mal nachzugehen.
  2. eine vollkommen ahistorische Erfindung: die 25., leere Rune wäre, denke ich, den historischen germanischen Stämmen nicht eingefallen, wie überhaupt der Gebrauch von Runen als Orakel nicht belegt ist

Suchergebnisse, Runen und die Nachbarschaft im Web

Was Statpress mir über die Suchergebnisse sagt, ...
Was Statpress mir über die Suchergebnisse sagt, ...

Ja, eigentlich will ich ja gar nicht so viel über den ganzen SEO-Kram schreiben. Und ich hatte eigentlich auch mal vor, hier nicht so viel über Spirituelles zu schreiben. Tja, scheint kaum machbar, ich kann das doch nicht so aus meinem Leben diesem Blog ausklammern. (Bin ich etwa eine Esotante? Ich hoffe nicht. Auch wenn ich manchmal mit Bäumen rede.)

Was ist los? Die Suchen, unter denen ryuu.de gefunden wird, amüsieren mich auf den ersten Blick. Die Google-Bildersuche nach „runenkreis“ spült mir hier anscheinend ganz schön Besucher rein – siehe Screenshot. Auf den zweiten denke ich mir: Au weia, in welche Nachbarschaft bin ich dadurch geraten, daß ich ganz naiv ein Stickprojekt gebloggt habe?

Keine so gute, habe ich den Eindruck. Einige harmlose bis kommerzielle Esoseiten, aber auch zwielichtige Versandhändler, deren Namen schon sozialdarwinistische Phantasien zu bedienen scheinen oder die ganz unschuldig zwischen Runensteinen und keltisch aussehendem Schmuck ariosophische Literatur anbieten.

Den Runen, überhaupt dem Germanischen, haftet leider in Deutschland ein ganz unangenehmer Geruch an. Ein Geruch, der mit den historisch gewesenen Germanen so gar nix zu tun hat. Das Germanenbild der meisten Rechten ist in den meisten Teilen nichts weiter als rückwärtsprojizierter nationalistischer Krampf und hat mit den tatsächlich gewesenen Kimbern, Alamannen, Franken, Goten, Jüten, Vandalen, Langobarden, Gepiden, Angeln, Sachsen und Wikingern nicht das Geringste zu tun. Zudem hat der braune Scheiß, der das Thema umgibt, lange dafür gesorgt, daß ich einen Bogen darum gemacht habe.