ryuus Hort

Goth/Lesbe I: Über Selbstbezeichnungen, Zerrissenheit und Normen.

tl;dr: „Labeling is disabling“ stimmt für mich nur dann, wenn es sich um Fremdzuschreibungen handelt; Selbstbezeichnungen und Positionierungen können ermächtigend sein.

Eine Frage, die immer wieder an mich herangetragen wurde, war, warum ich mich denn so kategorisieren müsse. Die kam vor allem, wenn ich mich abgrenzte, oder wenn ich eine von irgendeiner Norm abweichende Identität beschrieb. Oft genug wurden mir dann Ratschläge gegeben wie „aber jede_r ist doch einzigartig“ oder „also, ich bin einfach ich und wem das nicht paßt, der kann mich mal“.1

Für mich ging diese Strategie nicht auf. Immer da, wo ich mit Normen kollidierte, mich einfach auf ein „ich bin halt ich und Normen interessieren mich nicht“ zurückzuziehen, fühlte sich für mich eben wie ein Rückzug an; jegliche Kategorisierung, jeden Begriff für mich selbst zu vermeiden hieß, irgendwann überhaupt nicht mehr in verständlichen Begriffen über mich, mein Sein, das, was mich ausmachte, sprechen zu können; ein Gefühl, als würde der Raum, in dem ich mich bewegen konnte, immer kleiner und kleiner. In letzter Konsequenz wäre das eine kulturelle und soziale Auslöschung gewesen.

Wovon rede ich konkret? Vielerlei Erfahrungen. Namentlich die, Minderheit in der Minderheit zu sein in den Jahren, als ich mich als gothic und lesbisch identifizierte2 und in jeder der beiden Subkulturen fremd blieb: in der Gothicszene als Lesbe, in der Lesbenszene als feminine Grufte (und ich konnte Dreadlocks und Stahlkappenstiefel tragen, soviel ich wollte: ich wurde feminin gelesen). Irgendwie ist diese Erfahrung mein Prototyp für viele andere Erfahrungen von widerstreitenden Identitäten geworden.

  1. Siehe auch diesen Kommentar zu einem etwas älteren Artikel.
  2. das war, grob gesagt, so zwischen 1998 und 2006; das ‚lesbisch‘ ist geblieben, gothic ist für mich in den Hintergrund getreten

Identity clothing? Ein paar Gedanken über Njulezz.

Da bekam ich vor ein, zwei Wochen eine Mail von einem neuen Mode-Unternehmen. Nun ja, ich und Mode: ich schwanke in meinem Stil ja wüst zwischen Jeans-und-T-Shirt-Nerd, Birkenstock-Ökotante, Metaltante und zaghaften Versuchen von businesstauglichem Smart Casual. Garderobe kann man die wahllose Ansammlung schlecht zusammenpassender Klamotten, die in meinem Kleiderschrank hängt, nicht wirklich nennen. Über ein Jahrzehnt mit einer mehr als knappen Kasse haben mich da mit etwas hinterlassen, worüber ich mir eigentlich nur den Kopf kratze, und eigentlich ist mir Mode mittlerweile schnurz. Ich will mich nur wohl fühlen in dem, was ich da trage.
Ich will Schuhe, in denen ich auch mal, weil mir gerade danach ist, zwei Kilometer gehen kann, ohne daß mir hinterher die Füße weh tun. Absätze gehen gar nicht, bzw. nur zu ganz wenigen Anlässen (Klassik-Auftritte – da aber bitte auch nur minimal, zu hohe Absätze wirken sich negativ auf die Sängeratmung aus -, Opernbesuch, wichtige Businessanlässe, aufgerüscht weggehen). Ich will Hosen, in denen mein Hintern nicht total unförmig aussieht (nur in Armeehosen darf er das, aber Armeehosen sind für Situationen, wo mir Aussehen schnuppe ist: rumhängen im Wald, dreck- oder farbklecksgefährliche Arbeit, Putzen, Renovieren, Möbelrücken). Ich will Klamotten, in denen ich mich bewegen kann. Ich will für den Alltag am liebsten schlichte, klassische, gut kombinierbare Basics: aufhübschen mit Accessoires und Schmuck geht dann immer noch. Und trotz dieser Modemuffeligkeit fühle ich mich als femme, fühle mich in Röcken wohl, schminke mich ab und zu mal gerne, mag sowohl meinen Bizeps als auch meine Rundungen.

Aber gut, gucken wir uns das mal an. „Wir kümmern uns um die schönen Dinge: Frauen“, steht auf der Startseite, und „identity clothing“ soll die Mode von Njulezz sein.

Schwullesbische Veranstaltungen und ich: eine Haßliebe

Heute fiel es mir mal wieder so richtig auf: mit schwullesbischen Veranstaltungen verbindet mich eine ganz große Ambivalenz. Ausgedrückt in diesem Tweet heute: linuxtag statt schwullesbisches stadtfest?

Ohnehin kann ich mit dem modernen „Gay“ als Lifestyle wenig anfangen. Nein, meine Befreiung besteht nicht in der Gelegenheit zum hemmungslosen anonymen Sex und nicht in auf einen Teil meiner Identität zugeschnittenen Veranstaltungen mit lauter, für mich bestenfalls gerade eben erträglicher Musik und teurem Alkohol, die ich zum Sterben langweilig finde. Sie bestünde darin, auf einem Liverollenspielcon, auf einer Party, auf einem Hacking-Event, auf einem Heidentreffen mit derselben Wahrscheinlichkeit wie ein Hetero die Frau fürs Leben zu treffen. Sie bestünde darin, daß mir niemand mehr mit statistischen Argumenten kommt, warum das nicht geht. Sie bestünde darin, mir keine Gedanken darum machen zu müssen, ob jetzt ein Arbeitgeber rausfindet, daß ich mal eine schwullesbische Party mitorganisiert habe. Sie bestünde darin, daß ich nicht mehr das Gefühl habe, einer entmutigend kleinen Minderheit anzugehören, innerhalb derer ich mich wegen der Summe anderer Merkmale (langhaarige Hochsteckfrisurträgerin, Metalhead, Klassik- und Alte-Musik-Fan, Rollenspielerin, Linuxnerd, Asatrú, … ) wieder total allein, im negativen Sinne nerdig und wie ein Alien fühle, im schlimmsten Fall mit dem Arsch nicht angeguckt oder sogar unfreundlich angegangen werde. (Letzteres ist mir selbst nie passiert, aber Freundinnen, die ländlicher wohnen, wurden durchaus als „Heten“ von dortigen Lesbenparties komplimentiert.)

Ich fühle mich nicht gemeint, wenn ich die Siegessäule oder die L-Mag lese.