ryuus Hort

Hungrige Gespenster I. Ein Versuch, Emotionswirrwarr zu verbloggen

Heute schwappte so eine Debatte durch Twitter, die mich mitnahm. Es ging um das Privileg heterosexueller Menschen in Zweierbeziehungen, in der Öffentlichkeit zärtlich zu sein (z.B. durch Küssen und Händchenhalten). Normalerweise hätte ich mit in den Chor derjenigen eingestimmt, die sagen: ja, ist ein Privileg und Menschen in Hetero-Beziehungen sollen sich mal Gedanken machen, wieviel Raum sie damit eigentlich einnehmen! Nicht-Hetero-Menschen ernten nämlich recht zuverlässig dumme Sprüche, Beschimpfungen, Schläge und Schlimmeres, wenn sie das tun.

Aber der heutige Tag fällt in eine Zeit, wo meine Haut eh dünn ist und das Herz verwundbar, wo alte Traurigkeit bloß liegt und ich nah am Wasser gebaut bin.

I can haz Ponyhof?

Manchmal bin ich einfach nur müde.

Nicht in einem wörtlichen Sinn (auch das kommt vor, ist aber eine andere Baustelle), sondern in Bezug auf Feminismus/Queer-Aktivist_in sein. Manchmal habe ich die Schnauze voll davon, zum zweiunddrölfzigsten Mal dieselben Grundlagen zu erklären. Oder ich schreibe einen superdifferenzierten Post und in den Kommentaren kommt jemand her und holzt undifferenziert durch die Gegend, möglichst noch aus privilegierter Perspektive. Dann geht mir die Geduld aus, freundlich zu sein.

Goth/Lesbe II: Feminitäten, Subkulturen und Bi-Feindlichkeit

tl;dr: Auch in der lesb-bi-schwul-gothic-Schnittmenge war nicht alles flauschig.

Im ersten Teil dieser Serie habe ich über die Erfahrung, zu mehreren „Randgruppen“ zugleich zu gehören, geschrieben, und wie mir Selbstbezeichnungen und gemeinsame Erfahrungen mir halfen, damit umzugehen.

Es gibt noch ein paar andere Dinge, die ich als Goth-Lesbe erfahren habe und von denen ich erzählen will. Drehte sich der erste Teil um die Einsamkeit und den Ausweg in die Gemeinschaft, so habe ich für diesen Teil ein paar Erlebnisse aufgehoben, wo ich mit dieser Gemeinschaft quer lag und wo es im Getriebe knirschte.

„Schwarz geworden“ bin ich erst 1998: damals habe ich ganz unverhofft Gothic für mich entdeckt. War ich eigentlich in der Hoffnung auf die große, Berichten zufolge tolle Frauenszene hergezogen, so stürzte ich mich im ersten Semester mit vollem Engagement kopfüber ins Studium und ins literarische Leben, dann in die schwarze Szene – und dann erst traf mich der Schock, was für ein wenig freundlicher Ort die Lesbenszene für feminine Frauen war, mit voller Wucht. Schock, das Gefühl von Nichtexistenz (Tania Krings beschreibt es recht eindrücklich in ihrem Beitrag zu „Femme!“) und das Gefühl von Fremdheit und Einsamkeit stürzten mich in eine Krise, aus der ich mich erst nach und nach befreite, als ich, wie beschrieben, die Erfahrung gemacht hatte, daß es anderen genauso ging.

Warum ich gerne eine femme bin

tl;dr: Bei allem K(r)ampf mit femme-Feindlichkeit in der queeren Szene, stereotypen Zuschreibungen und dem ewigen Vorwurf, femmes verhielten sich konform mit gesellschaftlichen Erwartungen an Frauen etc. ist Feminität etwas Schönes.

Mir fällt gerade, angeregt durch eine Diskussion anderswo, auf, daß ich hier lang und breit über Feminität geschrieben habe und was mir das alles beschert, aber noch nie mal explizit gemacht habe, warum ich auf meine Feminität nicht verzichten mag und warum sie für mich etwas Schönes ist.

Der ewige Vorwurf lautet ja: Frauen, die sich feminin inszenieren, fügen sich dem gesellschaftlichen Druck auf Frauen, gefälligst feminin zu sein, machen sich damit zu Kollaborateurinnen eines frauenfeindlichen Systems, das Frauen zwingt, bestimmten Verhaltens- und Aussehensnormen zu genügen.

