ryuus Hort

Goth/Lesbe II: Feminitäten, Subkulturen und Bi-Feindlichkeit

tl;dr: Auch in der lesb-bi-schwul-gothic-Schnittmenge war nicht alles flauschig.

Im ersten Teil dieser Serie habe ich über die Erfahrung, zu mehreren „Randgruppen“ zugleich zu gehören, geschrieben, und wie mir Selbstbezeichnungen und gemeinsame Erfahrungen mir halfen, damit umzugehen.

Es gibt noch ein paar andere Dinge, die ich als Goth-Lesbe erfahren habe und von denen ich erzählen will. Drehte sich der erste Teil um die Einsamkeit und den Ausweg in die Gemeinschaft, so habe ich für diesen Teil ein paar Erlebnisse aufgehoben, wo ich mit dieser Gemeinschaft quer lag und wo es im Getriebe knirschte.

„Schwarz geworden“ bin ich erst 1998: damals habe ich ganz unverhofft Gothic für mich entdeckt. War ich eigentlich in der Hoffnung auf die große, Berichten zufolge tolle Frauenszene hergezogen, so stürzte ich mich im ersten Semester mit vollem Engagement kopfüber ins Studium und ins literarische Leben, dann in die schwarze Szene – und dann erst traf mich der Schock, was für ein wenig freundlicher Ort die Lesbenszene für feminine Frauen war, mit voller Wucht. Schock, das Gefühl von Nichtexistenz (Tania Krings beschreibt es recht eindrücklich in ihrem Beitrag zu „Femme!“) und das Gefühl von Fremdheit und Einsamkeit stürzten mich in eine Krise, aus der ich mich erst nach und nach befreite, als ich, wie beschrieben, die Erfahrung gemacht hatte, daß es anderen genauso ging.

Schwullesbische Veranstaltungen und ich: eine Haßliebe

Heute fiel es mir mal wieder so richtig auf: mit schwullesbischen Veranstaltungen verbindet mich eine ganz große Ambivalenz. Ausgedrückt in diesem Tweet heute: linuxtag statt schwullesbisches stadtfest?

Ohnehin kann ich mit dem modernen „Gay“ als Lifestyle wenig anfangen. Nein, meine Befreiung besteht nicht in der Gelegenheit zum hemmungslosen anonymen Sex und nicht in auf einen Teil meiner Identität zugeschnittenen Veranstaltungen mit lauter, für mich bestenfalls gerade eben erträglicher Musik und teurem Alkohol, die ich zum Sterben langweilig finde. Sie bestünde darin, auf einem Liverollenspielcon, auf einer Party, auf einem Hacking-Event, auf einem Heidentreffen mit derselben Wahrscheinlichkeit wie ein Hetero die Frau fürs Leben zu treffen. Sie bestünde darin, daß mir niemand mehr mit statistischen Argumenten kommt, warum das nicht geht. Sie bestünde darin, mir keine Gedanken darum machen zu müssen, ob jetzt ein Arbeitgeber rausfindet, daß ich mal eine schwullesbische Party mitorganisiert habe. Sie bestünde darin, daß ich nicht mehr das Gefühl habe, einer entmutigend kleinen Minderheit anzugehören, innerhalb derer ich mich wegen der Summe anderer Merkmale (langhaarige Hochsteckfrisurträgerin, Metalhead, Klassik- und Alte-Musik-Fan, Rollenspielerin, Linuxnerd, Asatrú, … ) wieder total allein, im negativen Sinne nerdig und wie ein Alien fühle, im schlimmsten Fall mit dem Arsch nicht angeguckt oder sogar unfreundlich angegangen werde. (Letzteres ist mir selbst nie passiert, aber Freundinnen, die ländlicher wohnen, wurden durchaus als „Heten“ von dortigen Lesbenparties komplimentiert.)

Ich fühle mich nicht gemeint, wenn ich die Siegessäule oder die L-Mag lese.