ryuus Hort

Meinungsfreiheit, my ass.

Ich muß hier mal grad politisch werden. Da las ich gerade einen Artikel über den Hintergrund des mutmaßlichen Attentäters von Oslo mit Kritik an der sozialdarwinistischen Argumentation des Verdächtigen.

Und gleich heult wieder jemand rum: „Meinungsfreiheit!“ Übersetzt: „man wird ja wohl noch sagen dürfen…“
Nein. Es gibt nicht umsonst hierzulande den Paragraphen der Volksverhetzung.
Und: Der erste Satz der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte enthält nicht die Meinungsfreiheit, sondern Menschenwürde, Freiheit und Gleichberechtigung: „Alle Menschen sind frei und gleich an Würde und Rechten geboren.“ Der erste Satz des deutschen Grundgesetzes befaßt sich ebenfalls mit der Menschenwürde.

Ich kenne das Gejammer von „Meinungsfreiheit!“ viel zu gut aus der Gothicszene und den leidigen Auseinandersetzungen um Grufties gegen Rechts, wo diese Argumentationsfigur oft kam, wenn jemand Künstler dafür kritisiert hat, rechtslastige Texte oder Symbolik zu verwenden oder rechten Schwachsinn von sich zu geben.

Politinduzierter Verdruß

Es geschehen in Deutschlands Politik Dinge, die mich zwängen, mit Dauerfacepalm durch die Gegend zu laufen, würde ich mich nicht entscheiden, daß Galgenhumor Leben rettet. Ich habe ein Studium unter widrigen Bedingungen durchgehalten, ich habe ein Jahr Abhängigkeit von einem bürokratischen Moloch durchgestanden – da werden mich so ein paar Politikerdarsteller nicht unterkriegen. Doch gelegentlich gibt es Tage, wo es besser für meinen Blutdruck ist, kein Radio einzuschalten. Und manchmal bemerke ich, in welcher Haltung ich mich durch die Gegend schleppe, frage mich, wo der stolze, aufrechte, energische Gang hin ist, den ich früher mal hatte, warum ich mich immer öfter dabei ertappe, grübelnd, zornig oder sorgenvoll die Stirn in Falten zu legen und meine Mundwinkel allzu oft nach unten hängen. Da hat sich in den letzten 5 Jahren ein ständiges Gefühl von Überlastung, so ein depressiver Grauschleier über dem Alltag, eingeschlichen. Ob das nur mein individuelles Pech ist oder doch einen gesellschaftlichen Hintergrund hat? Keine Ahnung.

Es häufen sich, vor allem, wenn die politische Kaste mal wieder irgendein unausgegorenes Gesetz verabschiedet, die Momente, wo ich den Impuls habe: “Auswandern!!”, jedoch dicht gefolgt von einem: “Ja, scheiße, wohin eigentlich?” Denn mir fällt so auf die Schnelle kein Land ein, in dem es so generell besser wäre – was Überwachung, Bürgerrechte, Lebensqualität als nicht-männlicher, nicht-hetero-Mensch und so angeht.

Und dann: Ich lebe verdammt gerne in Mitteleuropa.

Es wird besser.

„It gets better!“, dieses Projekt entstand in Amerika, nachdem Prominente die erschütternde Welle von Selbstmorden von Jugendlichen wahrnahmen. Jugendliche, die alle eins gemeinsam hatten: man hatte sie für schwul oder lesbisch gehalten und deshalb tyrannisiert. In der Schule, zuhause, in ihren Kirchengemeinden. Inhalt des Projekts: Erwachsene nehmen Videobotschaften auf, um Jugendlichen zu sagen: Ja, es wird mit dem Erwachsenwerden besser. Man kann als LGBT-Person ein gutes, glückliches Leben führen. Du hast Zukunftsperspektiven, auch wenn gerade alles sehr düster aussieht. Sogar Barack Obama beteiligt sich:

Auch in Deutschland steht nicht alles zum Besten. Die Selbstmordrate von schwulen und lesbischen Jugendlichen liegt wesentlich höher als die von heterosexuellen (die Rede ist von vier- bis siebenmal, aktuelle Zahlen habe ich leider nicht gefunden), und "schwul" ist leider immer noch gerade unter Jugendlichen ein Schimpfwort. Und deshalb gibt es nun auch eine deutsche Version des Projekts: Es wird besser.