Weihnachten dräut (viel zu früh)

Es ist schon wieder soweit: In den Supermärkten werden Lebkuchen und Spekulatius angeboten, im IKEA-Prospekt dominieren Weiß, Rot und weihnachtliche Motive und Anmeldungen zu Wichtelaktionen laufen auch schon.

Ich stehe Weihnachten ja ambivalent gegenüber. Dieser ganze Konsumrummel, die Geschenke-Mach-Hysterie, die ich so wahrnehme – das nervt mich nur an. Ich hasse es, auf Teufel komm raus Weihnachtsgeschenke finden zu müssen für Leute, bei denen mir partout nicht einfällt, womit ich ihnen denn wirklich eine Freude machen kann. Und ich hasse es, bemühte, aber uninspirierte Geschenke zu bekommen, mit denen ich dann nicht wirklich was anfangen kann. Wenn die dominante Kultur auf kuschelige heimelige Familienharmonie macht, kann man sich als alleinlebender Mensch auf einmal ziemlich einsam fühlen, gerade wenn man dann auch noch arm ist, sich eigentlich nur die Geschenkverpackung für die viel zu teuren Geschenke leisten kann und auch so einiges im Leben nicht so kuschelig ist. Mit Freunden was unternehmen an Weihnachten fällt für viele aus, weil alle bei ihren Familien hocken. OK, ich eingeschlossen: denn seit auch meine Geschwister von Mama ausgezogen sind, nutze ich die Gelegenheit, daß ich um Weihnachten rum mal meine Leute alle auf einem Platz finde. (Dieses Jahr wird das allerdings spannend: Meine Mom ist zu meiner Großmutter gezogen, die beiden wohnen nun in einer Doppelhaushälfte zusammen, die zwar für zwei Personen gut paßt, aber zu fünft dürfte das eng werden.) Ein anderer Aspekt: Der Dezember ist irgendwie immer nur ein halber Monat, und je näher das Fest und das Jahresende kommt, desto mehr will alles uuuunbedingt dieses Jahr noch soooo viel erledigt haben. Und das zusammen mit meinem Bedürfnis, eigentlich ab Mitte Oktober in einen geruhsameren Modus zu schalten – nee, geht mal gar nicht.

Dementsprechend nehme ich dieses Jahr nur an einer Wichtelaktion teil. Ich bin froh, daß canta:re dieses Jahr keine Adventskonzerte gibt. Und ich freu mich darauf, Ende Dezember alle meine Lieben zu sehen und mir keinen Streß mit Geschenken zu geben. Nur eines werde ich vielleicht mal bauen, obwohl mir ja Deko sonst gestohlen bleiben kann: Einen Julbock. Er muß nicht gleich 13 Meter hoch sein wie der in der schwedischen Stadt Gävle, der übrigens fast jedes Jahr angezündet wird. So sieht er aus:

Der Julbock von Gavle (Quelle: Wikimedia Commons)

Was ausgerechnet der Bock mit Weihnachten zu tun haben soll? Keine Ahnung. Ich vermute ein heidnisches Relikt. Der Bock ist eng mit Thor verbunden, dessen Wagen von zwei Ziegenböcken gezogen wird, aber eine besondere Verbindung zwischen Thor und der Zeit um die Wintersonnenwende habe ich bisher nicht gefunden. Daß Weihnachten einfach eine christlich usurpierte Wintersonnenwende sei, halte ich für sehr zweifelhaft; siehe dazu der sehr lesenswerte Artikel von Martin: 24 populäre Irrtümer rund ums Weihnachtsfest. Trotzdem freue ich mich jedes Jahr auf die Wintersonnenwende, meine Freude hat aber nur wenig religiösen Grund: Ich freue mich darauf, daß ab dem 21. Dezember die Tage wieder länger werden.

2 Kommentare

  1. Geschrieben am 25. Oktober 2009 um 15:56 | Permalink

    Danke für den Link! Das vorchristliche Jul wurde allerdings wirklich zur Wintersonnenwende gefeiert, also ist das „neugermanische“ Fest nicht ohne historische Grundlage. (Aber das erwähnte ja schon in meinem Aufsatz.) Der Julbock in Gävle ist die letzten Jahre nicht mehr angesteckt worden, dank ständigen Webcam-Überwachung und einen flammenhemmenden Imprägnierung. Zu Thor und den Bocken: Freyr als Fruchbarkeitsgott ist nachweislich mit Jul verbunden, der Juleber (heute in Schweden auf Räucherschinken reduziert) geht auf das Fro Ing (Freyr) verbundene Tier, dem Eber Gullinborsti zurück. Da auch Thor, unter anderem, für Fruchbarkeit und Schutz vor den Frostriesen zuständig ist, passt auch er zum Charakter des vorchristlichen Julfestes.

  2. ryuu
    Geschrieben am 25. Oktober 2009 um 20:48 | Permalink

    Danke für die Hintergrundinfo 🙂

    Daß ich Jul und Weihnachten, naja, nicht komplett auseinanderhalten (das geht, glaube ich, gar nicht, angesichts der historischen Hintergründe), aber doch differenzieren will, hängt wohl auch an meiner Allergie gegen „Mittelaltermarktheiden“. Du weißt schon: die, die fleißig Christen bashen, aber selbst in sittenchristlichen Denkmustern befangen bleiben und die Vergangenheit gnadenlos romantisieren.

    Die englische Wikipedia und die Homepage der Bockenkamera sagen jedoch beide, daß der große Bock von Gävle letztes Jahr am 27. Dezember niederbrannte, und daß er letztes Jahr auch nicht imprägniert wurde.

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