ryuus Hort

Goth/Lesbe II: Feminitäten, Subkulturen und Bi-Feindlichkeit

tl;dr: Auch in der lesb-bi-schwul-gothic-Schnittmenge war nicht alles flauschig.

Im ersten Teil dieser Serie habe ich über die Erfahrung, zu mehreren „Randgruppen“ zugleich zu gehören, geschrieben, und wie mir Selbstbezeichnungen und gemeinsame Erfahrungen mir halfen, damit umzugehen.

Es gibt noch ein paar andere Dinge, die ich als Goth-Lesbe erfahren habe und von denen ich erzählen will. Drehte sich der erste Teil um die Einsamkeit und den Ausweg in die Gemeinschaft, so habe ich für diesen Teil ein paar Erlebnisse aufgehoben, wo ich mit dieser Gemeinschaft quer lag und wo es im Getriebe knirschte.

„Schwarz geworden“ bin ich erst 1998: damals habe ich ganz unverhofft Gothic für mich entdeckt. War ich eigentlich in der Hoffnung auf die große, Berichten zufolge tolle Frauenszene hergezogen, so stürzte ich mich im ersten Semester mit vollem Engagement kopfüber ins Studium und ins literarische Leben, dann in die schwarze Szene – und dann erst traf mich der Schock, was für ein wenig freundlicher Ort die Lesbenszene für feminine Frauen war, mit voller Wucht. Schock, das Gefühl von Nichtexistenz (Tania Krings beschreibt es recht eindrücklich in ihrem Beitrag zu „Femme!“) und das Gefühl von Fremdheit und Einsamkeit stürzten mich in eine Krise, aus der ich mich erst nach und nach befreite, als ich, wie beschrieben, die Erfahrung gemacht hatte, daß es anderen genauso ging.

Identity clothing? Ein paar Gedanken über Njulezz.

Da bekam ich vor ein, zwei Wochen eine Mail von einem neuen Mode-Unternehmen. Nun ja, ich und Mode: ich schwanke in meinem Stil ja wüst zwischen Jeans-und-T-Shirt-Nerd, Birkenstock-Ökotante, Metaltante und zaghaften Versuchen von businesstauglichem Smart Casual. Garderobe kann man die wahllose Ansammlung schlecht zusammenpassender Klamotten, die in meinem Kleiderschrank hängt, nicht wirklich nennen. Über ein Jahrzehnt mit einer mehr als knappen Kasse haben mich da mit etwas hinterlassen, worüber ich mir eigentlich nur den Kopf kratze, und eigentlich ist mir Mode mittlerweile schnurz. Ich will mich nur wohl fühlen in dem, was ich da trage.
Ich will Schuhe, in denen ich auch mal, weil mir gerade danach ist, zwei Kilometer gehen kann, ohne daß mir hinterher die Füße weh tun. Absätze gehen gar nicht, bzw. nur zu ganz wenigen Anlässen (Klassik-Auftritte – da aber bitte auch nur minimal, zu hohe Absätze wirken sich negativ auf die Sängeratmung aus -, Opernbesuch, wichtige Businessanlässe, aufgerüscht weggehen). Ich will Hosen, in denen mein Hintern nicht total unförmig aussieht (nur in Armeehosen darf er das, aber Armeehosen sind für Situationen, wo mir Aussehen schnuppe ist: rumhängen im Wald, dreck- oder farbklecksgefährliche Arbeit, Putzen, Renovieren, Möbelrücken). Ich will Klamotten, in denen ich mich bewegen kann. Ich will für den Alltag am liebsten schlichte, klassische, gut kombinierbare Basics: aufhübschen mit Accessoires und Schmuck geht dann immer noch. Und trotz dieser Modemuffeligkeit fühle ich mich als femme, fühle mich in Röcken wohl, schminke mich ab und zu mal gerne, mag sowohl meinen Bizeps als auch meine Rundungen.

Aber gut, gucken wir uns das mal an. „Wir kümmern uns um die schönen Dinge: Frauen“, steht auf der Startseite, und „identity clothing“ soll die Mode von Njulezz sein.

Es wird besser.

„It gets better!“, dieses Projekt entstand in Amerika, nachdem Prominente die erschütternde Welle von Selbstmorden von Jugendlichen wahrnahmen. Jugendliche, die alle eins gemeinsam hatten: man hatte sie für schwul oder lesbisch gehalten und deshalb tyrannisiert. In der Schule, zuhause, in ihren Kirchengemeinden. Inhalt des Projekts: Erwachsene nehmen Videobotschaften auf, um Jugendlichen zu sagen: Ja, es wird mit dem Erwachsenwerden besser. Man kann als LGBT-Person ein gutes, glückliches Leben führen. Du hast Zukunftsperspektiven, auch wenn gerade alles sehr düster aussieht. Sogar Barack Obama beteiligt sich:

Auch in Deutschland steht nicht alles zum Besten. Die Selbstmordrate von schwulen und lesbischen Jugendlichen liegt wesentlich höher als die von heterosexuellen (die Rede ist von vier- bis siebenmal, aktuelle Zahlen habe ich leider nicht gefunden), und "schwul" ist leider immer noch gerade unter Jugendlichen ein Schimpfwort. Und deshalb gibt es nun auch eine deutsche Version des Projekts: Es wird besser.

Lesbische Blogs? Queere Blogs? Eine Replik auf Nele Tabler

Da mich die karnele letztens erwähnte, genauer gesagt: meine Suche nach lesbischen und queeren Blogs, habe ich das Bedürfnis, etwas zu dem Thema zu schreiben. Zuerst einmal habe ich festgestellt, daß ich differenzieren muß: queer umfaßt für mich mehr als nur ein Synonym für LGBTQ. LGBTQ wiederum ist ein weiteres Spektrum als „homosexuell“, das in einer Denkungsart, die für mich das Wort „gay“ zusammenfaßt, wiederum gedeutet wird als „schwul, und Lesben haben strukturell analoge Baustellen“. queer bedeutet für mich ein Bewußtsein, das die heterosexuelle Matrix in Frage stellt, das strebt, sie zu subvertieren, unterminieren und zu sprengen. Das muß nicht immer dadurch sein, daß $mensch sich die Rolle des anderen Geschlechts aneignet, aber dazu ein andermal. queer ist für mich auch ein Bewußtsein, daß Geschlechts- und sexuelle Identität nicht isoliert von anderen Faktoren – soziale Schicht, ethnische Aspekte, ‚race‘, Religion usw. – gedacht werden können. Intellektuell ziemlich anstrengend, aber für mich eine Chance, überkommene Denkmuster zu sprengen und freier zu werden.

Dann: ich habe einiges gefunden – es fing eigentlich an mit meinem BH-Rant, auf den die maedchenmannschaft aufmerksam wurde, und darüber auf etlich andere Blogger_innen. Ich bin bloß zu sehr mit anderen Dingen beschäftigt, um hier eine ausführliche Linkliste anzulegen.