Nun ist gesellschaftlicher Zwang zu (einer bestimmten) Feminität natürlich kacke, aber das Gegenteil ist, wie so oft, genauso falsch. Auch ich entspreche in vieler Hinsicht verbreiteten weiblichen Schönheits- und Verhaltensidealen nicht. Auch ich stöhne, wenn nicht enthaarte Achseln zum Skandal gemacht werden und wenn Leute sich vor nicht rasierten Intimzonen ekeln. Auch ich enthaare meine Beine zwar gelegentlich, bin aber meistens zu faul dazu und was solls, unter Jeansbeinen oder dicken Strumpfhosen sieht eh niemand den Pelz. Nagellack und ich, das klappt auch nicht, schon wegen der Gitarre nicht (einmal spielen und der Lack ist ab), und meine sorgfältige Nagelpflege ist genauso sehr ein Gitarrist_innen-Ding wie ein femme-Ding. Auch ich trage nicht jeden Tag Make Up. Auch ich grabsche mir unter der Woche meistens eine halbwegs saubere Jeans und ein sauberes T-Shirt aus dem Schrank und denke nicht lang übers Anziehen nach – Hauptsache, ich erwische nicht Farben, die sich total beißen. Wenn es um Shopping geht, habe ich nicht an Kleidern und Schuhen Freude (das schiebe ich sogar meistens raus, bis es nicht mehr anders geht als mal wieder was einzukaufen), sondern an Büchern, Technik und Musikinstrumenten. Und auch wenn ich mich mit meinem derzeitigen Gewicht nicht so wohl fühle und gern wieder fitter wäre, muß ich das Spiel mit der Abwertung von Frauenkörpern, die nicht bestimmten Normen entsprechen, nicht mitspielen. Frauenzeitschriften sind für mich ein fremdartiges Paralleluniversum.

Und trotzdem mag ich mir meine Feminität, so wie ich sie lebe, nicht nehmen lassen.

Goth/Lesbe I: Über Selbstbezeichnungen, Zerrissenheit und Normen.

tl;dr: „Labeling is disabling“ stimmt für mich nur dann, wenn es sich um Fremdzuschreibungen handelt; Selbstbezeichnungen und Positionierungen können ermächtigend sein.

Eine Frage, die immer wieder an mich herangetragen wurde, war, warum ich mich denn so kategorisieren müsse. Die kam vor allem, wenn ich mich abgrenzte, oder wenn ich eine von irgendeiner Norm abweichende Identität beschrieb. Oft genug wurden mir dann Ratschläge gegeben wie „aber jede_r ist doch einzigartig“ oder „also, ich bin einfach ich und wem das nicht paßt, der kann mich mal“.1

Für mich ging diese Strategie nicht auf. Immer da, wo ich mit Normen kollidierte, mich einfach auf ein „ich bin halt ich und Normen interessieren mich nicht“ zurückzuziehen, fühlte sich für mich eben wie ein Rückzug an; jegliche Kategorisierung, jeden Begriff für mich selbst zu vermeiden hieß, irgendwann überhaupt nicht mehr in verständlichen Begriffen über mich, mein Sein, das, was mich ausmachte, sprechen zu können; ein Gefühl, als würde der Raum, in dem ich mich bewegen konnte, immer kleiner und kleiner. In letzter Konsequenz wäre das eine kulturelle und soziale Auslöschung gewesen.

Wovon rede ich konkret? Vielerlei Erfahrungen. Namentlich die, Minderheit in der Minderheit zu sein in den Jahren, als ich mich als gothic und lesbisch identifizierte2 und in jeder der beiden Subkulturen fremd blieb: in der Gothicszene als Lesbe, in der Lesbenszene als feminine Grufte (und ich konnte Dreadlocks und Stahlkappenstiefel tragen, soviel ich wollte: ich wurde feminin gelesen). Irgendwie ist diese Erfahrung mein Prototyp für viele andere Erfahrungen von widerstreitenden Identitäten geworden.

  1. Siehe auch diesen Kommentar zu einem etwas älteren Artikel.
  2. das war, grob gesagt, so zwischen 1998 und 2006; das ‚lesbisch‘ ist geblieben, gothic ist für mich in den Hintergrund getreten